Kein Fall Reich-Ranicki

In der „Süddeutschen Zeitung“ geht Franziska Augstein mit dem Buch „Wolke und Weide. Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre“ (Klett-Cotta, 22,90 Euro) von Gerhard Gnauck der Frage nach, was der spätere Literaturpapst vor 1950 in Polen getrieben hat.

„Seitdem Marcel Reich-Ranicki sich in der Bundesrepublik vor mehr als vierzig Jahren einen Namen gemacht hatte, zirkulierte in intellektuellen Kreisen eine bange Vermutung: Dass es ihm gelang, sich und seine Frau Teofila aus dem Warschauer Ghetto zu retten, sei vielleicht nur möglich gewesen, weil er dafür eine Gegenleistung habe entrichten müssen“, rekapituliert Augstein. „Später wurden neue Vorwürfe gegen Reich-Ranicki laut: 1994 machte der Journalist Tilman Jens in Deutschland publik, dass jener nach dem Krieg für den polnischen Sicherheitsdienst gearbeitet hatte. Die Presse reagierte rege, ein paar Tage lang. Dann lief eine neue Sau durchs Dorf.“

Anders als Tilman Jens wolle Gnauck mit seinem Buch über Reich-Ranickis polnische Jahre „nicht eine Autoritätsperson vom Sockel stürzen, er respektiert den berühmten Kritiker“, meint die Rezensentin. Doch der Journalist habe vor allem nach Tatsachen gesucht, die dem Literaturpapst heute unangenehm sein könnten. „Gerhard Gnauck hat die Archive mit forensischer Akribie durchforstet. Was er fand, reicht jedoch für einen ,Fall Reich-Ranicki’ nicht hin.“ Aus Gnaucks Recherchen ergebe sich „nicht einmal ansatzweise“, dass Reich-Ranicki in seinen Jahren im Dienste der KP Polens irgendwem schweren Schaden zugefügt habe. „Verständlich wird hingegen, warum Reich-Ranicki über die Details dieser Zeit nicht gern redet. Als er in der Bundesrepublik angekommen war, hätte er sich mit der Geschichte vom ehemals überzeugten Kommunisten Marceli Reich wenig Freunde gemacht. Also zieht Reich-Ranicki es vor, über diese Jahre nicht allzu ausführlich zu reden.“

Gnaucks Buch sei „gut geschrieben“, bescheinigt Augstein dem Autor schließlich. „Wäre die Detektivarbeit in den Archiven ergiebiger gewesen, hätte sie so etwas wie einen biographischen Thriller ergeben. Stattdessen wird der Leser von einer Sackgasse in die nächste geführt. Umso anregender ist dafür alles, was Gnauck von den Zuständen und der Stimmung in Polen während des Krieges und danach erzählt. Er hat mit vielen alten Leuten gesprochen, er kennt sich aus. Eines Tages, so ist zu hoffen, wird Gnauck ein Buch über die Polen und ihren Umgang mit ihrer Geschichte veröffentlichen.“

„Süddeutsche Zeitung“ (Seite 14)

VORAUSGESEHEN – Bücher in den Zeitungen

Belletristik

Volker Harry Altwasser: Letzte Haut. Roman. Matthes & Seitz 2009, 21,80 Euro
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Seite 32)
 
Peter Handke: Die Kuckucke von Velika Hoca. Eine Nachschrift. Suhrkamp 2009, 15,80 Euro
„Neue Zürcher Zeitung“ (Seite 40)
 
Alexa Henning von Lange: Peace. Roman. DuMont Buchverlag 2009, 14,95 Euro
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Seite 32)
 
Sarah Kuttner: Mängelexemplar. S. Fischer 2009, 14,95 Euro
spiegel.de (Interview)

Sachbuch

Richard David Precht: Liebe. Ein unordentliches Gefühl. Goldmann 2009, 19,95 Euro
bild.de (Interview)
 
Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit. Piper 2009, 22,95 Euro
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Seite 7)
 
Rainer Rother: Nina Hoss. Ich muss mir jeden Satz glauben. Ein Porträt. Henschel 2009, 19,90 Euro
tagesspiegel.de

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