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Verlage
Mittwoch, 30. Juli 2008 (11:33 Uhr)


Joachim Kaps über digitalen Comic-Vertrieb

„Deutschland gilt nicht als Innovationsträger“

Große Comic-Verlage und Medienkonzerne treiben die Digitalisierung der bislang vorwiegend gedruckten bunten Bilder voran und suchen nach neuen Vertriebswegen im Internet (hier der Bericht). Im Interview beschreibt Joachim Kaps, Chef der deutschen Dependance des japanischen Mangaverlags Tokyopop, die Herausforderungen der Branche im Internetzeitalter.

Verlage und Medienkonzerne wie Marvel und Disney sowie Comic-Größen wie Spider-Man-Erfinder Stan Lee wollen das Internet als digitalen Vertriebskanal für das Medium Comic erschließen. Wie schätzen Sie die Chancen ein?
Nach allen Daten, die bislang aus den USA und vor allem den asiatischen Ländern vorliegen, spricht derzeit einiges dafür, dass das Internet eher eine Plattform für das Marketing und den Onlineverkauf der gedruckten Bücher bleiben wird. Die Nutzer haben sich einfach viel zu sehr daran gewöhnt, dass man im Web alles umsonst bekommt, diese Haltung wird sich nicht so leicht wieder verändern lassen.

Ganz anders sieht die Perspektive für digitale Comics auf dem Handy, E-Book-Readern oder für den Buchmarkt ganz neue Plattformen wie dem Nintendo DS oder der Wii aus. Handy-Manga sind in Asien bereits eine feste Grüße, der Sony-Reader wurde in den USA in einer Teilauflage vom Start weg mit Tokyopop-Manga bestückt, und die vier größten japanischen Manga-Verlage haben gerade ein Joint Venture ins Leben gerufen, um die Nintendo-Geräte als Plattform zu nutzen. Hier sehen wir derzeit vertrieblich die größten Chancen für die Zukunft.

Während US-Comicverlage seit Monaten die Digitalisierung der Branche vorantreiben, ist aus der deutschen Comicbranche wenig zu hören. Warum sind andere Märkte weiter?
Die anderen Märkte sind gar nicht unbedingt weiter. In der Publikumswerbung setzt zum Beispiel Tokyopop auf seiner Homepage digitale Leseproben mit kompletten Kapiteln aus unseren Büchern in unserem Mangaplayer seit knapp drei Jahren ein. Im internationalen Vergleich stellt sich für deutsche Comic-Verlage eher das Problem, dass der Anteil von lokal entwickelten Stoffen derzeit einfach verschwindend klein ist. Man wird aber einen gewisse Content-Menge brauchen, um überzeugende Portale aufzubauen, weil die Nutzer ja auch eine gewisse Auswahl erwarten.

Das wird die eigentliche Herausforderung für deutsche Verlage werden, denn man wird die Hilfe der Lizenzpartner brauchen, um hier die nötige kritische Masse zu generieren. www.jumpland.com, eine internationale Zusammenarbeit zwischen Shueisha (Japan), Viz (USA), Glénat, Dargaud (beide Frankreich) und Tokyopop Deutschland zeigt recht gut, wie so etwas aussehen könnte.

Wie weit sind Sie im Internet?
Wir werden im Web unsere Aktivitäten bei Vorveröffentlichungen deutlich ausbauen und sie ab 2009 auch noch stärker redaktionell begleiten. Wie eben ausgeführt, sehen wir darin in Punkto Web eher eine zielführende Strategie. Bei den unseres Erachtens entscheidenden Schritten im Bereich des Verkaufs digitaler Manga sind wir aktuell ein wenig ausgebremst, weil die den Markt entscheidenden Partner oftmals in internationale Strategiepläne eingebunden sind und das Timing im deutschen Markt nicht unbedingt von Deutschland aus forcieren können. In den japanischen und amerikanischen Zentralen gilt Deutschland aber offensichtlich nicht als Innovationsträger. Wir haben aber natürlich mit allen potenziellen Partnern gesprochen und klare Signale gegeben, dass wir für die anstehenden Prozesse vorbereitet sind.

Marvel hat im Dezember die eigenen Archive im Internet geöffnet. Wie schätzen Sie die Chancen ein, die Backlist im Internet zu verwerten?
In dieser Form eher gering. Die Plattform von Marvel klingt im Moment noch so, als wolle man eine Art virtuellen Flohmarkt schaffen, der die Comic-Tauschbörsen ersetzt, die in den 70ern und 80ern groß in Mode waren. Aber beim Online-Stöbern geht der Nostalgie-Effekt zerfledderter Hefte ja doch eher flöten – und ob eine ausreichende Menge Menschen dann noch zahlen möchte, erscheint mir fraglich. Andererseits entsteht aber auch kein Schaden - am Ende mag zumindest die Neugier auf das Medium weiter geweckt werden.

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