Gehört die Buchkritik ins Netz, Herr Illies?

Die „Washington Post“ hat ihre renommierte Literaturbeilage „Book World“ wegen Anzeigen- und Auflagenschwunds eingestellt. Im Interview mit buchreport erklärt der designierte Feuilleton-Chef der „Zeit“, Florian Illies, warum die Hamburger Wochenzeitung weiter auf Buchempfehlungen setzt.

Amerikanische Zeitungen haben wegen Anzeigen- und Auflagenschwunds ihre Literaturbeilagen eingestellt. Erwarten Sie ähnliche Entwicklungen in Deutschland?
Amerika lässt sich wohl nicht ohne Weiteres mit Deutschland vergleichen, da die Reichhaltigkeit des Kultur- und Feuilletonangebots in deutschsprachigen Zeitungen einzigartig ist: Unter anderem dank der vielfältigen Theater- oder Musikbühnenszene sowie einer breiten Beschäftigung mit dem Kulturgut Buch. Außerdem ist die Wirtschaftskrise in Amerika bereits viel extremer spürbar. Natürlich beobachten wir diese Warnsignale sehr genau, auch welche Folgen z.B. das E-Book für den Werbemarkt und die gesamte Kulturbranche haben wird.

Wird bei einer Medienkrise zuerst beim Feuilleton der Rotstift angesetzt?
Noch kann niemand die Auswirkungen der Wirtschaftskrise vorhersagen, bei der „Zeit“ erleben wir derzeit glücklicherweise einen gegenteiligen Trend. Mit dem zur Frankfurter Buchmesse erstmals beiliegenden Literaturmagazin hat die „Zeit“ eine außerordentlich hohe Auflage im Einzelverkauf erzielt. Das zweite positive Signal ist die Anzeigenentwicklung: Die Weihnachtsbeilage 2008 hat im Umsatz die des Vorjahres übertroffen und die Ausgabe zur Leipziger Buchmessenbeilage, die am 12. März erscheint, verbucht 15% mehr Anzeigenumsatz. Die Buchverlage wissen, dass sie in der „Zeit“ bei einer lesenden Bevölkerung eine maximale Verbreitung erzielen können: Unsere Leser kaufen über 20 Bücher pro Jahr und wünschen auch weiterhin Buchempfehlungen.

In Amerika wird aufs Internet als Ort der Kulturberichterstattung verwiesen. Sind Buchrezensionen online besser aufgehoben?
Die Zukunft für die Kulturberichterstattung liegt weiter in guten Texten. Die klassische und tiefgehende Literaturrezension hat ihren genuinen Platz in unserem Literaturmagazin und im Literaturteil unserer Zeitung. Gleichzeitig gibt es andere journalistische Meinungsformen, die sich im Internet stärker etablieren werden. Man muss sehr darauf achten, dass diese Genres sich unterscheiden. Ich glaube an die Koexistenz von Online und Print – inwieweit sie friedlich sein wird oder nicht, wird die Zukunft zeigen.

Zur Person: Florian Illies

1974 im oberhessischen Schlitz geboren, studierte Illies Kunstgeschichte in Bonn und Oxford. Nach dem Volontariat bei der „Fuldaer Zeitung“ wurde er 1997 Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. 2000 legte er seinen Bestseller „Generation Golf“ vor, dem weitere Sachbücher folgten. 2004 gründete er mit
seiner Frau Amélie von Heydebreck die Zeitschrift „Monopol“. Seit 2008 arbeitet Illies bei der Wochenzeitung „Die Zeit“, zunächst als Berater beim Start des Literaturmagazins, ab April dieses Jahres als Leiter des Feuilleton-Ressorts.

aus: buchreport.magazin 3/2009

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