Es gab keine 68er-Revolution

In seinem neuen Buch „Achtundsechzig“ weist der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar der 68er-Bewegung ein unausgegorenes Verhältnis zur deutschen NS-Vergangenheit nach.

Was ist Ihre Bilanz von 1968?
Nach wie vor hält eine Art Kulturkampf um „68“ an. Deshalb wird auch jede Bilanzierung anfechtbar bleiben. Festhalten lässt sich jedoch, dass „68“ durchaus folgenreich war, im Positiven wie im Negativen. Weder die Grünen noch die RAF, weder die K-Gruppen noch die Frauenbewegung hätte es ohne diese Vorgeschichte gegeben, aber auch nicht – wie ich zu belegen versuche – die sozialliberale Koalition. Am gravierendsten dürften allerdings die soziokulturellen Auswirkungen gewesen sein, die Ausweitung individueller Handlungsspielräume, die Erprobung neuer Lebensentwürfe und manches andere mehr.

Sie weisen auf eine problematische Nähe führender Köpfe der 68er zu Gewalt, antisemitischen und nationalen Tendenzen hin. Müssen wir die 68er in einem neuen Licht sehen?
In den letzten Jahren hat sich so etwas wie eine Entzauberung einiger
Wortführer der damaligen Bewegung abgespielt. Einst prominente 68er wie etwa Bernd Rabehl sind inzwischen auf der äußersten Rechten angelangt und Horst Mahler schreckt nicht einmal davor zurück, den Holocaust zu leugnen. Ja, es hat eine Affinität zur Gewalt, einen doppelbödigen Internationalismus und eine scheinheilige Israel-Kritik gegeben. Das ist erschreckend, dennoch aber kein ausreichender Grund, diese Stimmen insgesamt für repräsentativ zu halten. Alys Analogien zwischen ’33 und ’68, der NS-Bewegung und der der 68er sind methodisch überaus anfechtbar. In Anlehnung an Nietzsche könnte man Aly als einen „Historiker mit dem Hammer“ bezeichnen.

Kritik gibt es auch an den gesellschaftlichen Folgen: Kai Diekmann hat mit „Der große Selbstbetrug“ ein polemisches Buch über „das Erbe der 68er“ veröffentlicht, das „uns in eine Sackgasse geführt hat“. Was halten Sie von dieser Einschätzung?
Es gehört zur mangelnden Distanz, die meisten gesellschaftlichen Fehlentwicklungen nun als Folge der 68er abbuchen zu wollen. Das erscheint mir aber hypertroph. Eine Bewegung, die seinerzeit nur wenige Tausend Akteure umfasste, hätte derartig weitreichende Umwälzungen überhaupt nicht in Gang setzen können. Ein für allemal: Die 68er-Revolution hat nicht stattgefunden. Es war eine Jugendrevolte, im Kern die einer akademischen Elite, die das Land radikal verändern wollte, damit nicht so weit gekommen ist, aber ein enormes, bis auf den heutigen Tag anhaltendes Echo erzeugt hat. „68“ steht für eine grundlegende Infragestellung von Staat und Gesellschaft, nicht jedoch dafür, auch die richtigen Antworten gefunden zu haben.

Die Fragen stellte Till Spielmann

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