Neue Branchenstandards setzen

Wenn es um die systematische Erschließung neuer Absatzmärkte für Bücher und deren punktgenaue Vermarktung geht, führt in den USA kein Weg an HarperCollins vorbei. Der neue Chief Executive Brian Murray setzt mit Gusto auf Innovation und hat keinerlei Probleme, dafür notfalls mit Branchenstandards zu brechen. Jüngstes Beispiel: Das unkonventionelle Verlagsmodell HarperStudio, das im April 2009 an den Start geht.

Mit dem schnörkellosen Imprint sieht Murray die Chance, „guten Büchern eine Plattform zu geben“, die ansonsten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten im Schatten der Toptitel durch das Raster fallen würden. „Die Buchbranche hat sich in starren Denkweisen festgefahren; es ist dringend an der Zeit, die Scheuklappen abzulegen und mutig eingefahrene Wege zu verlassen.“

Der Mann, der HarperStudio auf die Erfolgsspur bringen soll, ist Robert S. Miller. Der Verleger, der 1990 die Disney-Tochter Hyperion gegründet und seither in die erste Reihe der amerikanischen Publikumsverlage geführt hat, gilt in der Branche als kreativer Kopf ohne Berührungsängste. Die wichtigsten Säulen von Millers Konzept:

  • Klein, aber fein mit maximal 25 Neuerscheinungen jährlich in den verschiedensten Formaten, E-Books eingeschlossen.
  • Autoren erhalten keine oder nur minimale Vorschüsse und werden stattdessen zu 50% am Gewinn beteiligt.
  • Verbraucherfreundliche Ladenpreise unter 20 Dollar.
  • Schlanke Administration mit einem Team von nur vier Mitarbeitern.
  • Das Internet als Eckpfeiler von Vermarktung und Verkauf.
  • Absage an Remittenden durch eingeschränktes Remissionsrecht.

Der Kampf gegen überbordende Bücherberge steht in Millers Strategiepapier ganz oben („Ich habe es nie verstanden, warum wir als Verleger ein Geschäftsmodell akzeptieren, das von vornherein bis zu 40% der Produktion in den Abfalleimer wirft.“), wird aber in Buchhandelskreisen kontrovers diskutiert. Umso wichtiger ist der Coup, den Miller vergangene Woche gelandet hat: Die Borders-Buchhandlungen werden die Bücher von HarperStudio ohne Rückgaberecht einkaufen.

Im Gegenzug räumt der Verlag dem zweitgrößten US-Buchhändler deutlich bessere Konditionen ein: Zuzüglich zu den üblichen 48% Rabatt auf den empfohlenen Ladenpreis erhält Borders einen Zusatzbonus zwischen 10 und 15%. Borders’ Marketing- und Merchandisingleiter Robert Gruen hat bereits signalisiert, dass der Großbuchhändler in Sachen Remissionen grundsätzlich „alternativen Denkmodellen“ gegenüber offen ist.

Auch bei Autoren und Agenten kommt die Neugründung von HarperCollins gut an. 40 Rechte hat der Verlag in den vergangenen Wochen eingekauft, darunter Bücher von Sternekoch Emeril Lagasse, der mit HarperStudio eine zehn Titel umfassende Kochschule verabredet hat, unveröffentliche Kurzgeschichten von Mark Twain und eine von Toni Morrison herausgegebene literarische Anthologie. Brian Murray: „Wir sind mit diesem Konzept ganz offensichtlich auf dem richtigen Weg.“

aus: buchreport.express 52/2008

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