Nicht nur Geld für Käse

Ab 2009 will der SBVV jährlich den mit 50000 Franken dotierten „Schweizer Buchpreis“ vergeben. Die Schweizer Autoren bräuchten aber viel mehr Förderung, fordert der Schriftsteller Peter Stamm (Foto: Gaby Gerster).

Hilft ein neuer Buchpreis den Autoren?
Peter Stamm: Es gibt in der Schweiz eine Vielzahl von Preisen, Stipendien und Werkbeiträgen, aber sie treffen den Begünstigten wie Lottogewinne, sie sind schöne Überraschungen, auf die man nicht zählen kann und die oft gerade dann ausbleiben, wenn man sie am dringendsten bräuchte. Wer keine ständige Produktion aufrechterhalten kann, verschwindet nur allzu schnell aus dem Blick der Vergabejurys.

Sind die Schweizer Schriftsteller arm dran?
Ich persönlich mag mich über meine Situation nicht beklagen. Ich bin sehr glücklich und habe den schönsten Beruf der Welt. Aber in der Schweiz gibt es rund 2500 Autoren, die pro Jahr rund 1500 Bücher publizieren. Ungefähr 140 Autoren, schätzt man, können von ihrem Schreiben leben, davon 80 literarische Autoren.

Einer davon sind Sie …
Ich selbst habe über zehn Jahre lang in einer Mansarde gelebt, ohne eigene Dusche und ohne Telefon und mit einem Einkommen weit unter dem sogenannten Existenzminimum. Heute verdiene ich ungefähr so viel wie ein Lehrer meines Alters. Natürlich habe ich keine bezahlten Ferien, auch Kinderzulagen bekomme ich nicht. Meine Altersvorsorge ist rudimentär, eine Erwerbsausfallversicherung habe ich nicht. Wenn ich es irgendwann nicht mehr schaffe, alle zwei Jahre ein Buch zu produzieren, wenn ich krank werde oder wenn die Leser und Fördergremien das Interesse an meiner Arbeit verlieren, bin ich ruiniert.

Muss der Staat also mehr Geld für Literaturförderung ausgeben?
Der Staat gibt jedes Jahr 2,5 Mrd Franken für die Förderung der Landwirtschaft aus, das sind 40000 Franken pro Betrieb. Das Geld, das unser Land für Literaturförderung ausgibt, entspricht den Direktzahlungen an 16 Landwirtschaftsbetriebe. Das mag einer der Gründe sein, warum unser Land bekannter für seinen Käse ist als für seine Literatur.

Besteht nicht die Gefahr, dass höhere Fördergelder bei den falschen Adressaten landen?
Diese Gefahr hängt nicht vom verteilten Betrag ab. Die Auswahlgremien würden sich nicht häufiger irren, wenn sie mehr Geld zu verteilen hätten. Und warum kann ein Staat, der für jede Kuh auf der Alp eine Tagespauschale zahlt, nicht auch jeden publizierten Lyrikband unterstützen?

Die „FAZ“ schrieb vor Kurzem, üppige Literaturförderung erzeuge zahme Literatur…
Dass hungernde Autoren besser schreiben als wohlgenährte, ist nichts als eine dumme Legende.

Die Fragen stellte David Wengenroth

Peter Stamm
Der 1963 geborene Schriftsteller lebt in Winterthur. 2006 ist sein Roman „An einem Tag wie diesem“ erschienen, in diesem Jahr sein Erzählungen-Band „Wir fliegen“ (beide bei S. Fischer). Seit 2003 ist Stamm Mitglied des Verbandes „Autorinnen und Autoren der Schweiz“.

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