Zauberhafte Spitze für die Hexen von Salem

Wenn es um Bücher geht, ist Brunonia Barry (Foto) in ihrem Element. Schon als Kind hat die 47-Jährige mit Begeisterung gelesen. Dass sie Literatur und Creative Writing studieren würde, stand schon lange vor dem High-School-Abschluss fest, genauso wie der Vorsatz, irgendwann einen Roman zu schreiben. Doch das sollte dauern: Barry war beruflich so eingespannt, dass sie erst vor acht Jahren, nach dem Umzug der Familie von Los Angeles in die alte Heimat Massachusetts, damit begann, ihren Traum zu realisieren.

Schon während die Amerikanerin ihren Roman „The Lace Reader“ zu Papier brachte, wusste sie, dass sie dieses Buch nicht auf konventionellem Wege veröffentlichen wollte, sondern im Eigenverlag. Ein Freund half beim Lektorieren; mit dem Ergebnis, dass sie 2002 das Manuskript wegwarf und die geheimnisvolle Geschichte der jungen Frau aus Salem, die aus feiner Spitze die Zukunft lesen kann, noch einmal neu schrieb.

Zweite Karriere als Verlegerin

2006 war das Buch fertig und die Jungautorin bereitete sich mit Unterstützung von Ehemann Gary Ward auf ihre zweite Karriere als Verlegerin vor. Die Erinnerung daran ist noch frisch: „Damals war es eine logische Entscheidung; wir waren uns unserer Unkenntnis gar nicht bewusst, weil die Euphorie so groß war. Nach dem Motto, was ist schon dabei, einige Tausend Exemplare eines Buches zu drucken und unter die Leute zu bringen. Woher sollten wir wissen, dass uns das Abenteuer 50000 Dollar kosten würde?“

Noch bevor der Roman im eigens dafür gegründeten Verlag Flap Jacket Press erschienen war, machte sich das Ehepaar ans Klinkenputzen, besuchte Buchhändler und regionale Buchmessen, lieferte Leseexemplare bei Reading Groups ab und heuerte eine örtliche PR-Agentur an. Dann überschlugen sich im Sommer letzten Jahres die Ereignisse:

  • Obwohl „Publishers Weekly“ eigentlich keine selbstverlegten Bücher rezensiert, rutschte „The Lace Reader“ mit dem Absender Flap Jacket Press zufällig durchs Raster und wurde euphorisch besprochen.
  • Buchhändler, die die Rezension gelesen hatten, bestellten spontan und luden die Autorin zu Lesungen ein.
  • Überregionale Tageszeitungen berichteten über die Debütantin und ihren Roman, in dem Salem, durch die Hexenprozesse im 17. Jahrhundert und Arthur Millers Thema „Hexenjagd“ eine der bekanntesten Kleinstädte der USA, erneut eine Hauptrolle spielt.

2500 Hardcover hatte Barry drucken lassen, die urplötzlich im Eiltempo weggingen. Doch bevor sie eine weitere Auflage auch nur in Erwägung ziehen konnte, schlug der Zufall erneut zu: Kurz vor der Veröffentlichung ihres Romans hatte Barry das Manuskript an Brian Lipson geschickt, der bei der Endeavor Talent Agency in Los Angeles für Buchverfilmungen zuständig ist. Lipson mochte „The Lace Reader“, sah aber ohne kommerzielle Verlagspower im Rücken keine Chance für den Roman und schickte ihn deshalb an Rebecca Oliver, die gerade dabei war, für Endeavor in New York eine eigene Literaturagentur aufzubauen.

Oliver las, nahm Barry, die zu diesem Zeitpunkt als Eigenverlegerin auf einem Tiefpunkt angelangt war, noch am gleichen Tag unter ihre Fittiche und begann zu telefonieren. Ein Anruf erreichte Laurie Chittendon, die gerade von Penguin zu Morrow gewechselt war und für die HarperCollins-Tochter auf der Suche nach „gut lesbaren, atmosphärischen und fesselnden Stoffen war“.

Chittendons spontane Offerte in siebenstelliger Höhe schlug Oliver aus, denn mittlerweile hatten auch andere Verlage ernsthaftes Interesse angemeldet. Morrow gewann schließlich eine hitzige Auktion im Oktober 2007; angeblich in einer Größenordnung von über 2 Mio Dollar für „The Lace Reader“ und einen zweiten Roman.

Zu diesem Zeitpunkt war Brunonia Barry „kurz vor sprachlos“, mittlerweile hat sie sich daran gewöhnt, als Bestsellerautorin im Rampenlicht zu stehen. Ob sie den gleichen Weg noch einmal beschreiten würde? „Wahrscheinlich nicht, zumindest würde ich es niemandem empfehlen. Ich hatte einfach das unglaubliche Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“

Am 29. Juli ist „The Lace Reader“ zum zweiten Mal (diesmal bei Morrow) im Hardcover erschienen und war auf Anhieb mehrere Wochen auf den Bestsellerlisten. Über 160000 Exemplare wurden seither abgesetzt und der Roman ist weiterhin gut gefragt, denn Brunonia Barry ist noch bis Mitte November auf Lesereise unterwegs. Weil immer mehr Reading Groups Interesse bekunden, sind die Erwartungen für das im Frühjahr erscheinende Taschenbuch ebenfalls überdurchschnittlich hoch.

Auch international sitzt „The Lace Reader“ in der ersten Reihe; Oliver hat Lizenzen in 17 Länder verkauft. In Deutschland erscheint der Roman als Spitzentitel im Sommerprogramm von btb. Barrys Lektorin Ursula Bergenthal ist überzeugt, dass Brunonia Barry „auch hierzulande das Potenzial für viel Erfolg durch Mundpropaganda hat“.

Anja Sieg, redaktion@buchreport.de
aus: buchreport.magazin 11/2008

Zur Person: Brunonia Barry

1961 in Marblehead (Massachusetts) ge-boren, lebt mit ihrem Ehemann Gary Ward in Salem. Studium (Literatur und Creative Writing) an der University of New Hampshire. Schrieb in Hollywood Drehbücher und gründete 2001 zusammen mit ihrem Mann in Salem die auf Spiele und Puzzle spezialisierte Softwarefirma SmartGames. Bücher:  „The Lace Reader“ ist ihr erster Roman.

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