Verlage
Montag, 27. August 2012 (12:08 Uhr)


Selfpublishing-Star John Locke hat Besprechungen manipuliert

99 Dollar pro Rezension

In der Buchwelt gilt Selfpublishing als eine Art Graswurzel-Bewegung, in der Autoren auch jenseits der mächtigen Verlags-Gatekeeper Erfolge feiern. Doch am Himmel der schönen, neuen Welt sind spätestens zum Wochenende dunkle Wolken aufgezogen. Stars der Branche sollen Rezensionen manipuliert haben.

Die „New York Times“ widmet sich groß und breit der Manipulation von Kunden-Rezensionen, die inzwischen der wichtigste Verkaufs-Motor im E-Commerce seien, sei es für Mülleimer oder E-Books – im Glaube der Käufer, diese seien nabhängig. Doch nach Einschätzung  des Data-Mining-Experten Bing Liu (University of Illinois) sind ein Drittel der Rezensionen gefälscht. Eine Studie aus dem Jahr 2008 habe ergeben, dass 60% der Produkt-Rezensionen auf Amazon die Empfehlung „5 Sterne“ abgeben, weitere 20% seien 4-Sterne-Besprechungen. 

Zu den Firmen, die Rezensionen von Büchern manipulieren, gehörte laut „NYT“ der 2010 gegründete Dienst GettingBookReviews.com: 9 Dollar pro positiver Besprechung, 499 Dollar für 20 Rezensionen, 999 Dollar für 50 Kundenbewertungen.

John Locke: 300 Rezensionen gekauft?

Und zu den Überfliegern, die Dienstleistungen von GettingBookReviews.com bestelt haben, gehört laut „NYT“ kein geringerer als John Locke (Foto: priv.), der laut Amazon als erster Independent-Schriftsteller vor einem Jahr die Mio-Kindle-Downoads-Marke passiert habe (buchreport.de berichtete) – im Durchschnitt werde alle sieben Sekunden ein Locke-Buch heruntergeladen, schrieb Locke selbst damals stolz auf seiner Webseite. Einer seiner Erfolgs-Titel: „How I Sold 1 Million eBooks in 5 Months“, ein Marketing-Guide für Selfpublished-Autoren, in dem Locke allerdings sein Paid-Content-Prinzip verschweigt.

Rund 300 Rezensionen soll Locke gekauft haben, schreibt das Blatt aus New York, Locke habe dies zugegeben.

Die Seite GettingBookReviews.com ist inzwischen offline. Laut „NYT“ sorgte die Kritik der Self-Publishing-Autorin Ashly Lorenzana am Dienstleister dafür, dass zunächst Google den Werbe-Account von Rutherford sperrte, weil keine Anzeigen für gefällige Rezensionen geschaltet werden sollten. Später habe Amazon einen Teil seiner Rezensionen gelöscht.

Vermutlich ist Rutherford aber nur die Speerspitze entsprechender Rezensions-Dienstleister.

Hierzulande hatte der frühere Amazon-Top-Rezensent Thorsten Wiedau im Mai 2012 gegenüber buchreport.de seine Zweifel ausgedrückt: „Als Rezensent muss man sich früher oder später fragen: Sind meine Beiträge wirklich ehrlich und unabhängig? Zumindest bei den Top-Rezensenten ist dies nicht mehr der Fall. Man fängt an, sich selbst zu belügen, wenn man allen Büchern fünf Sterne gibt.“ Die meisten Nutzer hätten keinen Sinn für die Notwendigkeit von unabhängigen Rezensionen.



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