Wozu noch Literaturkritik, Herr Dotzauer?

Die Zeitungskrise lässt das Feuilleton schrumpfen. Besonders gefährdet ist die Buchkritik, weiß „Tagesspiegel“-Redakteur Gregor Dotzauer (Foto), der in diesem Jahr den renommierten Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik erhalten hat.

Wozu brauchen wir Literaturkritik?
Um besser und genauer lesen zu lernen. Ich will Literatur und Literaturkritik nicht auf die gleiche Stufe stellen, aber solange wir uns einig sind, dass wir Literatur brauchen, brauchen wir auch die vermittelnde Kritik. Außerdem ist sie ein guter Indikator dafür, wie eine Gesellschaft über sich nachdenkt. Wie genau sie sich mit Sprache befasst, wie bewusst sie sich darüber ist, was eine Phrase ist und was ein Gedanke. Nirgendwo sonst beschäftigt sich das Wort so intim mit dem Wort. Ich halte das für eine Notwendigkeit, die übrigens auch für Sach- und Fachbücher gilt.

Warum gibt es jetzt Anlass zur Sorge?
Nehmen Sie meine eigenen Erfahrungen: Im Verlauf der letzten zehn Jahre ist der Platz für Literatur in meiner Zeitung um die Hälfte geschrumpft. Und das Fachbuch, das auch ein breiteres Publikum etwas angehen könnte, ist fast vollständig verschwunden: Wichtige geistes- und sozialwissenschaftliche Werke kommen nur noch sporadisch vor. Bei anderen Zeitungen unserer Größe sieht es nicht besser aus. Hinzu kommt, dass die Honorare für Literaturkritiker auch bei den Marktführern zusammengestrichen worden sind.

Verliert die Literaturkritik ihre Funktion?
Dazu trägt sicher auch die veränderte Stellung des Buchhandels und des Buchhändlers bei. Die herkömmliche Rangfolge von Produktion, Distribution und Interpretation hat sich zugunsten des Buchhandels verschoben, die großen Ketten haben das Ruder an sich gerissen. Deren Chefeinkäufer lesen garantiert keine Kritiken, sie brauchen sie auch nicht. Verlage rätseln mittlerweile darüber, wie ihre Bücher überhaupt an den Leser kommen. Ist es das Marketing, ist es die Besprechung, ist es die Mundpropaganda?

Bei Kehlmanns „Ruhm“ hat der Rowohlt Verlag juristisch um die Einhaltung der Sperrfrist gerungen, für weniger exponierte Bücher und Verlage bricht die Zeitung als Öffentlichkeitsplattform weg. Ein Trend, der noch zunehmen wird?
Die Hysterie, die um die Sperrfristen ausgebrochen ist, kann kaum noch schlimmer werden. Wir Literaturkritiker können das Wasser meistens gerade noch so halten. Es sind die Chefredakteure, die drängeln, als könnte man auf diesem Gebiet eine Konkurrenz austragen wie bei Nachrichten. Ob die Vielfalt der Neuerscheinungen und Verlage auch zukünftig im Blatt berücksichtigt werden kann, hängt aber weiterhin von der Neugier jedes Einzelnen ab sowie von den jeweiligen Arbeitsbedingungen.

Sägen die Literaturkritiker nicht auch selbst an ihrem Stuhl, indem sie mehr und mehr zu Dienstleistern des Buchmarktes werden?
Tendenziell haben die Kritiken der überregionalen Zeitungen eine hohe Qualität, obwohl es da hin und wieder auch einen Hang zum Marktschreierischen gibt. Vor allem im Ländervergleich, beispielsweise mit Frankreich oder England, zeigt sich das hohe Niveau der deutschen Literaturkritik.
Wahrscheinlich müsste Literaturkritik aber noch viel klarer machen, was sie von der reinen Lese-Empfehlung und von der Amazon-Leser-Kritik unterscheidet. Sie braucht eben ein gewisses intellektuelles Gewicht. Was nicht heißt, dass sie nicht auch populäreren Formen von Literatur gegenüber aufgeschlossen sein sollte. Ein Buch wie Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ kann einen anregen, sich mit der Geschichte von Obszönität in der Literatur auseinanderzusetzen. Zugleich würde ich uns allen aber mehr Mut wünschen, den einen oder anderen Blockbuster mit großer Gelassenheit zu ignorieren. Die wichtigen Bücher haben es verdient.

Mangelt es an guten Büchern?
Im Gegenteil: Es gibt mehr interessante Neuerscheinungen, als wir alle zusammen bewältigen können. Und doch ist es interessant zu sehen, dass eine erstaunliche Übereinkunft der Literaturkritiker darüber herrscht, was gute Literatur ist und besprochen werden soll. Dahinter steht keine Verschwörung, es liegt daran, dass die momentan wortführenden Literaturkritiker aus der Generation der 30- bis 50-Jährigen stammen.

Wo ist dann die Rolle des Literaturkritikers im weitläufigen Gemurmel über Bücher?
Um nicht missverstanden zu werden: Wir brauchen das Gespräch über Bücher auch bei Amazon und in Blogs. Im Interesse eines funktionierenden Buchgeschäfts, wo große Titel kleine Titel mitziehen, brauchen wir auch eine Elke Heidenreich, so sehr ich missbillige, was sie als Literaturkritikerin tut. Das eine sind mit enthusiastischen Ausrufen gewürzte Inhaltsangaben, das andere differenzierte, analytische Kritiken, die ausloten, was ein Buch dem Leser an Gedanken aufgibt. Ich halte es für einen Irrtum, wenn das in Zeitungsredaktionen als zu mühsam und zu wenig unterhaltsam gilt. Darin steckt, auch jenseits der Kritik, die Überlebenschance von professionell gemachten Zeitungen.

Rezeptionsgewohnheiten ändern sich: Literaturfestivals gewinnen an Zulauf, der Schriftsteller als Person rückt stärker in den Blick. Wer möchte da noch lange Aufsätze lesen?
Länge ist dabei sicher nicht das erste Kriterium. Und die Veränderungen betreffen nicht die Literaturkritik allein. Wie Zeitungen kann man auch Literaturfestivals nicht über einen Kamm scheren. Es gibt welche, die auf Glamour setzen, andere sind in erster Linie vom Entdeckergeist beseelt. Beides ist Literaturvermittlung, die unterschiedliche Leserkreise erschließt. Ich bin überzeugt davon, dass es trotz der Konkurrenz der elektronischen Medien auch bei jungen Menschen weiterhin eine kulturtragende Schicht gibt, die das alte Bildungsbürgertum beerbt. Diese Menschen sind dankbar für Kritiker, die Lese-Erfahrungen in eine unterhaltsame und gedankenreiche Form bringen.

Warum können Internet und Fernsehen kein Forum für professionelle Literaturkritik sein?
Das würde ich so nicht sagen. Aber Fernsehen ist ein Medium, das auf der Präsenz des Kritikers beruht, auf seiner rhetorischen Überzeugungskraft. Es ist ein Überredungs-, kein Argumentationsmedium. Andererseits bin ich natürlich gespannt, wie Ijoma Mangold und Amelie Fried das demnächst im ZDF machen werden.

Der Unterschied des Printprodukts zum Internet ist nicht so drastisch. Ein Text ist ein Text, der alles haben muss, was ein guter Text braucht: Klarheit, Gedanklichkeit, Sprachfantasie. Allerdings braucht es die Ruhe des Papiers, um eine bestimmte Komplexität von Texten zu verstehen. Selbst der ausgedruckte Online-Text hat typografisch eine ganz andere Anmutung als ein Zeitungsartikel. Die Aufmerksamkeit wird ganz anders gebündelt. Die meisten Zeitungen nutzen im Moment das Vertrauen in die Print-Marke, um auch online zu punkten. Das alte Geschäftsmodell ist gefährdet, das neue funktioniert noch nicht richtig, weder ökonomisch noch journalistisch. Und bis das neue sich durchgesetzt hat, kann einiges auf der Strecke bleiben. Da braucht man sich nur die Verhältnisse in Amerika ansehen.

Die Fragen stellte Nicole Stöcker  –  Foto: Kai-Uwe Heinrich

aus: buchreport.magazin 5/2009

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