Distributeur wird Dienstleister

Print on Demand: Der Espresso Book Printer druckt in
britischen Buchhandlungen sogar per Knopfdruck die
Kundenwünsche aus.

Der weltgrößte Onlinehändler sorgt im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse gleich mehrfach für Schlagzeilen in der Buchbranche: Seit vergangener Woche bietet der Online-Buchhändler unter amazon.at Kunden mit einer Lieferadresse in Österreich im Oktober einen Rabatt von 10% auf alle Bücher an – was der Frankfurter Börsenverein als Versuch wertet, die Preisbindung auszuhebeln (mehr hier). Heute haben die deutschen Amazon-Statthalter angekündigt, die konzerneigenen On-Demand-Programme für Bücher, CDs und DVDs auch hierzulande anzubieten:

  • Mit den neuen On-Demand-Programmen sollen Verlage, Studios und Labels, solche Titel (neue oder aus der Backlist), deren Herstellung bei herkömmlicher Produktionsweise wirtschaftlich nicht (mehr) möglich wäre, kosteneffizient in den Markt bringen können.
  • Alle POD-Bücher generell und On-Demand-Discs ab einem Bestellwert über 20 Euro werden von Amazon kostenlos verschickt.
  • Verlage können während der Startphase des Programms „Print on Demand“ (POD)  kostenlos ihre Titel von Amazon als POD-fertige pdf-Dateien einrichten lassen – die Daten können in Form von physischen Büchern (die dann von Amazon eingescannt werden) oder als hochauflösende pdf-Dateien Amazon zur Verfügung gestellt werden.

Weitere Vorteile des neuen Programms aus Sicht von Amazon:

  • Die Verlage sollen ihr gesamtes Produktportfolio anbieten können.
  • Verlage sollen Amazon.de als Testmarkt nutzen, um „Hidden Champions“ im eigenen Katalog zu entdecken.
  • Neue Titel könnten auf diesem Weg kostengünstiger als im herkömmlichen Druck angeboten werden.
  • Verlage sollen kundenspezifische Editionen und alternative Formaten wie etwa Sonderausgaben oder Großdrucke anbieten können.

Für Amazon ist dieser Schritt vom Distributeur zum Dienstleister-Produzenten nicht neu. Schon im Juni 2007 startete das Unternehmen aus Seattle auf der internationalen Bühne eine Großoffensive im Print-on-Demand-Bereich:

  • Gestärkt durch die Übernahme des PoD-Dienstleisters Book Surge im Jahr 2005 schloss Amazon Kooperationsverträge mit großen Verlagen wie Harper-Collins, John Wiley & Sons, McGraw-Hill, Pearson, Springer, Gale, Oxford University Press, Cambridge University Press und Princeton University Press.
  • Die Vereinbarungen umfassen die digitale Archivierung, Herstellung und Auslieferung sowohl von Backlist- als auch Midlist- und aktuellen Titeln. Vorteil für die Verlage: Ältere Titel bleiben verfügbar, hinzu kommt, dass Lager-Kosten eingespart werden.
  • Mit den Kooperationsverträgen konnte der Online-Primus im ersten Schritt der hauseigenen PoD-Tochter Book Surge einen Erfolg im Wettbewerb mit Lightning Source (On-Demand-Drucker aus den USA und England, sieht sich weltweit als Marktführer) versschaffen und das eigene Angebot vergrößern.

Auch die mittelfristige Perspektive scheint nach der heutigen Ankündigung klar zu sein: Als nächster Schritt ist die Verzahnung des POD-Programms mit dem Amazon-Volltextsucheprogramm „Search Inside“, für das Amazon bereits hundertausende Titel digitalisiert hat, zu erwarten. Dann können Kunden selbst bislang vergriffene Titel nicht nur als herkömmlich gedrucktes Buch, E-Book („Kindle“), sondern auch als Digitaldruck bestellen.

Während sich Kunden über die Ausweitung des Amazon-Programms freuen dürften, könnte die Nachricht in Norderstedt jedoch für Kopfschmerzen sorgen: Für die Libri-Tochter Books on Demand ist Amazons Vorstoß in Deutschland ein Frontalangriff.

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