Remissionen rationalisieren

Die Buchhändler schlagen Alarm und rücken ein leidiges Dauerthema erneut in den Blick. „Jährlich werden Bücher im Wert von rund 750 Mio Euro umsonst durch die Republik geschickt“, klagt Heinrich Riethmüller, Vorsitzender des Sortimenter-Ausschusses. Weil durch Remissionen weiterhin sehr viel Geld verbrannt wird, hatte sich das Branchenparlament letzten Donnerstag den Umgang mit Remittenden auf die Tagesordung gesetzt. Am Ende der Debatte stand ein Vorschlag, der Bewegung in den betriebswirtschaftlich unsinnigen Umgang mit unverkäuflichen Büchern bringen soll.  

Teuer Ballast muss endlich über Bord

Verleger Matthias Ulmer setzte sich nicht nur für eine „Mindestbehaltefrist“ für belletristische Titel im Sortiment ein, um den immer schneller schmelzenden Lebenszyklen von Novitäten im Buchhandel entgegenzusteuern. Für Titel bis zum Ladenpreis von 20 Euro machte er sich vor dem Plenum zudem für die Makulierung stark. „Auch Bücher haben ein Verfallsdatum. Warum sollten Buchhändler gegen Gutschrift vom Verlag nicht körperlos remittieren können“, forcierte Ulmer die Diskussion. Sein Vorstoß fand Eingang in die „Frankfurter Erklärung“, die dem Vorstand des Börsenvereins als Handlungsauftrag zugeleitet wurde. Die Arbeitsgemeinschaft Pro – mit Rationalisierungsfragen befasst – soll nun prüfen, wie in der Branche die Chancen für die körperlose Remission von Büchern unter der magischen 20-Euro-Marke stehen. 

Dass das Problem der Remissionen endlich eine Lösung braucht, hat eine  buchreport-Stichprobe in Verlagshäusern ergeben. An der Frage der Preisschwelle für eine körperlose Remission scheiden sich allerdings die Geister. „Wenn überhaupt, dann wäre sie für Titel im Preisegment bis 8,95 Euro denkbar“, schätzt Claudia Reitter, Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb in der Verlagsgruppe Random House und selbst Mitglied in der AG Pro. Bei aller Skepsis hält sie „eine Quotenregelung grundsätzlich für vorstellbar“. Reitter: „Man kann aber wohl kaum Vorschriften erlassen, allenfalls apellieren.“ Weitere Stimmen aus den Verlagen: 

  • Carlsen: „Bei einer branchenweiten Konsenslösung würden wir Eigeninteressen hintanstellen“, erklärt Joachim Kaufmann, kaufmännischer Geschäftsführer des Hamburger Verlags. Er verwies allerdings auf die Heterogenitäten in der Verlagslandschaft. „Für Ratgeberverlage gelten ganz andere Bedingungen als die Belletristik oder Kinder- und Jugendbuchanbieter.“
  • Campus: „Eine Titelblattremission wird immer häufiger sinnvoll, da sich die Remission von Kleinstmengen für keinen der Partner lohnt“, betont Joachim Bischofs, Verlagsleiter Marketing. Bei Anfragen bezüglich Remittenden von Buchhändlern sei der Verlag großzügig. „Das Sortiment honoriert unsere gut verkäuflichen Titel durch eine breite Warenpräsenz in den Läden, ein restriktives Remissionsverhalten wäre kontraproduktiv und nicht fair.“   
  • BLV: Der Ansatz des Branchenparlaments sei „betriebswirtschaftlich interessant“, urteilt Vertriebsleiterin Sabine Karl. Bei der „atomistischen Handelsstruktur sei eine verlässliche Umsetzung“ allerdings fraglich. Karl: „Im Buchmarkt gibt es schließlich schon jetzt Teilnehmer, die nicht gut mit dem Thema Remission umgehen.“
  • S. Fischer: „Das ist kein neuer Vorschlag, er hat Tücken im Detail“, findet Sabine Bischoff, Mitglied der Vertriebsleitung. „Wer zahlt die Makulatur vor Ort?“, wirft sie ein und betont, „eine Einschränkung des Remissionsrechtes geht vollkommen an den Realitäten vorbei.“ Ihr Gegenrezept: „Ein noch verfeinertes Warenwirtschaftssystem, aber vor allem ein angemessener Einkauf, der der jeweiligen Kapazität des Kunden gerecht wird.“
  • Droemer Knaur: „Wir sind derzeit noch nicht darauf eingerichtet, beschäftigen uns aber bereits mit dem Thema und sind offen für gute und umsetzbare Vorschläge“, erklärt Geschäftsführer Christian Tesch. Die Preisgrenze für das Modell „körperlose Remission“ zieht der Münchener bei 10 Euro.
  • Verlagsgruppe Lübbe: Bei „Buchhandelspartnern in Urlaubsländern“ wenden die Bergisch Gladbacher die Titelblatt-Remission bereits an. Vertriebsleiter Bernd Egloff: „Vor- und Rückseite der Titelblätter werden eingescannt und an uns geschickt, das spart signifikant Transportkosten.“
  • Aufbau Verlag: „Ich bin generell offen für kreative Lösungen, denn es besteht ohne Zweifel Handlungsbedarf. Ob sich eine Titelblatt-Remission für uns lohnt, ist aber noch durchzurechnen“, gibt Marketing-Geschäftsführer Tom Erben zu Protokoll. „Die Preisgrenze sollte man aber eher niedriger ansetzen.“
  • FinanzBuch Verlag: Vertriebsleiterin Sigrid Klemt hält „15 Euro für einen Wert, auf den man sich verständigen könnte“. Aber es sei sinnvoll, weitere Kriterien mit einzubeziehen. „Hardcover kann man in der Regel noch verkaufen, unkritisch wäre die körperlose Remission bei Taschenbuch- und Broschurtiteln.“
  • Egmont Verlagsgesellschaften: „Die Titelblatt-Remission ist ein sehr guter Vorschlag, den wir bereits praktizieren“, betont Andrea Rüller, Vertriebsleiterin und Mitglied der Geschäftsführung. Mit bestimmten Handelspartnern habe das Unternehmen verabredet, dass sie niedrigpreisige Titel wie z.B. Mangas im Bereich unter 10 Euro gutgeschrieben bekommen.

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