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Verlage
Freitag, 22. Februar 2013 (17:02 Uhr)


Amazon-Debatte: Alexander Skipis kritisiert Verlage und Politik

Das totale Schweigen

Beim Treffen der AG Publikumsverlage warnte Alexander Skipis bereits die Verlage, sich allzu sehr auf den „neuen Freund“ Amazon zu verlassen – und alte Allianzen mit dem Buchhandel aus den Augen zu verlieren. In einem Kommentar anlässlich des Amazon-Leiharbeiter-Skandals legt der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins heute nach. Der Beitrag erscheint gekürzt in der "Süddeutschen Zeitung" (Samstagsausgabe) und auf sz.de.

Dass die Mehrheit der Verlage aktuell schweige, sei darauf zurückzuführen, dass Amazon ihnen (als mächtiger Vertriebskanal) nutze. Doch der Erfolg von Amazon werde besonders in Zukunft „auf dem Rücken der Verleger und Leser ausgetragen“, wenn Amazon als „Quasimonopolist“ die Konditionenschraube anziehen könne.

Skipis verbindet seine Kritik am Schweigen der Verlage mit einer politischen Forderung und richtet dabei seinen Blick nach Luxemburg, von wo aus Amazon seine E-Books zum reduzierten Mehrwertsteuersatz von 3% verkauft: „Das hat dann eine europäische Dimension. Bis auf wenige Ausnahmen nehmen das auch die politisch Handelnden in Kauf.“ Konkret: Skipis fordert eine Regelung für den Mehrwertsteuersatz im grenzüberschreitenden Verkehr und den reduzierten Mehrwertsteuersatz. „Eine Entscheidung auf Regierungsebene ist überfällig, wir fordern sie seit Jahren mit Nachdruck ein. Doch auch hier – Schweigen.“

Hier Skipis' Kommentar im Wortlaut: 

„Amazon und das lautstarke Schweigen in Deutschland

Amazon heute: Nach der ARD-Dokumentation „Ausgeliefert“ fegt ein Sturm der Entrüstung durch das Internet. Die Politik greift das Thema Arbeitsbedingungen auf. Einige wenige kleinere Verlage melden sich zu Wort, üben öffentlich Kritik, kündigen die Zusammenarbeit mit Amazon. Andere schweigen.

Doch wer schweigt zu was und warum? Die Antwort ist so simpel wie hart. Geschwiegen wird, weil Amazon – jedenfalls kurz-, vielleicht auch noch mittelfristig – nutzt. Der Onlineanbieter nutzt vielen Verlagen, weil ihre Bücher über diesen Vertriebsweg geordert werden und  weil sie damit Geld verdienen. Und der Onlineanbieter nutzt dem Kunden, weil ihm das Empfinden eines nahezu perfekten Angebots bei vollster Bequemlichkeit vermittelt wird. Der Preis macht es bei Büchern nicht, denn der ist überall derselbe. Aber der Preis, der insgesamt für den Nutzen zu zahlen ist, wird hoch sein.

Dass dies – wenn die Behauptung stimmt – auf dem Rücken ausgeliehener Arbeitnehmer, einer fragwürdigen Öko-Bilanz, deutscher Steuerzahler und einer schleichenden Verödung der Innenstädte geschieht, das war bis vor kurzem kein Thema. Nicht in der Politik, nicht bei vielen Verlagen, auch nicht für die Verbraucher. Dass dieser Erfolg schon jetzt, vor allem aber in Zukunft auf dem Rücken der Verleger und Leser ausgetragen wird, wenn Amazon als Quasimonopolist die Konditionenschraube anziehen kann, ist am Horizont schon sichtbar. Manche Verleger können bereits jetzt ein Lied davon singen.

Unternehmen wie Amazon oder Apple haben als global agierende Unternehmen in Deutschland Vorteile, die lokale Anbieter wie Buchhändler nicht haben. Sie zahlen in Deutschland kaum Steuern, sie nutzen hier aber gleichzeitig die gesamte Infrastruktur. Sie können beispielsweise E-Books aus Luxemburg mit einem reduzierten Mehrwertsteuersatz von 3 Prozent grenzüberschreitend verkaufen. Das hat dann eine europäische Dimension. Bis auf wenige Ausnahmen nehmen das auch die politisch Handelnden in Kauf. 

„Nachhaltigkeit“ ist lange schon ein geschätzter Begriff der politischen Klasse. Leider wird er ständig missbraucht. Nachhaltig missbraucht. Es wird Zeit, dass die damit verbundenen Werte von Lippenbekenntnissen in konkretes Handeln überführt werden. Wenn die Buchbranche in Deutschland für E-Books eine Regelung für den Mehrwertsteuersatz im grenzüberschreitenden Verkehr und den reduzierten Mehrwertsteuersatz fordert, dann hat das etwas mit nachhaltigem Schutz für ein Kulturgut zu tun, dessen Charakter sich durchaus in Abhängigkeit vom Vertriebsweg entwickelt. Das beeinflusst letztlich die Vielfalt des kulturellen Angebots. Eine Entscheidung auf Regierungsebene ist überfällig, wir fordern sie seit Jahren mit Nachdruck ein. Doch auch hier - Schweigen.

Es gibt Alternativen. Ein jeder hat es selbst in der Hand zu entscheiden, wo er kauft und verkauft. Verbraucher und Verleger sind nicht machtlos. Die Lösung? Flächendeckend gibt es in Deutschland ein Netz von Buchhandlungen mit Beratung und Komfort. Hier wird das vor Ort bestellte Buch in der Regel nicht nur innerhalb von 24 Stunden geliefert, hier kann dasselbe Buch in den meisten Fällen auch online geordert werden. Hier ist die deutschsprachige Titelauswahl größer als bei den meisten reinen Online-Anbietern, die längst nicht alle lieferbaren Bücher in ihren Katalogen haben. Hier wird das Buch in manchen Fällen per Boten gebracht und hier erfährt man, welche Bücher, die nicht auf Bestsellerlisten stehen, besonders lesenswert sind. 

Der Buchhandel vor Ort hat jetzt die Möglichkeit zu zeigen, was in ihm steckt. Und der Verbraucher hat es selbst in der Hand, wie er seine Umgebung und seine Umwelt, aber auch Arbeitsbedingungen von Menschen mit seinen Verkaufsentscheidungen gestaltet.

Die Amazon-Bestandsaufnahme ist nüchtern. Das entschuldigt nicht Verhältnisse in Unternehmen oder Bedingungen, die völlig inakzeptabel sind. Doch es ist eine Tatsache: Die Mehrheit schweigt. Es gibt sicher gute Gründe, etwas zu tun oder zu lassen. Aber es gibt Alternativen, jeder hat die Wahl. Und sollte das nutzen. Der Autor Andrian Kreye bezeichnet Amazon in der Süddeutschen Zeitung als „wirtschaftliche Lebensgefahr“ für Buchhandel und Verlage. Das sollte uns alle nachdenklich machen.“

 



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