Eine Million potentieller Käufer

Der Hamburger IT-Dienstleister heubach media hat nach eigenen Angaben in fünf Wochen über 5000 E-Books mit gemeinfreien Texten über den Apple-Shop iTunes für das iPhone verkauft, darunter eine Anthologie mit Goethe-Texten. Im Interview mit buchreport.de erklärt Matthias Heubach die Renaissance der Klassiker.

Im iTunes-Store werden die Klassiker der Literatur seit Wochen stark nachgefragt. Wie erklären Sie sich die Renaissance der Klassiker?
Das liegt an drei Dingen:
1. Es gibt aktuell kaum deutsche Literatur auf dem iPhone.
2. Die Zielgruppe des iPhone ist sehr kompatibel mit der Zielgruppe der
Klassiker.
3. Das iPhone schafft es im Gegensatz zu einem PDF- oder E-Pub-EBook die Haptik des Buches wiederherzustellen. Damit kann man jederzeit seinen „Bücherschrank” zeigen, so wie man bis vor kurzem seine Fotos gezeigt hat. Wir verkaufen über 100 E-Books am Tag. Bis zu 10 am Tag werden außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz nach Japan, Korea, USA und Australien verkauft. Eigentlich wollten wir nur den Verlagen zeigen, wie es geht. Da nach vielen Gesprächen immer noch Einiges unklar war – wie hoch ist der Aufwand, wie viel verkauft man, etc. – haben wir die Klassiker als Test in den Markt geschickt. heubach media bringt mit diversen Verlagen zur Buchmesse in Leipzig aber auch aktuelle deutsche Literatur aufs iPhone. Ich bin mir sehr sicher, dass wir hier einen großen Erfolg haben werden.

Die ganze Technik-Welt spricht vom Kindle. Was prädestiniert das iPhone als E-Book-Reader? Oder ist dies nur eine Zwischenlösung?
Gegenfrage: was ist eine Zwischenlösung? Ist das gedruckte Buch vielleicht auch nur eine Zwischenlösung zwischen Steintafel und digitaler Welt? Jede Zeit und jede Zielgruppe hat Ihren Markt. Wenn wir heute ein E-Book aufs iPhone bringen, dann haben wir ca. eine Million potentieller Käufer in Deutschland und ca. 7 bis 8 Millionen potentieller Käufer weltweit. Der große Vorteil ist: Diese 8 Millionen kennen schon den Store und haben einen Account mit Zahlungsinformationen hinterlegt. Diese kaufen jeden Tag in diesem Store. Das kaufen von solchen Programmen ist bei iPhone-Usern Alltag. Sie müssen sich nicht bei einer Website einloggen, nochmal Zahlungsinformationen hinterlegen und dann irgendwie sehen, wie das E-Book auf Ihren Rechner und dann auf den Reader kommt! Sie kaufen das E-Book einfach so wie sie Musik oder Games kaufen. Ich persönlich lese auf einem iPhone Display viel lieber als auf einem Kindle oder einem Sony-Reader. Mir gefällt das Display besser. Die Reader sind ja aktuell nicht mal in Farbe. Wir bringen zur Buchmesse erste deutsche Cartoons auf das iPhone. Comics oder Cartoons ohne Farbe? Und denken Sie an die multimedialen Möglichkeiten. Die E-Book Reader sind in Amerika zu einer Zeit auf den Markt gekommen, in der sie konkurrenzlos waren. Seit den größeren Touch-Handys ist dieser Vorteil weg.

Wie werden die E-Books der Zukunft aussehen? Wie werden sie sich vom klassischen Buch unterscheiden?
Wir wissen aus unseren bisherigen Erfahrungen: Das E-Book Geschäft heute ist ein eindeutiges Zusatzgeschäft. Es greift heute in keinster Weise den normalen Buchmarkt an. Aus unserer Sicht haben Verlage, die E-Books verkaufen, also nicht 5% Umsatzanteil im E-Book Markt, sondern 100% Ihres Kernmarktes und 5% oben drauf im E-Book Markt. E-Books werden zweckgebundener gekauft und eingesetzt als Bücher. Man schlendert nicht mehr durch Buchhandlungen und kauft sich ein Buch, sondern hat immer ein Ziel vor Augen. Beispiele:
1. Ich habe gerade Zeit am Flughafen und möchte 15 Minuten Spaß haben.
2. Ich brauche für eine Arbeit eine bestimmt Information.
3. Ich sitze morgens in der Bahn nach München und möchte ein Buch lesen.
Wenn man sich den Markt in Japan anschaut, sieht man, dass hier Verkäufe bis eine Millionen Einheiten auf mobilen Devices im Bereich Belletristik möglich sind. Diese Zielgruppen kaufen keine Reader, diese nutzen das Handy.
Wir sind mit den E-Books mitten im viel zitierten Long Tail. Alleine unser Goethe-E-Book liegt bei 4-stelligen Verkäufen. Wir sind ziemlich sicher, dass in diesen Märkten über Jahre hinweg immer wieder auch mit Backtiteln Umsätze generiert werden können.

Die Fragen stellte Daniel Lenz

Kommentare

2 Kommentare zu "Eine Million potentieller Käufer"

  1. Matthias Heubach | 16. April 2009 um 6:40 | Antworten

    Ich bin nicht der Meinung, dass 0,79 cent Titel die Qualitativ hochwertigen und aktuellen Titeln schaden. Aktuelle Titel wie „Bodo Kirchhoff“ mit 17,99 Euro auf dem iPhone oder „Anselm Grün – Lebensfragen“ für 9,99 Euro laufen super! Natürlich kommen diese Bücher aufgrund der gerinigen Verkäufe nicht in die Top10 aber das macht auch nichts wenn der Gewinn am Ende des Tages zählt. Und der ist mit ein paar 17,99 Titel schneller erreicht als mit vielen 0,79 Titeln.

  2. Franz Burkart | 2. März 2009 um 22:13 | Antworten

    Rechnen wir mal: die Ebooks kosten 0,79 Cent. Abzüglich 17% Mwst (Luxemburg) und 30% für Apple bleiben knapp 40 Cent pro Download. Und bedenkt man, dass die 2000 Euro mit mehreren Titeln verdient wurden, die unter den Top 10 über Wochen zu finden waren, sieht man, wie eng es wird, mit aktueller Literatur dort Geld zu verdienen.
    Wenn sich die ruinöse Preispolitik der Anbieter im iTunes Appstore nicht ändert und Billigproduktionen den Markt verstopfen, wird sich dort langfristig kaum Qualität durchsetzen können.

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