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Im Wettstreit um die Deutungshoheit

Die Bücherborde ächzen bereits unter der Last der Literatur zu 1968, unter den vielen Regalmetern verklärter Erinnerungsprosa, historischer Abhandlungen und kritischer Abrechnungen. Zum 40. Jahrestag droht nun eine neue Schwemme, die alten Recken besinnen sich und die Verlage bringen zahlreiche Neuerscheinungen. Grob geschätzt kommen in diesem Jahr zwischen 30 und 40 Titel auf den Buchmarkt, die sich mit der Studentenrevolte beschäftigen. Die schiere Zahl rechtfertigt noch nicht, dass Buchhändler die Aktionstische zum Thema aufklappen sollten.

Doch seit einigen Wochen geistert die 68er-Bewegung durch die Medien und in den Feuilletons tauchen die ersten Rezensionen auf. Nur wenige der Titel, die bereits erschienen oder angekündigt sind, haben das Potenzial, eine Debatte auszulösen. Götz Aly, Historiker und Zeitzeuge, ist es mit seinem neuen Buch bereits gelungen, eine breite Medienaufmerksamkeit zu erlangen. Seine These, die führenden Köpfe der 68er seien Wiedergänger der Nazis, sorgt für Diskussionen vor allem unter den einstigen Gesinnungsgenossen (siehe Interview).

Aly gibt Anstoß zur Debatte

Der S. Fischer Verlag war noch Anfang des Jahres sorgsam darauf bedacht, dass vor dem ursprünglich geplanten Erscheinungstermin im März keine inhaltlichen Wiedergaben oder Rezensionen des Buches durchdringen und sendete die Fahnen nur unter der Bedingung einer „definitiven Wahrung der Sperrfrist“. Nachdem Aly mit einem Beitrag in der Frankfurter Rundschau Ende Januar die Debatte sowie die Neugier auf sein Buch entfacht hatte, zog der Verlag das Erscheinen um einen Monat vor.

„Der Aly hat mit seinem Buch etwas angestoßen“, bestätigt Michael Wolf von der Buchhandlung Roter Stern in Marburg. Das von elf Mitarbeitern geführte Kollektiv ist 1968 gegründet und somit selbst ein Kind dieser Zeit, die auch die Biografie eines Großteils der Käuferschaft geprägt hat. „Viele unserer Kunden hat die gewagte These Alys sehr aufgeregt, das Buch haben sie aber dennoch gekauft“, meint Wolf. Wenn Aly am 10. April in die Buchhandlung kommt, um aus seinem Werk zu lesen, erwartet der Sortimenter leidenschaftliche Diskussionen.

Kritische Bilanz statt Apologie

Die 68er spalten die Gemüter. Noch in guter Erinnerung ist das Buch von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, der in „Der große Selbstbetrug“ im Oktober vergangenen Jahres die Debatte um die gesellschaftlichen Konsequenzen der 68er-Bewegung entfacht hatte. Seine scharfe Polemik schaffte es auf Rang 11 der Spiegel-Bestsellerliste und verkaufte sich seither 36000-mal. „Man beruft sich auf die 68er oder verdammt sie, aber ohne sie kommt niemand aus“, bringt es Franz-Maria Sonner, Herausgeber des Antje Kunstmann Verlags, auf den Punkt.

Mit Blick auf die aktuellen Neuerscheinungen scheint die Apologie der Kritik gewichen zu sein: Neben Aly zieht auch Wolfgang Kraushaar in „Achtundsechzig“ eine kritische Bilanz, indem er den führenden Köpfen der Bewegung eine problematische Nähe zur Gewalt sowie ein unausgegorenes Verhältnis zur NS-Vergangenheit vorhält (siehe Interview). Auch Peter Schneider, der 1968 zu den Akteuren zählte, will mit seinem Erinnerungsbuch „Rebellion und Wahn“ nicht nostalgisch zurückblicken, sondern mit sich selbst in ein kritisches Selbstgespräch treten: Der 68-Jährige räsoniert über die Tagebuchnotizen des 68ers.

Nach dem Schnellstart Alys hat übrigens auch Kiepenheuer & Witsch den Erscheinungstermin für Schneiders Buch auf den 27. Februar vorgezogen. Der Spiegel hat bereits einen Auszug von Schneiders Erinnerungen veröffentlicht und Redakteur Matthias Matussek hat beide Werke unter die Lupe genommen.

Nur wenige Historiker schreiben mit

Auffällig ist, dass nur wenige Historiker oder Publizisten Bücher über 1968 schreiben, die entweder nach 1968 geboren sind oder auf der anderen Seite der Barrikaden standen. „Die 68er sind immer noch in vielen Bereichen selbstreferenzielle Meinungsführer“, liefert Propyläen-Programmleiter Christian Seeger eine Erklärung. Selbstreferenzialität, der Kernbegriff in Niklas Luhmanns Systemtheorie, macht auch die Titelflut plausibel. „Das gehört zur Selbstbeobachtung der Gesellschaft, insbesondere im vorliegenden Fall der tiefgreifenden Bewusstseinsveränderung durch ’68, einfach dazu“, meint Rotbuch-Lektor Moritz Kienast. „Das dient der Identitätsbildung und ist so gesehen zu begrüßen.“

  • Debattenbücher wie die Werke von Aly, Kraushaar oder auch die Abhandlung von Albrecht von Lucke, der in „68 oder neues Biedermeier“ (Wagenbach) danach fragt, warum die 68er derart wirkmächtig werden konnten und warum aus der Einschätzung von 68 noch immer heftige Deutungschlachten entstehen. Dazu zählt auch der Klassiker „Achtundsechzig“ von Oskar Negt, der bei Steidl wiederaufgelegt wird.
  • Erinnerungen und Autobiografisches wie die Tagebuchaufzeichnungen von Peter Schneider und die Rückblicke von Lothar Menne (Goldmann) und Michael Ludwig Müller (Berlin Story). Im Blumenbar Verlag legt Kommune-1-Mitbegründer Rainer Langhans seine Autobiografie vor („Ich bin’s“).
  • Porträts und Theorie: Neben einer ganzen Reihe von Sachbüchern, die eine historische Einordnung und einen Überblick bieten (Bernd Guggenberger, Norbert Frei, Ingrid Gilcher-Holtey), wirft Jutta Ditfurth mit ihrem Porträt „Rudi und Ulrike“ (Droemer) ein Schlaglicht auf zwei Aktivisten.
  • Bildbände: In „K1 – Das Bilderbuch der Kommune“ (Blumenbar) erscheinen zahlreiche bisher unveröffentlichte Fotos über Deutschlands berühmteste WG. Fotografisch ausgeleuchtet wird 1968 zudem durch die Bücher von Gerd Koenen/Andreas Veitel (Fackelträger) und Josef Koudelka (Schirmer/Mosel).
  • Anthologien: Suhrkamp macht mit der Wiederauflage des „Kursbuch 1968“ wichtige theoretische Quellen zugänglich. In der Reihe „Suhrkamp 1968“ erscheinen Schlüsseltexte, ergänzt jeweils durch eine DVD mit historischem Filmmaterial. In der Hörbuch-Edition von Kunstmann kommen die Protagonisten selbst zu Wort.

Wer soll das alles lesen?

Und wer soll das alles lesen respektive hören und sehen? „Viele junge Leute“, meint Wagenbach-Verlegerin Susanne Schüssler. „Die 68er selbst, einmal nach langem Marsch in den Institutionen angekommen, haben ja oft das Lesen aufgegeben.“ Auch Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger sieht vor allem Schüler und Studenten als Zielgruppe, „all jene, die diese Zeit nicht aus eigenem Erleben kennen“.

Eine zentrale Figur der 68er, Hans Magnus Enzensberger, ist der Erinnerungsbücher seiner Generationsgenossen jedenfalls überdrüssig geworden: „Ach, das ist doch alles tausendmal durch alle Talkshows püriert worden.“

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