Persönlich, schnell und flexibel

Die Gegensätze könnten in Großbritannien aktuell nicht größer sein. Hier die großen Verlagsgruppen, in denen hektisch nach neuen Konzepten gesucht und verzweifelt gespart wird, damit die Zahlen stimmen, dort die Kleinverlage, die der Rezession aktiv die Stirn bieten und für Panikstimmung keine Zeit haben. Klein ist im Königreich schon seit einigen Jahren „in“, aber noch nie waren die Davids so erfolgreich.

Die britische Buchbranche staunt nicht schlecht, was die Indies mit ihren kleineren Budegets zu bieten haben. Allen voran die 2005 gegründete Independent Alliance, deren acht Mitgliedsverlage im Vorjahr ihren addierten Umsatz um 28% auf 44,9 Mio Pfund gesteigert haben.

Was auch immer im Buchmarkt auf der Insel passiert, die Indies mischen munter in der ersten Reihe mit:

  • Literaturpreise: Der Man Booker 2008 ging an „The White Tiger“ von Atlantic-Autor Aravind Adiga, Fabers Sebastian Barry und „The Secret Scripture“ gewannen im Februar den Costa Award.
  • Branchenauszeichnungen: Bei den Anfang Juni vergebenen British Book Trade Awards gilt CanongatesThe Mighty Book of Whoosh“ als Favorit für die beste Marketingkampagne 2008. Auf der Shortlist für den Lektor des Jahres stellen Canongate, Atlantic Books und Faber vier der sechs Kandidaten.
  • Bestseller: Von Barack Obamas Büchern „Dreams from My Fathers“ und „The Audacity of Hope“ hat Canongate mittlerweile über 600.000 bzw. 500.000 Exemplare abgesetzt; „The White Tiger“ ist mit 150.000 verkauften Hardcovern der erfolgreichste Booker-Sieger, seit Yann Martel und „The Life of Pi“ 2002 die Auszeichnung für Canongate gewonnen haben, und Quercus hat den Schweden Stieg Larsson mit sechsstelligen Absatzzahlen salonfähig gemacht.

Indies sind schnell und flexibel

Dass die kleinen Verlage punkten, ist kein Zufall. Mit ihren schlanken Strukturen, engagierten Teams und innovativen Programmen haben sie sich in Marktnischen etabliert und können schneller als die Verlagsgruppen auf Trends und Themen reagieren. Die Autoren wiederum schätzen die persönliche Betreuung, die in den Konglomeraten immer öfter dem gespitzen Kalkulationsbleistift zum Opfer fällt.

Fast immer stehen zudem auch hinter den kleineren Verlagen erfahrene Verlagsprofis.  Fabers CEO Stephen Page, Initiator der Independent Alliance, hat seine Sporen bei HarperCollins verdient. Quercus-Chef Mark Smith kommt von Orion. Portobello-Verleger Philip Gwyn Jones war Verlagschef von HarperCollins’ inzwischen eingestampften Literatur-Imprint Flamingo und Profiles Andrew Franklin musste im Zuge von Sparmaßnahmen bei Hamish Hamilton gehen.

Was sie im Konzernverbund nicht durften, leben diese Profis nun auf eigene Verantwortung aus: Ein Faible für (verkäufliche) Avantgarde und gut gemachte Bücher zieht sich wie ein roter Faden durch alle Programme. Und: Obwohl Konkurrenten um die Lesergunst, ist die Bereitschaft bei diesen Verlagen zur Zusammenarbeit mit anderen Indies stark ausgeprägt.

Die Independent Alliance ist ein Beispiel, ein anderes die von Legend Press angestoßene Kampagne „Exclusively Independent“, die Indie-Titel im unabhängigen Buchhandel promotet. Seit Oktober stellt Legend alle sechs Wochen ein Paket von zehn Büchern für den Handel zusammen, nicht nur aus dem eigenen Haus, sondern auch von der Konkurrenz. Verlage können pro Zyklus drei Bücher (sowohl Neuerscheinungen als auch Backlisttitel) vorschlagen. Über die Zusammensetzung des Pakets entscheidet ein runder Tisch, zu dem in wechselnder Zusammensetzung Buchhändler, Kritiker, Autoren und immer ein Legend-Mitarbeiter gehören.

Das vom Arts Council mit einem Zuschuss von 6000 Pfund geförderte Projekt war zunächst auf London beschränkt, operiert aber landesweit, seit Zwischenbuchhändler Gardners im April als Vertriebspartner dazugestoßen ist. Gardners Einstieg war der Durchbruch: Innerhalb von wenigen Wochen ist die Zahl der teilnehmenden Buchhandlungen von fünf auf 14 gestiegen und täglich gehen mehr Anfragen ein, erstmals auch von Bibliotheken.

Anja Sieg, sieg@buchreport.de

aus: buchreport.magazin 6/2009

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