Irische Klassiker entzaubert

Die „Frankfurter Rundschau“ stellt das Sachbuch „Nase für Neuigkeiten – Vermischte Nachrichten von James Joyce“ des Schauspielers Hanns Zischler und der in Schweden lehrenden Literaturwissenschaftlerin Sara Danius vor. Um der Joyceschen Besessenheit von faits divers – Vermischte Nachrichten – nachzugehen, seien die beiden tief in die Keller der Triestiner Zeitungsarchive gestiegen und hätten genregerecht allerhand Überflüssiges, Nutz- und Bedeutungsloses zu Tage gefördert – mithin das Profane, das Joyce in seinen Romanen verarbeitete.

Es werde klar, dass Joyces Romantechnik viel mit seiner Vorliebe fürs Überflüssige, Nutz- und Bedeutungslose zu tun habe. Die Wahrheit sei nichts mehr, das bekannt ist und nur noch in eine Form gegossen werden muss, sondern die Wahrheit sei, dass es kein Ganzes gibt, dass die Welt zerfällt in Tatsachen, in das, was der Fall ist. „Die Anstrengung des Autors besteht darin, darüber nicht hinwegzutäuschen mit den Konventionen von ‚wahr, schön und gut‘, vor allem aber darin, sich darüber nicht hinwegtäuschen zu lassen von Ideologien und Theorien.“

Ein Beispiel für die Modernisierung eines Klassikers behandelt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mit Will Selfs Roman „Dorian – eine Nachahmung“. Als im Jahre 1891 Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ erschien sei, sorgte das im sittenstrengen viktorianischen England für einen Skandal. Vor allem die homoerotischen Anspielungen ließen manchen Kritiker den „Gestank der moralischen Verwesung“ wittern. „Bei Will Selfs aktualisierter Version des Romans hätte sie wohl der Schlag getroffen. Self hat aus der symbolträchtigen Geschichte vom ewigschönen, aber auch zutiefst verruchten Jüngling eine Groteske auf die Londoner Schwulenszene des ausgehenden 20. Jahrhunderts gemacht, die vor Drastik nur so strotzt.“

Dafür bürge eine Krankheit, die es zu Oscar Wildes Zeit noch nicht gab: Aids. Selfs hübscher Oxford-Absolvent nämlich sei HIV-positiv, ohne dass man es ihm – selbst nach dem Ausbruch – ansehe. Leider sinke dabei Wildes geradezu mythische Verführerfigur zum wahllos agierenden Krankheitsüberträger ab, der seinen Vorgänger nur an Bösartigkeit übertreffe, dem aber sonst jede philosophische Aura fehle. „Man kann dem Autor die Entzauberung Dorians jedoch vielleicht verzeihen, wenn man sieht, dass sie programmatisch eingesetzt ist. Self lässt die Karriere seines Parvenüs auffällig exakt mit den Eckdaten des „Diana-Zeitalters“ zusammenfallen.“ Wie Dorian, so lasse sich diese für königstreue Briten schockierende Parallelisierung wohl deuten, beherrschte auch die „Medienprinzessin“ der Windsors die Kunst der Imagepflege perfekt.

Hanns Zischler/Sara Danius: Nase für Neuigkeiten – Vermischte Nachrichten von James Joyce. Zsolnay 17,90 Euro
Will Self: „Dorian – eine Nachahmung“. Aus dem Englischen übersetzt von Robin Detje. Berlin Verlag 2007, 22,00 Euro

Fr-online.de,  „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Seite 32)

NACHGELESEN – Bücher heute in den Zeitungen

Belletristik

Gerhard Polt: „Drecksbagage“. Anwürfe, Unterstellungen, aber auch Ehrabschneidungen. Mit Illustrationen von Reiner Zimnik. Kein & Aber 2008, 12,90 Euro
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Seite 32)

Erik Fosnes Hansen: „Das Löwenmädchen“. Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Kiepenheuer & Witsch 2008, 19,95 Euro
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Seite 32)

Rick Moody: Paranoia. Novellas. Aus dem Amerikanischen von Ingo Herzke. Piper 2008, 18,00 Euro
Nzz.ch

Albert Ostermaier: Zephyr. Suhrkamp 2008, 17,80 Euro
„Die Zeit“ (Seite 51)

Jenny Siler: Portugiesische Eröffnung. Fischer TB 7,95 Euro
„Die Zeit“ (Seite 56)

Sachbuch

Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis. S. Fischer 2008, 29,90 Euro
Fr-online.de„Die Zeit“ (Seite 49), „Süddeutsche Zeitung“ (Seite 14)

Louis Begley: Die ungeheure Welt, die ich im Kopf habe. Über Franz Kafka. Deutsch von Christa Krüger. DVA 19,95 Euro
Fr-online.de„Die Zeit“ (Seite 50)

Peter André Alt: Franz Kafka. Der ewige Sohn. C. H. Beck 2008, 18,00 Euro
„Die Zeit“ (Seite 50)

Hartmut Binder: Kafkas Welt. Rowohlt 2008, 68,00 Euro
„Die Zeit“ (Seite 50)

Hartmut Binder: Mit Kafka in den Süden. Vitalis 2007, 79,90 Euro
„Die Zeit“ (Seite 50)

Joseph Vogt: Über das Zaudern. Diaphanes 2007, 12,00 Euro
„Die Zeit“ (Seite 50)

Klaus Wagenbach: Franz Kafka. Wagenbach 2008, 39,00 Euro
„Die Zeit“ (Seite 50)

Sybille Berg (Hrsg.): Das war’s dann wohl. Abschiedsbriefe von Männern. DVA 2008, 17,95 Euro
„Die Zeit“ (Seite 51)

Joseph Stilitz/Linda Bilmes: Die wahren Kosten des Krieges. Pantheon 2008, 16,95 Euro
„Die Zeit“ (Seite 52)

Karlheinz Deschner: Poeten und Schaumschläger. Rombach 2007, 32,00 Euro
„Die Zeit“ (Seite 56)

Burkhard Spinnen: Gut aufgestellt. Herder 2008, 7,00 Euro
„Die Zeit“ (Seite 56)

Heinz Dieter Kittsteiner: Weltgeist, Weltmarkt, Weltgericht. Wilhelm-Fink-Verlag 2008, 29,90 Euro
Nzz.ch

Hörbuch

Der Hör-Conrady: Lauter Lyrik. 1100 Gedichte, diverse Sprecher. Patmos 2008, 99,95 Euro
„Die Zeit“ (Seite 44)

VORAUSGEHÖRT – Bücher im Radio

Zum langen Abend mit und über Frank Kafka lädt der SR 2 ab 20:04 Uhr ein. Geboten wird u. a. das Hörspiel „Franz und Felice“ von Ivan Klíma, die Erzählungen „Ein Bericht für eine Akademie“, „Ein Hungerkünstler“ und „Die Verwandlung“ – u. a. Gelesen von Christian Brückner und Bernhard Minetti – sowie ein Gespräch mit dem Biografen Reiner Stach.
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