Jedes Buch in 60 Sekunden

Das Wichtigste vorab: Das weltweit von Journalisten mit großen Augen erwartete neue Kindle dürfte in Deutschland zumindest in den kommenden Monaten kaum zur Welt kommen. Nach einer stichprobenartigen buchreport-Umfrage hat Amazon bisher noch nicht bei Verlagen hierzulande angeklopft, um Inhalte zu akquirieren. Umso gelassener können Sony, Thalia und Libri (die ihr eigenes E-Book-Projekt zur Leipziger Buchmesse starten) die Einführung des neuen E-Book-Lesegeräts jenseits des Atlantik verfolgen – zumindest noch.

Schwächen der ersten Generation ausgemerzt

Die wichtigsten Neuerungen:

Das Gerät ist dünner und insgesamt filigraner verarbeitet; federführend war nach Medienberichten die Firma Lab 126, die auf Unterhaltungselektronik spezialisiert ist und in Cupertino (Kaliformien) nur wenige Blocks entfernt von Apple sitzt – offenbar kein Zufall: Hergestellt wird das Gerät bei Apples chinesischem iPod-Produzenten Hon Hai Precision Industries.

  • Der interne Speicher wurde auf 2 Gigabyte versiebenfacht (auf 1500 Bücher).
  • Das Display zeigt 16 statt 4 Graustufen an, was die Darstellung der Inhalte verbessert.
  • Die Batterie-Kapazität wurde um ein Viertel vergrößert – laut Amazon hält eine Ladung beim Verzicht auf die Funkanbindung etwa zwei Wochen.
  • Eine neue Funktion besteht darin, dass sich der Nutzer Texte vorlesen lassen kann.  
  • Das neue Gerät ermöglicht einen um 20% schnelleren Seitenwechsel.
  • Der Kindle-Store umfasst aktuell mit 230.000 Büchern 140.000 Titel mehr als zum Start, darunter 103 der 110 aktuellen Bestseller der „New York Times“-Liste, sowie Zeitungen/Zeitschriften wie den „New Yorker“ oder die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sowie über 1200 Blogs (ursprünglich 250).
  • Der Preis bleibt bei 359 Dollar (ca. 280 Euro), Lieferung ab 24. Februar.

Auf den ersten Blick hat Amazon mit der zweiten Generation des Kindle die Schwächen der ersten Beta-Version ausgemerzt – besonders das klobige Design und die behäbige Bedienung hatten viele Käufer moniert. Und doch hat das Unternehmen aus Seattle am Montag auch perspektivisch seine Ansprüche auf dem digitalen Buchmarkt selbstbewusst verdeutlicht:

  • Wettbewerb: In einer Abwandlung des ursprünglichen Slogans des Onliners, dem Kunden alles anbieten zu wollen. was dieser im Internet kaufen möchte, kündigte Firmenchef Jeff Bezos an: „Unsere Vision besteht darin, jedes Buch, das jemals gedruckt wurde, in jeder Sprache binnen 60 Sekunden liefern zu können.“
  • Außerdem plant Amazon, künftig elektronische Bücher nicht nur für den Kindle, sondern auch andere Lesegeräte (u.a. Smartphones wie dem iPhone) anzubieten – der Plan urde zeitlich nicht spezifiziert.
  • Dies wiederum wäre ein Generalangriff auf Sony und Google – die Suchmaschine plant ebenfalls den Verkauf von E-Books aus dem eigenen Verleger-Programm und bietet bereits die eingescannten gemeinfreien Bücher neuerdings in einer für Mobiltelefone optimierten Version an.
  • Inhalte: Entscheidend könnte bei diesem sich abzeichnenden, verschärften Wettbewerb das inhaltliche Portfolio sein. Zwar könnte Google sowohl vergriffene bzw. gemeinfreie als auch aktuelle Bücher aus einer Hand anbieten, während Sony in Deutschland vorwiegend Frontlist-Titel offeriert. Demgegenüber umfasst das Kindle-Programm vergleichsweise wenig Backlist-Titel, dafür neben vielen Novitäten auch Abos von Zeitungen sowie Blogs – und exklusive Inhalte.
  • Stephen King: Den Weltbestseller-Autor für ein exklusives Buchprojekt zu gewinnen („Ur“, eine Geschichte, in dem der Kindle thematisiert wird, Preis: 3,99 Dollar) könnte primär ein Marketing-Coup zum Start des neuen Kindle sein, demonstriert aber überdies, dass Amazon nicht (mehr) auf die Kooperation der Verlage angewiesen ist; schon seit Monaten ködert Amazon gezielt Autoren ohne den Umweg ihrer Verlagshäuser. Mit einer ähnlichen Strategie operiert Amazons jüngste Übernahme Audible, der Weltmarktführer im Download-Vertrieb von Hörbüchern, der immer häufiger auch auf eigene Faust Hörbücher produziert und erfolgreich vertreibt.
  • Partner: Nach einem Bericht der „New York Times“ hat der weltgrößte Publikumsverlag Random House eine Kooperation zur Digitalisierung von Backlist-Titeln geschlossen – ein großer Erfolg für Amazon.

Wie geht es also weiter mit Kindle & Co.? Rund neun Jahre nach dem ersten Versuch der Branche, E-Book-Lesegeräte zu etablieren, scheint eine erneute Bauchlandung zumindest unwahrscheinlich:

  • Nach Einschätzung eines Citigroup-Analysten konnte Amazon bis dato 500.000 Geräte verkaufen;  bis 2010 werde die Zahl auf 1,2 Mio steigen.
  • Laut Bezos haben von den 230.000 Titeln, die Amazon im Print und digital vertreibt, die Kindle-Versionen schon heute einen Umsatzanteil von 10%.

Nimmt Amazon Anlaufverluste in Kauf?

Und doch darf man sich von den Zahlen nicht blenden lassen. Analog dazu, dass Amazon erst 2003, im neunten Jahr des Bestehens, erstmals im Gesamtjahr einen Nettogewinn ausgewiesen hat (magere 27 Millionen Euro), nimmt der Onliner auch beim Kindle offenbar Anlaufverluste in Kauf. Obwohl viele Verleger die Pricing-Strategie von Amazon ablehnen und ihre digitalen Titel zum gleichen Preis wie die Printausgaben an Amazon verkaufen, hält Amazon am 9,99-Dollar-Preis für Bestseller fest (in den USA sind E-Books, anders als in Deutschland, nicht preisgebunden). „Ich glaube nicht, dass ein neues Buch eines Autors elektronisch billiger sein sollte als gedruckt“, zitiert die „NYT“ Simon & Schuster-Chefin Carolyn K. Reidy. Während Bezos dagegenhält: „E-Books sollten günstiger sein als physische Bücher. Die Leser verlangen das, und sie haben Recht, weil es viele Effizienzen in der Wertschöpfungskette im Gegensatz zum Druck von Büchern gibt.“

Mehr zum Thema im kommenden buchreport.express 7/2009

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