Mit Gefühl oder Verstand, Frau Westermann?

Das ZDF hat Sie für ein Aspekte-Spezial ausgeliehen. Bleibt es bei diesem Gastauftritt?
Ja, das war eine einmalige Sache.

Können Sie sich vorstellen, eine eigene Literatursendung im Fernsehen zu moderieren?
Ich bin offen für alles. Bücher vorzustellen macht mir Spaß und ich hoffe, das merkt man auch. Über interessante Konzepte freue ich mich immer.

Sie besprechen Bücher im Fernsehen und im Radio. Funktionieren Buchrezensionen in diesen Medien unterschiedlich?
Nein, was allein zählt ist, ob man demjenigen, der ein Buch empfiehlt, anmerkt, wie sehr es ihm am Herzen liegt. Statt Schulmeisterei oder akademischer Klimmzüge ist es wichtig, zu erklären, warum ein Buch in eine andere Welt entführt, vom schnöden Alltag entlastet. Und man muss seine eigene Begeisterung für ein Buch anderen Menschen vermitteln können.

Was schafft Orientierung in der Flut der Neuerscheinungen?
Man muss sich einfach ein bisschen Zeit nehmen und in Bücher reinlesen. Wenn man nach 10 oder 20 Seiten von der Geschichte gepackt ist und weiterlesen will, ist das für mich das beste Kriterium für ein gutes Buch. Und dazu brauche ich keine Bestsellerliste.

Wonach wählen Sie Ihre Bücher aus?
Natürlich werde ich von den Verlagen mit Büchern eingedeckt. Bei der Auswahl können mich schon äußerliche Eindrücke neugierig machen, z.B. wenn ein Buch schön gemacht ist, ein interessantes Cover hat. Ansonsten lese ich einfach ein paar Seiten, und meist weiß ich schon bald, ob mir die Sprache gefällt oder nicht.

Lesen Sie Besprechungen in den Feuilletons?
Oft habe ich diese Bücher selbst schon gelesen, und dann ist es sehr spannend, wie die Hochfeuilletonisten an ein Buch rangehen. Ich habe eine andere Methode. Um es ganz platt zu sagen: Ich bin den Leuten auf der Straße näher.

„Hier spricht der Kopf und hier das Herz“, so haben Sie in der „Aspekte“-Sendung Wolfgang Herles und sich selbst charakterisiert.
Wahrscheinlich wird mir Reich-Ranicki den Kopf abreißen, wenn er das liest, aber es ist mir egal, ob „Der weiße Tiger“ ein Schelmenroman ist und ob man das mit dem „Simplicius Simplicissimus“ vergleichen kann. Manchmal habe ich das Gefühl, dass den Menschen, die im Fernsehen auftreten oder fürs Feuilleton schreiben, der Bezug zum richtigen Leben fehlt. Wer den ganzen Tag im Büro oder der Fabrik verbringt, dem sind akademische Fragen relativ wurscht. Wenn diese Menschen abends überhaupt zum Buch greifen, dann wollen sie in eine andere Welt entführt werden und keine intellektuelle Schwerstarbeit leisten.

Müssen Bücher eher Ihr Gefühl als Ihren Verstand ansprechen, um Sie zu begeistern?
Wolfgang Herles meint, dass ein Buch auch Arbeit sein muss. Da mag er recht haben, aber manchmal ist ein Buch auch emotionale Arbeit. Nur, wer setzt sich schon abends hin und liest etwas, was ihm Arbeit macht? Wenn es heißt, dass jeder vierte kein Buch liest, dann frage ich mich ernsthaft, woran das liegt. Sicher nicht daran, dass die Bücher schlecht sind. Ein Grund ist wohl, dass es Kulturjournalisten meist nicht gelingt, die Leute für Bücher zu interessieren.

Ist es denn nicht gut, wenn Literaturkritik einen hohen Anspruch in der Begründung anstrebt – auch im Fernsehen?
Aber die Frage ist doch, wem werden die Bücher vorgestellt: Den Akademikern oder einer breiten Bevölkerung? Vielleicht müsste es zwei unterschiedliche Literaturformate im Fernsehen geben: Eines, das die Intellektuellen bedient, die alles literarisch eingeordnet haben möchten, und eines für diejenigen, die einfach nur ein gutes Buch lesen wollen und mit einfachen Worten gesagt bekommen möchten, warum diese Geschichte ihnen gefallen könnte. Diese Leidenschaft wird im Hochfeuilleton viel zuwenig vermittelt.

Welche Literatursendungen sehen Sie sich an?
Ehrlich gesagt, gar keine. Ich schaue relativ wenig fern und brauche keine Vorbilder. Ich habe mir früher mit Begeisterung das „Literarische Quartett“ angesehen, aber da bin ich immer auf Minimalgröße geschrumpft, weil ich gedacht habe, „herrje, du weißt gar nichts“.

Ist das deutsche Fernsehen so schlecht, wie Reich-Ranicki behauptet?
Natürlich nicht, die Leute haben die Wahl, sie können bei Nichtgefallen ausschalten. Und wenn „Deutschland sucht den Superstar“ 10 Mio Zuschauer hat, dann müssen die wohl irgendwas richtig machen. Ich finde es ziemlich bodenlos, wie in dieser Sendung mit Menschen umgegangen wird, aber andere sind offensichtlich fasziniert. Weshalb werden nicht einmal Buchsendungen produziert, die so gut sind, dass Millionen Leute einschalten?

Die Einschaltquoten von Literatursendungen sind davon weit entfernt.
Das ist auch kein Wunder. Wenn diese Sendungen um 23 Uhr im Spätabendprogramm versteckt werden, suchen weniger danach als wenn sie um 20.15 Uhr laufen. Alles was gut ist und im weitesten Sinne Kultur, wie etwa Fernsehspiele oder Theateraufführungen, wird zeitlich nach hinten verbannt. Wenn dann zu dieser späten Stunde noch einer kommt, von dem die Leute wissen, dass er sie intellektuell zudröhnt, dann schalten sie gar nicht erst ein. Ich bin davon überzeugt, wenn man Elke Heidenreich einen anständigen Sendeplatz gegeben hätte, sagen wir um 21 Uhr, und sie ihre pädagogischen Unterweisungen reduziert hätte – das Ganze hätte eine gute Sehbeteiligung gehabt.

Elke Heidenreich ist mit ihrer Sendung ins Internet gegangen. Liegt dort die Zukunft des Kulturfernsehens?
Das weiß ich nicht, ich gehöre zu der Generation, die das Internet jetzt zwar entdeckt, aber niemals eine Zeitung im Internet lesen würde. Ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass Leute, die verlegen sind um eine gute Buchempfehlung, Heidenreich auch ins Internet folgen werden.

Man hatte nicht den Eindruck, dass Sie sonderlich gut mit Herles harmonierten. Wer wäre der ideale Partner für eine gemeinsame Literatursendung – Götz Alsmann?
Ein guter Partner wäre sicher mein Kollege Jörg Thadeusz, weil er Herz hat, Gefühl kennt, ein sehr intelligenter Kopf ist, der zudem noch großartig formulieren kann – mit ihm könnte ich es mir sehr gut vorstellen. Ich glaube, es ist wichtig, dass eine Literatursendung von zwei Personen bestritten wird, die einen unterschiedlichen Zugang zu Büchern haben. Sicherlich würde Jörg Thadeusz ganz andere Bücher empfehlen als ich. Mit Götz Alsmann, den ich sehr schätze, kann ich es mir eher nicht vorstellen, weil er – und das meine ich ausgesprochen positiv – eher abseitige Lesevorstellungen hat. Aber wenn man in der Sendung eine Reihe hätte mit dem Titel „Das ungewöhnliche Buch“, wäre er als Buchkritiker die Idealbesetzung.

Die Fragen stellte Till Spielmann

aus: buchreport.magazin 1/2009

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