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Verlage
Dienstag, 19. Februar 2013 (13:12 Uhr)


Andreas Selling (Hubert & Co.) über die Krise von Buchdruckereien

„Konzentration ist teilweise notwendig“

Fast wöchentlich gibt es neue Meldungen zu insolventen Druckereien, zuletzt von Stürtz. Andreas Selling (Foto), Geschäftsführer bei der auf kleine und mittlere Auflagen spezialisierten Buchdruckerei Hubert & Co. aus Göttingen, glaubt, dass sich zu viele Druckereien um einen schrumpfenden Kuchen scharen. Selling begrüßt eine Marktbereinigung und fordert eine Standardisierung der Produktion.

Fuldaer Verlagsanstalt, Bercker, Stürtz – gibt es einen gemeinsamen Nenner der Pleiten? 

Die Buchhersteller werden von einem Trend erfasst, der schon seit 10 bis 15 Jahren in der grafischen Industrie zu beobachten ist: Die Kapazitäten sind immer weiter ausgebaut worden. Aber der Kuchen, um den immer heftiger gerungen wird, schrumpft kontinuierlich, weil das Medium Print im Zuge der Digitalisierung an Bedeutung verloren hat. Als Folge des verschärften Wettbewerbs sind die Preise schlimmstenfalls radikal gesunken. Bestenfalls sind sie stehen geblieben, was aber auf das Gleiche hinauslief, da wir die steigenden Kosten (für Papier, Farbe, Energie, Transport usw.) nicht an den Kunden weitergeben konnten.

Hätten die Buchhersteller früher reagieren müssen, indem sie Überkapazitäten abbauen?

In der Theorie vielleicht, aber wie sollte der einzelne Betrieb in der Praxis reagieren: Eine Druckmaschine rauswerfen, um sich so zum Bauernopfer zu machen? Im vergangenen Sommer gab es eine Zeit lang fast jeden Tag eine Insolvenzmeldung aus der Druckereibranche, die insgesamt tief in der Krise steckt. Und davon können sich die Buchhersteller nicht freimachen.

Eine Krise mit einem notwendigen Konzentra­tionsschub?

Teilweise ist die Konzentration notwendig, auch wenn das für viele bitter sein wird. Aber wenn die angeschlagenen Firmen am Ende mit Insolvenzgeld weitermachen, drohen die Preise noch weiter abzurutschen. Es würde der Branche guttun, wenn das eine oder andere Unternehmen vom Markt verschwinden würde, das sich in den letzten Jahren noch so gerade retten konnte. Das soll nicht kaltschnäuzig klingen, und mir tut es leid um jeden Branchenkollegen. Aber so kann es nicht weitergehen.

Wie sollten die Herstellungsabteilungen in den Verlagen auf die Misere reagieren? Höhere Preise sind vermutlich nicht durchsetzbar?

Nein, das wäre zu kurz gesprungen. Ich plädiere dafür, dass Prozesse optimiert werden, nicht die internen Prozesse bei den Druckereien, darum kümmern wir uns allein, sondern unternehmensübergreifende Prozesse zwischen Verlag und technischem Betrieb. Da kann viel automatisiert und standardisiert werden. Allein in unserem Unternehmen, das auf kleine Auf­lagen, vor allem aus Wissenschaftsverlagen spezialisiert ist, haben wir fast 200 verschiedene Buchformate; ein Kollege berichtete mir von über 500 Formaten. Dazu kommen unzählige Ausstattungsvarianten. Das ist Wahnsinn. Manche Verlage arbeiten heute noch, wie sie es seit jeher getan haben, obwohl die Verlage genau wie die grafische Industrie immer kleinere Räder drehen müssen: Es müssen immer mehr Titel mit immer kleineren Stückzahlen produziert werden, um zu einem auskömm­lichen Ergebnis zu kommen.

Wer überlebt in Ihrer Branche? 

Innovative Unternehmen, die pfiffige Lösungen anbieten können. Unternehmen, die solide gewirtschaftet haben und über eine Eigenkapitaldeckung verfügen, mit der man manches schlechte Wetter überstehen kann. Und hier muss ich schon ein bisschen Werbung in eigener Sache machen dürfen, denn beides trifft auf Hubert & Co zu. Ansonsten fürchte ich schon die Macht der großen, international aufgestellten Druckkonzerne. Große Mitbewerber, die noch vor Jahren über Auflagen unter 10.000 gelacht haben, entdecken jetzt die Kleinauflage, kaufen auf dieses Segment spezialisierte Unternehmen (und deren Know-how) hinzu und investieren in passende Maschinen. Diese „Riesen“ haben inzwischen Verlage auf dem Schirm, die selbst für unser Radar zu klein sind, und gehen mit Kampfpreisen über den Markt. Solche massiven Investitionen in Technologie und Kompetenz kann ich als Mittelständler mit 60 Mitarbeitern und etwa 7 Mio Euro Umsatz pro Jahr nicht stemmen.

Die Fragen stellte Daniel Lenz

aus: buchreport.express 6/2013



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