Schüsse ins eigene Knie

Beim Thema Remissionen wird auf Verlagsseite gern geschwiegen, weil kein Produzent gern über nicht nachgefragte Ware spricht. Im Branchenparlament des Börsenvereins wurde über die jahrelange Praxis der puren Geldverbrennung jetzt auf offener Bühne debattiert, weil Buchhändler Alarm schlagen: Nach Schätzungen des Sortimenterausschusses werden jährlich Bücher im Wert von rund 750 Mio Euro durch die Lande geschickt werden, bei denen letztendlich alle draufzahlen. Im Handel ist die Schmerzgrenze erreicht, obwohl Verlegern das Reizwort mit „R“ weiterhin nur schwer über die Lippen geht.

Kommt die körperlose Remmission?

Am Ende der Aussprache nach dem Weckruf stand ein Auftrag des Parlaments an die Arbeitsgemeinschaft Rationalisierung des Verbandes: Das Gremuim soll ausloten, wie die Chancen einer körperlosen Remission für Bücher unter der 20-Euro-Preisschwelle stehen. Ein Anfang bei der Lösung eines latenten Problems, die der Quadratur des Kreises gleichkommt. Denn gegen Remissionen scheint, abgesehen vom Schleuderkanal Resterampe, kein Kraut gewachsen:

  • Auch mit sukzessiver Durchsetzung der Warenwirtschaftssysteme wurden die Remissionsquoten nicht sigifikant verringert. Bei den Erstbestellungen sind die Buchhändler mit Unterstützung der elektronischen Überwachungssysteme zwar vorsichtiger geworden. Trotzdem belasten immer noch zu viele unverkäufliche Titel die Lager.
  • Bei niedrigpreisigen Titel könnte es helfen, analog zum Kalendersegment nur noch Titelblätter zu remittieren und damit wenigstens die Handlingskosten auf beiden Seiten zu verringern. Doch auch solche Vorgaben können das Dilemma in der Gesamtheit nicht lösen.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Überproduktion – mit 94.700 Neu- und Erstauflagen wurde 2006 eine neue Rekordmarke gesetzt – mangelt es dabei nicht an radikalen Vorschlägen. Der Rostocker Buchhändler Manfred Keiper stellte während der Frankfurter Sitzungswoche im Sortimenter-Ausschuss offen die Frage nach der Abschaffung der Remissionen und nahm gleichzeitig die Buchhändler in die Pflicht. „Wir müssten bewusster und konsequenter einkaufen, können letzendlich aber auch besser beurteilen, welche Titel verkäuflich sind, weil wir näher am Kunden sind.“

Welchen Wert hat der Konsensgedanke?

Die laufenden Diskussionen sind auch ein direkter Reflex auf einen grauen Markt, der Buchhändlern zunehmend zu schaffen macht. Unter steigendem wirtschaftlichem Druck wachsen parallel die Probleme mit getürkten Mängelexemplaren. Was rasend schnell altert – im aufgeheizten Novitätenrennen verkürzt sich die Verweildauer von Belletristik-Titeln im Regal immer schneller – verwandelt sich oft über Nacht illegal in Ramschware.

In der Frankfurter Erklärung forderte das Branchenparlament die Verbandspitze auf, mit aller Schärfe gegen schwarze Schafe vorzugehen. Am Ende kommt wieder der ohnehin bröckelnde Konsensgedanke auf den Prüfstand. „Bei diesem Problem müssen sich alle drei Sparten an die eigene Nase fassen“, brachte es Preisbindungstreuhänder Christian Russ auf den Punkt.

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