Mit Branchenstandards brechen

Wenn es um die systematische Erschließung neuer Absatzmärkte für Bücher und punktgenaue Vermarktung geht, führt in den USA (und weltweit) kein Weg an HarperCollins vorbei. Die Publikumsverlagsgruppe im Besitz von Rupert Murdochs News Corp. ist immer für schlagzeilenträchtige Experimente gut, so wie dieser Tage mit der Ankündigung eines neuen Verlagsmodells.

Abgesehen davon, dass CEO Jane Friedman (Foto) mit Robert S. Miller eine prominente Verlegerpersönlichkeit von Hyperion abgeworben hat, um das noch namenlose Imprint aufzubauen, sind Informationen über die Neugründung und das damit verbundene „globale Verlagsprogramm“ noch reichlich vage. Geplant sind ca. 25 Titel jährlich, deren Autoren keine oder nur minimierte Vorschüsse erhalten, sondern stattdessen am Gewinn beteiligt werden.

Friedman selbst beschreibt das Projekt als „innovatives und kreatives Studio, das mit eingefahrenen Branchenstandards“ brechen soll. Dass dazu neben dem Verzicht auf hohe Vorschüsse auch eine Absage an Remittenden gehört, wie die US-Medien in großer Aufmachung berichtet haben, ist zwar langfristig ganz klar angedacht, aber vorerst rudert der Verlag in dieser Sache erst einmal zurück: Der Verzicht auf das Rückgaberecht muss zunächst den Buchketten schmackhaft gemacht werden. Mit denen, so heißt es, sind aber noch keinerlei Gespräche geführt worden.

Auf das neue Imprint wartet ein „Lernprozess“

Die ersten Bücher sind für das Frühjahr 2009 geplant. Veröffentlicht wird in den verschiedensten Formaten, inklusive E-Books, und zu kundenfreundlichen Preisen voraussichtlich unter 20 Dollar. Klar ist, dass das Internet einer der Eckpfeiler von Vermarktung und Verkauf sein wird. Überstürzt werden soll nichts. Gegenüber Journalisten sprach Miller, der seinen neuen Job am Montag auf der London Book Fair beginnt, von einem „Lernprozess.“

Das „Studio“ ist das jüngste Projekt in Jane Friedmans Strategiepapier „Publishing +“, mit dem sie HarperCollins zu einer der mächtigsten US-Verlagsgruppen geformt hat. Vor drei Jahren hat die 62-Jährige zielstrebig mit der Umsetzung begonnen, getrieben von Murdochs Anspruch, die bestmögliche Rendite einzufahren, und dem persönlichen Ehrgeiz, HarperCollins nach dem Vorbild von Penguin global als Markennamen zu etablieren.

Berührungsängste und Tabus kennt die Verlegerin, die seit 1993 die Fäden bei HarperCollins zieht und von der New York Post bereits mehrfach unter die 50 einflussreichsten Frauen in New York gewählt worden ist, nicht. „Wir müssen nicht nur ganz genau wissen, wer unsere Autoren und Bücher will, sondern auch dafür sorgen, dass diese Zielgruppe den Zugang zu unseren Produkten hat“, ist ihr Credo.

Aus dem „Publishing +“-Programm:

  • Wenn die klassische Absatzschiene Buchhandel allein nicht ausreicht, muss das Buch zum Käufer. Dazu gehören Buchpräsentationen im Designerladen von Ralph Lauren, im Museum und im Spielcasino, aber auch Kooperationen wie mit dem New Yorker Nobelwarenhaus Saks, für das HarperCollins exklusive Kinderbücher produziert.
  • Die von Friedman geforderte „Cleverness in der Vermarktung“ stand Pate für das Speakers Bureau, mit dem der Verlag Autoren nicht nur stärker an sich bindet, sondern auch die Zufälligkeit aus PR-Auftritten nimmt. Über 100 Autoren werden bereits effektiv und zielgruppengenau dann in die Öffentlichkeit gebracht, wenn ihre neuen Bücher tagesaktuelles Gesprächsthema sind.
  • Seit Februar werden als Werbung für die Printausgabe vier Wochen lang ausgewählte Titel vollständig ins Internet gestellt; sie können zwar am Bildschirm gelesen werden, aber es ist weder Download noch Printausdruck möglich.

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