Lesen macht menschlich

Sam Savage heißt so wie er aussieht: Wild. Und er schreibt über Ratten. Tatsächlich ist das alles viel zivilisierter als es sich anhört. Sam Savage ist promovierter Philosoph, und die Ratte, die in seinem Roman „Firmin. Ein Rattenleben“ (Ullstein) zentral steht, hat zutiefst menschliche Züge.

Firmin wird Anfang der 60er- Jahre im Keller einer Bostoner Buchhandlung geboren. Er ist der Dreizehnte und Schmächtigste im Wurf. Gebettet und gestillt – wenn er denn die Zitzen seiner Mutter erreicht – wird er auf Schnipseln aus „Finnegans Wake“. Bücher sind für Firmin anfangs Gegenstände zum Anknabbern. „Doch schon bald begann ich hier und da etwas an den Rändern meiner ,Bohrlöcher‘ zu lesen“, lässt Savage Firmin berichten. Die Ratte entdeckt Bücher als Nahrung für die gepeinigte Seele. Sie liest alles, von „Sturmhöhe“ und „Der große Gatsby“ über „Von Mäusen und Menschen“ bis hin zum „Tagebuch der Anne Frank“. Oft verwandelt sich Firmin im Geiste in die jeweilige Hauptperson. Die hoffnungslos romantische und egozentrische Ratte bildet sich auch ein, der tanzende Filmstar Fred Astaire zu sein und auf einem Miniaturflügel Porter- und Gershwin-Songs spielen zu können.

Firmin versteht und liebt die Menschen, besonders den Buchhändler Norman Shine, dessen Antiquariat dem Untergang geweiht ist, weil die Gegend bald Opfer der Abrissbirne wird. Die Menschen aber verstehen und lieben die Ratte nicht. Norman Shine versucht sogar, das menschliche Tier zu vergiften. Erst in dem erfolglosen Science-Fiction-Schriftsteller Jerry Magoon findet Firmin einen Freund und Seelenverwandten. „Während er liest, ist er auf einmal weniger allein (er hat die Gesellschaft von Büchern), aber einsamer (er wird menschlicher und deshalb launischer und sich seiner Einsamkeit bewusster)“, bringt Sam Savage die Entwicklung seines Protagonisten auf den Punkt.

Von der Uni zum Rattenleben

„Firmin. Ein Rattenleben“ ist Savages Romandebüt. Der Yale-Absolvent hat beruflich schon einiges hinter sich. In einem Dozentenjob an der Uni ist er nicht glücklich geworden. Ende der 70er-Jahre herrschte für seinen Geschmack zu sehr die Ansicht vor, es gäbe keine philosophischen, sondern nur linguistische Rätsel. Das einzige Rätsel, das Savage interessierte, war er selbst. So kehrte er 1980 von Connecticut zurück in den Süden, nach South Carolina, wo er 40 Jahre zuvor zur Welt gekommen war. In der Folgezeit hat er sich u.a. als Zimmermann, Fischer und Fahrradmechaniker versucht. Die Mittel zum Leben kamen freilich hauptsächlich aus einem Erbe und der Arbeit seiner Frau Nora. Seit 2003 lebt der heute 67-Jährige wieder weiter nördlich, in Madison, Wisconsin.

Schreibversuche hat es schon vor dem Rattenbuch viele gegeben. 2005 erschien in Versform „The Criminal Life of Effie O.“ mit Bildern seiner Schwester. Nach dem „Firmin“-Erfolg, den Savage im Jahr darauf im Original beim Nonprofit-Unternehmen Coffee House Press veröffentlicht hat, soll 2009 „The Cry of the Sloth“ bei Weidenfeld & Nicolson erscheinen, ein Roman über den vielgeplagten Herausgeber einer kleinen, kränkelnden Literaturzeitschrift.

Ingo Schiweck

Zur Person: Sam Savage:

1940 in Camden, South Carolina, geboren. Studium an den Universitäten Yale und Heidelberg; 1968 B.A. in Philosophie in Yale, 1979 Ph.D. 1980 Umzug nach McClellanville, South Carolina, dort verschiedenste Jobs. 2003 Umzug nach Madison, Wisconsin. Bücher (Auswahl): „The Criminal Life of Effie O.“ (2005), „Firmin. The Adventures of a Metropolitan Lowlife“ (2006; dt., „Firmin. Ein Rattenleben“ [2008]).

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