Keine Freundin des Flachwitzes

Seit 1988 steht Claudia Knauss an der Spitze des Heye Verlags. Mordillo und Loriot gehören zu den Säulenheiligen der Verlegerin. Ein Porträt der Münchnerin.
Das kleine Arschloch ringt Claudia Knauss nicht einmal ein müdes Lächeln ab. Wenn Stefan Raab seinen werktäglichen Ausflug in die Abgründe der Schadenfreude unternimmt, hat sich die Heye-Verlegerin vor dem Fernseher längst abgeseilt. Auch wenn sich mit den Humoristen, die ihre Zeitgenossen liebend gern in die Pfanne hauen, auf Hochglanz getrimmt und mit Kalendarium bestückt, Millionen Euro verdienen ließen – an der Verflachung des Humors möchte sich die Münchnerin partout nicht beteiligen.
Dann doch lieber die Episode vom Ehemann, der nach einem morgendlichen Disput mit der Gattin über das zu harte Frühstücksei düster raunt, sie morgen umzubringen. Der Cartoon vom Gartenschlauch und der Schlange, die sich ineinander verlieben. Die Abenteuer  des treudoofen Charlie Brown, der Generationen von Kindern und Erwachsenen überlebt hat. Kein Zufall, dass Loriot (seit 1983), Mordillo (1972) und Charles M. Schulz (1983) zu den Säulenheiligen des Verlags gehören, der vor 40 Jahren mit „Dummen Sprüchen für Gescheite“ seine Kalenderproduktion aufnahm, inzwischen zu den führenden deutschen Kalenderverlagen gehört und dessen humoristische Keimzelle immer noch ein Viertel am Gesamtumsatz beiträgt.
Humor als Zärtlichkeit der Angst, zitiert Knauss eine Definition von Mordillo, die so gar nicht zu ihr zu passen scheint. Denn Angstgefühle müssen dieser Fraufremd sein, deren Blick selbstbewusst bis streng, deren Lächeln charmant und deren Lachen ansteckend ist und die sich in Lizenz-Verhandlungen eher dickköpfig als dünnhäutig gibt – kurzum: Eine resolute Verlegerin, die bittere Pillen auch ohne den Zuckerguss der Komik zu schlucken weiß.
Vielmehr scheint es etwas Grundsätzlicheres, die Neugierde für die condition humaine zu sein, die sowohl den Humor, die Karriere als auch den Arbeitsalltag von Claudia Knauss bestimmt. Bereits auf dem Weg in den Verlag erledigt Knauss erste Telefonate mit Künstlern und Geschäftspartnern. Als persönlicher empfindet Knauss diesen Kontakt, verglichen mit der elektronischen Post. 
Zwar erleichtere die E-Mail teilweise den Arbeitsalltag und beschleunige die Kommunikation – andererseits schlussfolgere daraus, dass der Mensch dem Tempo der Maschine nacharbeite, sich letztlich also noch mehr Arbeit aufhalse.
Rückblick: Als dreisprachige Telefonistin beginnt Knauss im Unternehmen von Friedrich W. Heye, der 1962 in Unterhaching bei München einen Verlag und eine Werbeagentur gründete – Heye favorisierte den günstigen Mietspiegel der Gemeinde gegenüber einem Standort mit branchenwirksamem Flair wie München oder Düsseldorf. 
Bis 1980 arbeitet Knauss im Artbuying der bundesweit renommierten Agentur, bevor Heye sie 1980 als seine rechte Hand in den Verlag beruft. Acht Jahre später, kurz vor seinem Tod, übergibt Heye die Verlagsleitung an Claudia Knauss, ihren Ehemann Jürgen Knauss sowie Peter Keil als kaufmännischem Geschäftsführer.
Eine Bilderbuchkarriere, die für Frauen in der von Männern in den Führungsetagen dominierten Branche noch immer selten ist. Der Aufwand, den Frauen betreiben müssen, um an die Spitze zu kommen, sei wesentlich höher als der von Männern, bestätigt Knauss, die sich schon im Elternhaus gegen ihre vier Brüder durchsetzen musste.
Verantwortlich für Künstler und Lizenzen, wälzt Knauss Hunderte von Zeitungen in der Woche und besucht bis zu zehn Messen im Jahr, um nah am Zeitgeist zu bleiben, der teilweise Generationen weit entfernt pulsiert. In den vergangenen Jahren sicherte sich Knauss die Lizenzen für „Der Herr der Ringe“, „Harry Potter“ und „Star Wars“. Letzter großer Deal: Die Rechte am Kalender zu „(T)Raumschiff Surprise“, dem neuen Film des erfolgreichen Produzenten und Schauspielers Michael „Bully“ Herbig.
Gern verweist Knauss, die am liebsten bei langen Solo-Spaziergängen in der Natur neue Ideen sammelt, auf den 1994 entwickelten und von Helme Heine illustrierten Familienplaner, der eine Millionenauflage erreicht habe. Die Kombination aus Kalender und Lesezeichen brachte Heye 1998 auf den Markt, um die extrem kurze Verkaufszeit im Handel zu verlängern. Im Jubiläumsjahr 2004 testen die Unterhachinger einen Nutzkalender mit dem Titel „dran & ab“, dessen Monatsblätter abziehbar sind und an glatten Flächen angeklebt werden können.
Innovation ist nach Einschätzung der Verlegerin das einzige Rezept, um sich von der Konkurrenz abzuheben – mit einem vergleichsweise banalen Produkt, dessen Variationsmöglichkeiten gering sind. Nicht austauschbar zu sein, die einzige mögliche Strategie, um sich dem Diktat des hochkonzentrierten Handels zu entziehen, wo es längst nicht mehr partnerschaft- lich zugehe. Sich unentbehrlich zu machen, als Methode, den Dumping-Produkten der Wettbewerber etwas entgegenzusetzen. 
Wie ein Mantra wiederholt Knauss den Satz, dass es einen Gegentrend zur Geiz-ist-Geil- Mentalität geben werde, selbst wenn sich, nach dem Wegfall der Preisbindung für Kalender, der Preiskampf im Handel verschärft hat. Der Kalenderkunde sei eine treue Seele, der Qualität zu schätzen wisse.
Obwohl das Angebot auf dem Markt in den vergangenen Jahren immer größer geworden ist – bei Karstadt sind allein 2200 Kalender gelistet –, zieht Knauss eine Verschlankung des eigenen Sorti- ments nicht in Erwägung. Im Gegenteil: Die Erweiterung des Programms habe zu Umsatzzuwächsen geführt. Der Verlag arbeite vielmehr daran, seine Produkte beispielsweise im Preis-Leistungs-Verhältnis stärker auf die einzelnen Vertriebswege hin auszurichten.
Trotz des schwierigen Marktes blickt die Verlegerin optimistisch in die Zukunft. Einzig Basel I und II – „Jes- ses!“ – könnten dem Verlag die Aussicht verhageln. Doch bierernst nimmt Knauss selbst die neuen Vorschriften zur Kreditvergabe nicht. Lieber spricht sie von „Fasel eins und zwei“, lehnt sich zurück und grinst.
Zur Person: Claudia Knauss
Wurde 1947 in München geboren. Im Anschluss an das Abitur Französisch-Studium in der Schweiz. Nach dem Abschluss und der Rückkehr in die Heimatstadt Studium an einer Sprachenschule. Nebenher Mitarbeit in der Werbeagentur Heye & Partner. 1980 Wechsel in den Heye Verlag, dessen Leitung Knauss gemeinsam mit Ehemann Jürgen sowie Peter Keil (Kaufmännisches) 1988 übernimmt. 2000 nimmt der Verlag das Fachhandelsprogramm von Mohn sowie die Starkalender von Danilo ins Programm, zu dem bereits die Kalender von Bruckmann zählen. 

Der Text ist erstmals im Juni 2004 im buchreport.magazin erschienen.

Kommentare

2 Kommentare zu "Keine Freundin des Flachwitzes"

  1. Aha, oho! Und herzliche Grüße auch an Jürgen!

  2. Aha, oho! Und Grüße an Jürgen!

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