Verlage
Donnerstag, 10. April 2014 (10:33 Uhr)


Wie Tim Renner der Buchbranche die Leviten liest

„Sie haben keine Kontrolle mehr“

Spätestens seit dem sich abzeichnenden Boom von E-Books sind Vergleiche zwischen Musik- und Buchbranche en vogue. Und dann doch immer wieder neu einleuchtend und anregend: Tim Renner, früherer Popmusikmanager und ab Ende April 2014 Berlins neuer Kulturstaatssekretär, hat bei einer Veranstaltung des Dortmunder E-Book-Dienstleisters Readbox der Buchbranche geraten, sich vom Wunsch einer „Kontrolle des Wandels“ zu verabschieden und dem Leser endlich „Angebote auf Augenhöhe“ zu machen.

Vor rund 80 Gästen beim „Readbox Kundentag“ erinnerte Renner daran, dass der Umsatz der Musikbranche zwischen 2001 und 2011 halbiert worden sei, weil die Branche zu spät auf die Bedürfnisse der Kunden reagiert habe. Die Musikbranche habe es als erste getroffen, weil die jungen Kunden die ersten gewesen seien, die ins Internet gegangen seien – wo die Labels den Verlagen viele Jahre keine guten Angebote gemacht habe.

Dies habe sich zwar inzwischen verändert, aber nicht genügend: Die Musikbranche verkaufe hierzulande noch zu 75% physische Tonträger, damit sei Deutschland im Vergleich zu Skandinavien ein „digitales Entwicklungsland“, wie es das Musikmagazin „Billboard“ beschrieben habe. In Deutschland gebe es eine auffällige Fokussierung auf physische Datenträger, eine „merkwürdige physische Sentimentalität“, die dazu führe, dass sich die Musikbranche im internationalen Vergleich am schwersten vom 50%-Umsatzverlust erhole. Dies könne nur durch einen zusätzlichen digitalen Umsatz gelingen.

Verglichen mit der Musikbranche habe es die Buchbranche schwerer, weil sie ihr Geschäftsmodell über 500 Jahre entwickelt habe und es ihr entsprechend schwer falle, sich neu zu orientieren. „Dass es das Buch 500 Jahre lang gibt, ist kein gutes Argument“, so Renner. „Ochsenkarren waren tausende Jahre alt, bevor das Auto kam.“

Konkret seien E-Books aus Nutzersicht zu teuer. Der Kopierschutz schrecke ab – ein Fehler, den die Musikindustrie auch begangen habe. Und es sei aus Nutzersicht nicht einleuchtend, warum  der Leser nur ein „geschlossenes Bundle“ statt einzelner Kapitel kaufen könne – „warum ist nicht das realisiert worden, was physisch in jedem Copyshop schon möglich ist?“ Auch in der Buchbranche werde der Trend hin zu Flatrates gehen à la Spotify, einer Plattform, mit der entgegen vieler Kritiker schon heute Geld verdient werde und an der die Musikbranche mit 20% beteiligt sei.

„Sie können die Digitalisierung nicht zurückdrängen, Sie müssen akzeptieren, dass sie keine Kontrolle mehr haben“, mahnte Renner. Die Buchbranche müsse endlich „Angebote auf Augenhöhe“ machen, erst danach könne sie wie die Musikindustrie wieder Wachstum aufnehmen. 



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