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Verlage
Freitag, 14. September 2012 (09:36 Uhr)


Umfrage zu den Auswirkungen des Tablet-Booms

„Ohne Marketingpower geht man unter“

Die Tablet-Offensive von Amazon und anderen Akteuren wie Google könnte auch in Deutschland die Koordinaten für die Buchbranche ändern. Profitieren Verlage von dem sich abzeichnenden Tablet-Boom – oder leiden sie darunter? Und warum sind Bücher-Apps meist ein Zuschussgeschäft? Einschätzungen von Rita Bollig (Lübbe), Beate Muschler (Gräfe und Unzer) und Marcus Thie (Aufbau).

Mit dem Tablet-Thema beschäftigt sich auch der Aufmacher-Artikel im aktuellen buchreport.express 37/2012 (hier zu bestellen).

 

„Mit Marketingschlagkraft E-Books schmackhaft machen


Rita Bollig, Leitung Bastei Entertainment, Bastei Lübbe (Foto: li.)

Google und Amazon haben einen Tablet-Herbst mit Geräten rund um bzw weit unter 200 Euro eingeläutet. Profitieren Verlage davon – oder schadet ihnen der Tablet-Boom? 

Wir freuen uns über die neuen Tablets, gerade weil die moderaten Verkaufspreise eine weitere Verbreitung wahrscheinlich machen. Unsere interne Statistik zeigt, dass Tablet-Besitzer sehr wohl lesen, und man darf davon ausgehen, dass Vertriebspartner wie Amazon und Google die Marketingschlagkraft besitzen, ihren Kunden neben Apps, Musik und Filmen auch E-Books schmackhaft zu machen.

Mit Apps haben bisher nur wenige Verlage Geld verdient. Wo sehen Sie die Ursachen – und jetzt die (neuen) Perspektiven?

Der Vertrieb im App Store ist für originäre Buchinhalte, die als Apps adaptiert werden, schwierig, da die Konkurrenzsituation eine andere ist als bei den reinen E-Book Plattformen; man konkurriert als Verlag hier z.B. mit Spiele-Apps, in die sehr viel Geld investiert wurde und die i.d.R. dennoch zu einem geringen Verkaufspreis angeboten werden. Unser Konzept bei „Apocalypsis“ beinhaltete daher von Beginn an die Kreation einer Geschichte, die gleich multimedial gedacht und umgesetzt wurde und die über alle möglichen Produktformen (digital: E-Book, Hörbuch-Download und sogar ein eigens geschaffenes Produkt „read+listen“ – physisch: Buch und Hörbuch) und Vertriebsplattformen sowie in mehreren Sprachen angeboten wird. Also ein ziemlicher Rundumschlag – damit keine potenziellen Kunden ausgeschlossen werden, weil sie ein bestimmtes Smartphone oder einen bestimmten E-Reader nutzen. Aus der Vielzahl der Produkte ergibt sich natürlich eine Mischkalkulation, die dazu geführt hat, dass sich „Apocalypsis“ sehr erfreulich rechnet. Die oben beschriebene Herangehensweise wollen wir also beibehalten und sogar auf weitere Genres und natürlich die entsprechenden Betriebssysteme erweitern.

Auf welche Tablet-Plattformen/Betriebssysteme konzentrieren Sie Ihre Aktivitäten?

Zurzeit auf iOS und Android, wir behalten aber auch Windows 8 im Blick. Darüber hinaus adaptieren wir gerade Inhalte für den neuen Kindle Fire, mit Unterstützung von Amazon.

 

„Starke Marken haben Strahlkraft im AppStore“


Beate Muschler, Verlagsleitung Electronic Publishing bei Gräfe und Unzer (Foto: Mitte)

Google und Amazon haben einen Tablet-Herbst mit Geräten rund um bzw weit unter 200 Euro eingeläutet. Profitieren Verlage davon – oder schadet ihnen der Tablet-Boom?

Wir freuen uns sehr über die neuen Geräte und sind fest davon überzeugt, dass wir davon profitieren werden. Gräfe und Unzer bietet nun seit ungefähr einem Jahr E-Books an und wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese von den Kunden sehr gut angenommen werden. Besonders im Bereich der Kochbücher spielen jedoch Layout und Fotografie eine zentrale Rolle, hier sehen wir in der Verbreitung der neuen Tablets vermehrt Möglichkeiten, ästhetisch und funktional hochwertige E-Books anzubieten.


Mit Apps haben bisher nur wenige Verlage Geld verdient. Wo sehen Sie die Ursachen – und jetzt die (neuen) Perspektiven?

Das Problem bei Apps ist die extreme Preissensibilität der Kunden in Verbindung mit dem hohen Entwicklungsaufwand, der notwendig ist, um funktionale und gute Apps zu machen. Für Gräfe und Unzer haben wir früh entschieden, auch in diesem Bereich auf Reihenkonzepte zu setzen. Zudem hat die Entwicklung gezeigt, dass nicht jede Spielerei auch wirklich verkaufsfördernd für das Produkt ist, und dass eine starke Marke auch im AppStore Strahlkraft entfaltet. Aufgrund dieser Erfahrungen sehen wir auch in diesem Markt sehr interessante Perspektiven für die Zukunft.


Auf welche Tablet-Plattformen/Betriebssysteme konzentrieren Sie Ihre Aktivitäten?
Wir haben uns im ersten Jahr im Bereich der Apps auf Apple-Plattformen konzentriert, da die Zahlungsbereitschaft im Android-Bereich sehr gering war und die Systemlandschaft sehr zersplittert. Inzwischen haben wir mit der App zum Tiroler Zahlenrad eine erste App im Google Playstore und sind sehr gespannt auf deren Entwicklung. Die Bedeutung der Android-Plattform für die Verlage wird zunehmen und dementsprechend werden wir unsere Aktivitäten ausrichten. Im E-Book-Bereich haben wir von Anfang an mit dem Epub-Format alle Reader und mit mobipocket die Amazon-Systeme unterstützt.

 

„Steigende Marktmacht von Amazon ist kritisch“


Marcus Thie, Head of E-Publishing, Aufbau Verlag (Foto: re.)

Google und Amazon haben einen Tablet-Herbst mit Geräten rund um bzw weit unter 200 Euro eingeläutet. Profitieren Verlage davon – oder schadet ihnen der Tablet-Boom? 

Jetzt kann man natürlich noch keine Auswirkungen sehen, da das Google Tablet noch keine Rolle spielt und Amazon ja wahrscheinlich erst im Oktober in Deutschland mit dem Fire startet. Wir können also nur Prognosen für die Zukunft wagen. Ich sehe das nicht so pessimistisch. Wie Jeff Bezos gestern während seiner Präsentation sagte, legen Amazon-Kindle-Kunden weniger Wert auf das Gerät als „Gadget“ sondern auf die Services, die mit dem Gerät kommen. Der Kindle Fire ist ein Tablet, das sehr auf die Medienangebote von Amazon zugeschnitten ist (Bücher, Filme, Musik). Wenn Tablet-Käufer durch solche eng eingebundenen Services näher an Medieninhalte gezogen werden, muss das nicht unbedingt schlecht für Verlage sein. Hier steht das Buch wie auch auf den physischen Märkten in Konkurrenz zu Film und Musik. Kritisch ist natürlich die dadurch weiter steigende Marktmacht von Amazon zu sehen. Ärgerlich ist aber, dass der für Buchleser viel interessantere Kindle „Paperwhite“ erst einmal nicht in Deutschland starten wird. 

Mit Apps haben bisher nur wenige Verlage Geld verdient. Wo sehen Sie die Ursachen – und jetzt die (neuen) Perspektiven?

Die Ursachen sind meiner Meinung nach recht klar. In den meisten Verlagen gibt es kein Know-How zur App-Programmierung. Daher ist man auf externe Dienstleister angewiesen, die sich ihre Dienste ordentlich bezahlen lassen. Das führt zu den hohen Entwicklungskosten einer App. Die zersplitterte Android-Welt führt zu weiteren Kosten, da die App dort auf die wichtigsten Devices angepasst werden muss. Eine App ist auch dann nur sinnvoll, wenn über den Text des Buches hinaus Services und zusätzliche Inhalte geboten werden. Auch die müssen meist produziert oder eingekauft werden. Ist man dann in den App-Stores, sieht man sich einer Vielzahl von Konkurrenzprodukten aus sämtlichen Sparten elektronischer Unterhaltung gegenüber und geht ohne Marketingpower in der Masse an Apps einfach unter. Vielleicht ist die Zielgruppe der Lesewilligen auch einfach nicht in App-Stores unterwegs, sondern nutzt die bekannten Bezugsquellen für E-Books auf den jeweiligen Devices. Man wird mit einer inneren Preisschranke der Endkunden konfrontiert, die meist weit unter 5 Euro liegt und der sich die Preise in den App-Stores angepasst haben. Kurz: Zu hohe Entwicklungskosten, ein unübersichtlicher Markt, zu geringe Preise um bei dem momentanen Potenzial mit Buchinhalten in diesem Umfeld Geld zu verdienen.

Auf welche Tablet-Plattformen/Betriebssysteme konzentrieren Sie Ihre Aktivitäten?

Wir als Aufbau Verlag versuchen, so unabhängig wie möglich von Plattformen und Betriebssystemen zu bleiben und beschränken uns daher auf Angebote im Epub- und Kindle-Format. Die (Auseinander-)Entwicklung der Formate zwingt uns aber auch, bei Fixed-Layout oder multimedialen Angeboten parallel zu entwickeln. Wir konzentrieren uns dann auf die Spezifikationen von Apple und Amazon. Sollte Kobo in nächster Zeit ernsthaft in Deutschland Fuß fassen, werden wir auch die Spezifikationen in der Epub-Erstellung für deren eben erst erschienenes Tablet erwägen müssen.



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