Ein stimmiges intellektuelles und soziales Porträt

Reiner Stach
(Foto: Walter Breitinger

Für die Interpretation einzelner Texte spielen historische Dokumente nur eine sehr untergeordnete Rolle. Man kann auf diese Weise vielleicht herausbekommen, woher der Autor ein bestimmtes Bild oder einen Plot hat, aber so erfährt man etwas über die Entstehung des Textes, nicht unbedingt über dessen Gehalt. Ein Beispiel: der berühmte Affe in der Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“. Es hat solche dressierte Affen, die sich zur Belustigung des Publikums „menschenähnlich“ verhalten, wirklich gegeben, im Varieté und im Zirkus, Kafka hat das vermutlich mit eigenen Augen gesehen. Aber was bedeutet das Schicksal des Affen nun in Kafkas Text? Damit kann die erzwungene Assimilation der Juden gemeint sein, ebenso aber auch die bürgerliche Erziehungsdressur. Das lässt sich mit noch so interessanten Fotos und historischen Zeitungsberichten nicht entscheiden.

Eine Biographie hingegen hat meines Erachtens nicht die Aufgabe, Texte zu interpretieren, sondern ein stimmiges intellektuelles und soziales Porträt zu liefern. Es geht also darum, die Entstehungsbedingungen von literarischen Texten möglichst plastisch vor Augen zu stellen. Dabei spielen historische Dokumente eine herausragende Rolle, auch Fotos. Ich habe mich zum Beispiel recht gründlich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt und mit der Frage, wie viel Kafka davon mitbekommen hat. Das Ergebnis war, dass vieles, was in seinen Texten als der reine Wahnsinn erscheint, schon für die damaligen Zeitungsleser sozusagen das täglich Brot war, dass Kafka selbst aber über den realen Wahnsinn noch bedeutend mehr wusste als der gewöhnliche Zeitungsleser.

Ein anderes Beispiel: Man sagt, Kafka sei eine zentrale Figur der „Moderne“. Eine Biographie muss erklären, wie es dazu hat kommen können. Also: In welcher Weise hat Kafka die „Moderne“ erlebt, und hat er sie intensiver erlebt als andere? Man bekommt einen Begriff davon, wenn man sich möglichst viele historische Fotos aus Kafkas Lebenswelt anschaut. Z.B. Fotos vom 28. Oktober 1918, dem Tag der Gründung der CSR. Unmittelbar vor Kafkas Fenster waren an diesem Tag zunächst Bajonette zu sehen, die gegen die Menge gerichtet waren, doch am Nachmittag bauten an derselben Stelle bereits tschechische Kameraleute ihre Ausrüstung auf, um die feiernden Massen zu filmen. Bajonette und Kameras, an ein und demselben Tag, und Kafka als Zeuge. Da bekommt man ein Gefühl dafür, wie er die Beschleunigung der Moderne erlebt haben muss.

Ein Bildband über Kafka muss natürlich genau solche signifikanten Bilder bringen, und keineswegs nur das Kafkasche Familienalbum und Portäts aller Bekannten. Also zum Beispiel: Wie sahen die damals modernsten Maschinen aus? Wie dicht war der Straßenverkehr? Wie waren die sozialen Abstufungen in der Bekleidung (es gab keine Freizeitbekleidung!). – Ein solches hochsignifikantes Foto sehen Sie bei Wagenbach auf Seite 93: Eine Frau als politische Rednerin, aber direkt neben ihr, für alle sichtbar, der Polizist, der alles mitschreibt. Schließlich ein letztes Beispiel: Werbeanzeigen und auch Familienanzeigen sind eine geradezu unerschöpfliche Quelle, wenn man etwa über die damaligen Mentalitäten herausbekommen will und über die Frage, inwieweit Kafka ein Außenseiter war. Mit der Lektüre solcher Anzeigen habe ich viele Stunden verbracht, und man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Eine von Phrasen überquellende Heiratsanzeige, und direkt daneben eine Reklame für Präservative, das war bereits normal – die hereinbrechende Moderne zeigte sich damals noch nackt, sozusagen.

Reiner Stach

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