Generationsbericht aus der Karibik

Der 25. Mai 2009 ist der 60. Geburtstag von Jamaica Kincaid. Zum Jahrestag erinnert buchreport in Kooperation mit dem Verlag J.B. Metzler an den Roman „Annie John“, ein Seelenbericht über eine Kindheit auf der Antilleninsel Antigua. Ein Auszug aus dem neuen Kindlers Literatur Lexikon, das am 4. September 2009 erscheint.

Annie John


Hauptgattung: Epik/Prosa
Untergattung: Roman

(amer.; Annie John, 1989, B. Henninges) – Der 1985 in den USA erschienene Roman, dessen Schauplatz die Antilleninsel Antigua ist, beschreibt die Entwicklung der anfangs zehnjährigen Annie John bis zum Alter von 17 Jahren. Jeder Abschnitt steht unter dem Gegensatzpaar ›Anziehung und Entfernung‹. Durch ihre Neigung zu bestimmten Freundinnen und zu bestimmten Tätigkeiten werden dabei Annies entscheidende Entwicklungsphasen charakterisiert. Ebenso signalisiert die Entfernung von diesen Freundinnen und den jeweiligen Vorlieben ihr geistiges und soziales Wachstum. Der Roman zeichnet den Bildungsweg einer Persönlichkeit nach, die über ihre geographische Beschränktheit der kleinen Heimatinsel Antigua ebenso hinauswächst wie über die soziale Eingeschränktheit der Mittelklassenfamilie ihrer Eltern.

Das zentrale Moment ist Annies Beziehung zu ihrer Mutter, die mit 16 Jahren ihr Elternhaus verlassen hat und alle Erinnerungsgegenstände an Annies Reifungsprozess in ihrem alten Seekoffer aufbewahrt hat. Mutter und Tochter verbringen Stunden damit, diese Erinnerungskiste zu durchsuchen. Dabei erzählt die Mutter ihrer Tochter bei jeder der hier aufbewahrten Reliquien die entsprechende Anekdote, beispielsweise zum Kommunionskleid oder zur ersten Schuluniform. So bildet sich in Annies Bewusstsein eine an Erinnerungsstücken konkretisierte, immer wieder aktualisierbare Konzeption ihrer eigenen Biographie, die noch über ihr eigenes Sein hinaus zu den Eltern und Großeltern zurück verlängert wird. Vor allem aber ist dieses Bewusstwerden ihrer eigenen Persönlichkeit sehr stark durch die Präsenz und die emotionale Zuwendung geprägt, die sie von ihrer Mutter erfährt.

So ist die schmerzlichste Erfahrung ihrer Kindheit die allmähliche Auflösung dieser engen Bindung an ihre Mutter. Annie ist zwar in der Schule allen anderen Mädchen voraus, aber in ihrem Verhältnis zur Mutter wehrt sie sich heftig gegen den Übergang von der tröstlichen, einfachen Mutter-Kind-Beziehung zu einer anspruchsvolleren Beziehung von Frau zu Frau. In wechselnden Bildern taucht immer wieder dasselbe Thema auf: die Trennung von der Mutter und die ›Verstoßung‹ durch sie. Das widersprüchlich-schmerzhafte Psychogramm eines pubertierenden Mädchens wird in diesen Bildern lebendig. Annie reagiert auf die vermeintliche Verstoßung durch ihre Mutter, indem sie sich beispielsweise mit einem wilden, ungewaschenen Mädchen anfreundet – das genaue Gegenteil dessen, was die Mutter für sie anstrebt.

Die Schlussepisode fasst die ganze Jugendgeschichte nochmals schlaglichtartig zusammen: Annie ist auf dem Weg zur Landungsbrücke, wo sie das Schiff nach England besteigen wird. Wie in ihrer Kindheit geht sie zwischen Vater und Mutter, nur dass sie jetzt beide körperlich und in ihrem Lebenswillen überragt. Der Weg vom Elternhaus zur Landungsbrücke führt an allen Stationen der Kindheit vorbei, der Schule, der Kirche, dem Leuchtturm. Ein Gefühlsgemisch aus Freude, Zukunftshoffnung aber auch Angst und Verlustempfinden stellt sich ein bei dem Gedanken: »Ich werde das alles hier nie mehr wieder sehen.«

Jamaica Kincaids Seelenbericht über eine Kindheit hat für eine ganze Generation von Menschen aus der Karibik paradigmatische Qualitäten. Sie schrieb zwar in feinen Nuancen und leuchtete die schattigen Winkel einer wachsenden und sehr individuellen Persönlichkeit mit dem warmen Licht der Anteilnahme aus – wohl auch weil die Romanfigur Annie John sehr viel mit ihr selbst gemein hat –, aber sie zeichnete auch ein Bild von großer Allgemeingültigkeit. In der Kritik wurde Annie John als das weibliche Gegenstück zu George Lammings Jugendgeschichte In the Castle of My Skin, 1953 (In der Burg meiner Haut), gepriesen. Wie Lamming für die anglophone karibische Literatur der 1950er Jahre wird Jamaica Kincaid als Leitfigur einer neuen Generation jener Literatur gesehen.
• Lit.: D. E. Mistron: Understanding J. K.’s ›Annie John‹, 1999. • J. B. Bouson: J. K. Writing Memory, Writing Back to the Mother, 2005.
Astrid Erll / Eckhard Breitinger

Jamaica Kinca

id
geb. 25.5.1949 St. John’s (Antigua und Barbuda)
d.i. Potter Richardson Elaine Cynthia

1966 Emigration in die USA; Studium der Fotographie an der New York New School; Journalistin beim New Yorker; 1973 Änderung ihres Namens zu ›Jamaica Kincaid‹; Dozentin für ›Creative Writing‹ an der Harvard University; verfasste Romane, Kurzgeschichten und Essays.
• Lit.: M. Ferguson: J. K. Where the Land Meets the Body, 1994. • H. Bloom: J. K., 1998. • L. Paravisini-Gebert: J. K. A Critical Companion, 1999. • J. K. and Caribbean Double Crossings, Hg. L. Lang-Peralta, 2006. • J. D. Edwards: Understanding J. K., 2007.

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