Gastkommentar von Manuel Bonik zur Pirateriestudie
Welche „vernünftige Regelung“ fehlt denn?
Der auf Piraterie spezialisierte Unternehmensberater Manuel Bonik hat die Pirateriestudie von BVMI, Börsenverein und GVU mit Erstaunen gelesen. Die veröffentlichten Zahlen und die daraus abgeleiteten Forderungen an die Politik, so Bonik, widersprechen sich. Das Problem der Piraterie sei eine Folge von Fehlern, die die deutsche Verlage gemacht hätten.
Der Gastkommentar von Bonik:
„Als Vertreter einer Firma, die seit Jahren mit der Bekämpfung solcher Piraterie beschäftigt ist (u. a. im Auftrag verschiedener großer internationaler Wissenschaftsverlage), aber auch als Autor bin ich, gelinde gesagt, über die Ergebnisse der Studie und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen erstaunt.
Richtig ist natürlich, dass Piraterie – nach Software, Musik, Film – jetzt auch für die Branche Buch ein Problem geworden ist. Genaueres (insb. auch Zahlen) dazu hatten Andreas Schaale und ich in diesem Frühjahr in unserer Studie „Gutenberg 3.0 – Ebook-Piraterie in Deutschland“ dargestellt (die Fortsetzung erscheint zur Frankfurter Buchmesse).
Aus den Aussagen der DCN-Studie der GfK (laut Pressetext) lässt sich eigentlich der Schluss ziehen, dass es gar nichts zum Aufregen gibt:
- Wie zu lesen ist, laden 3,7 Mio Bürger (bezogen auf etwa 64 Mio Deutsche ab 10 Jahren) auch illegal Content im Internet herunter, also 5,8%. Umgekehrt bedeutet das jedoch, dass 94,2% der Bevölkerung nicht an der (allgemeinen) Internetpiraterie beteiligt sind.
- Von den genannten 5,8% laden nicht alle Bücher herunter, sondern eher Musik und Filme. Laut buchreport.de beträgt die von der GfK ermittelte Zahl illegaler E-Book-Downloader 800.000. Somit bleibt ein kleiner einstelliger Prozentsatz von Deutschen (ca. 1,2%), die E-Books (auch) klauen.
- Geht man davon aus, dass die sog. Ersatzrate (Nicht-Kauf wegen Piraterie) vermutlich deutlich unter 100% liegt, so korrigiert sich die Verlustquote weiter nach unten.
Und man fragt sich – angesichts dieser minimalen Quote: Na und? Wie kann man, wie Alexander Skipis, daraus den Schluss ziehen, dass „den Kreativen und ihren Verwertern nach und nach die wirtschaftliche Grundlage entzogen (wird)“ und lautstark „eine vernünftige Regelung für den Umgang mit Inhalten im Netz“ von der Regierung verlangen? Die veröffentlichten Zahlen und die daraus abgeleiteten Forderungen an die Politik widersprechen sich ganz offensichtlich.
Anders gefragt: Welche „vernünftige Regelung“ fehlt denn? Es ist ein Erfolg der Gesetze und ihrer Anwendung, dass die P2P-Piraterie (Torrents, Tauschbörsen) seit ca. zwei Jahren stetig sinkt und insbesondere für die Buchbranche so gut wie keine Rolle spielt (Ausnahmen wie „Harry Potter“ bestätigen die Regel). Das eigentliche Problem – und auch da hat die GfK-Studie recht – sind inzwischen die Direct Downloads von Filehostern (von denen es zur Stunde mehr als 200 gibt, Tendenz steigend). Hier sind neuere Gesetze wie HADOPI in Frankreich oder das sogenannte „Three Strikes Law“ aber bisher (und auch absehbar) wirkungslos – aus technischen Gründen: Eine Identifizierung der Up- bzw. Downloader ist hier in den seltensten Fällen möglich.
Aber auch für die Direct Downloads gibt es bereits eine „vernünftige Regelung“. Sie wurde im Jahre 1998 in den USA erlassen und nennt sich „Digital Millenium Copyright Act“ (DMCA). Danach sind Filehoster bei Kenntnis von Copyright-Verletzungen verpflichtet, diese zeitnah zu sperren/löschen (das sogenannte Notice-and-downtake-Verfahren). In der Regel tun die Filehoster das auch. Das DMCA funktioniert als Modus vivendi, und man muss sich fragen, ob weitere gesetzliche Regelungen hier möglich oder auch nur wünschenswert sind. Immerhin wäre für solche die Aufhebung des Telekommunikationsgeheimnisses (und anderer Bürgerrechte) vonnöten. Wegen 1 oder 2% Buchpiraten? Wegen Verlusten von unter 1%, wie sie die GfK-Studie impliziert?
E-Book-Piraterie ist in Deutschland noch ein neues, ein dafür jetzt umso stärker und schneller um sich greifendes Problem. Dies ist eine Folge von Fehlern, die die deutsche Buchwirtschaft gemacht hat. Die Akzeptanz des (bezahlten) E-Books krankt hier an bekannten Problemen: DRM. E-Books sind zu teuer. Verglichen mit dem Angebot von Piratenseiten ist das legale deutsche Angebot im Internet (abgesehen von Amazon) fast unsichtbar. Und es ist deutlich zu klein: Die Mehrzahl der piratierten E-Books wurde von den Piraten selbst digitalisiert. Sucht man bei Libreka nach z. B. Science-fiction-E-Books deutscher Sprache, werden einem 171 Bücher angeboten. Zum Vergleich: Auf dem bekannten deutschen Piratenforum b***.bz finden sich auf einem einzigen Science-fiction-Thread ca. 6000 E-Books.
Wissen die Verlage überhaupt, was ihre potentiellen E-Book-Käufer wollen? Der Blick auf die USA zeigt, dass es sich um ein sehr deutsches Problem handelt: In den USA übertreffen die Umsatzzahlen der E-Books (im digitalen Vertrieb, Amazon) jene von gebundenen Büchern. Praktisch jedes neue Buch kommt dort zeitgleich (und billiger) auch als E-Book heraus und wird dann auch gekauft. Auch viele große Wissenschaftsverlage machen gute Erfahrungen (aka Umsätze) in der neuen digitalen Welt, indem sie einerseits Flatrates verkaufen und andererseits Piraterie (gemäß DMCA) wirkungsvoll bekämpfen.
Ob Piraterie für Buchverlage ein Problem ist oder nicht, zeigt der Einzelfall. Entsprechend lassen sich bei Bedarf Maßnahmen gegen Direct Downloads vornehmen. Vorausgesetzt, die Verlage erwerben entsprechende technische Kompetenz und setzen sich qualifiziert mit dem Thema Piraterie auseinander, insbesondere mit dem Notice-and-downtake-Verfahren. Damit bekämpft man freilich nur die Symptome der Piraterie, nicht ihre Ursachen.“
Manuel Bonik, Marketing Director bei der auf Piraterie und Suchmaschinen spezialisierten Unternehmensberatung Lisheennageeha.
Manuel Bonik aus London
Donnerstag, 08-09-11 14:46Lieber Herr Sprang,
erneut freue ich mich, dass diese Diskussion im sachlichen und konstruktiven Stil
fortgesetzt wird. Das Thema bietet ja auch den Raum dafür. Klar ist auch,
dass wir uns auf der selben Seite befinden - es geht langfristig darum,
die wirtschaftliche Grundlage der Buchindustrie, speziell die Existenz
der Autoren, als Quelle der Bücher, zu sichern. Unstrittig ist auch die
Frage, dass man sich im Internetzeitalter den neuen Gegebenheiten
anpassen muss.
Der erste Punkt, den ich (erneut) ansprechen möchte, ist das Beispiel USA. Gewiss sind die Zustände nicht 1:1 auf Deutschland übertragbar, aber wenn dort im Bereich eBooks eine erfolgreiche Vermarktung möglich ist, so spricht das erstmal nicht dagegen, dass dies auch hier möglich ist. Vergleicht man die USA mit Deutschland, so fallen zwei wesentliche Unterschiede auf: Es sind deutlich (Größenordnungen!) mehr Bücher digital verfügbar, und die Preise der eBooks sind deutlich unter denen der Print-Versionen. Letzteres spricht nicht gegen eine Buchpreisbindung, allein die Höhe des Preises ist entscheidend. Der Hauptgrund für das mangelnde Interesse dürfte in jedem Falle aber das sehr stark eingeschränkte Angebot in Deutschland sein. Ich brachte das Beispiel b…e.bz (Science Fiction). Die Leute interessieren sich halt mehr für jene Werke, die man dem Backkatalog zuordnet. Diese sind nicht legal verfügbar, aber die Leute wollen sie lesen. Was spricht denn dagegen, dass Verlage ihre alten Werke (je nach Bedarf) konsequent digitalisieren und (zu vernünftigen Preisen) anbieten? Es tut doch schon fast weh zu sehen, wie die Chance auf zusätzliche Umsätze vertan wird. Jedes Buch, das im aktuellen Verkauf nicht mehr verfügbar ist, sollte doch als eBook angeboten werden. Verlage könnten daraus doch u. a. die wichtige Information ziehen, bei welchen Werken sich eine Nachauflage im Print-Bereich lohnt. Neben den negativen Nebeneffekten der Piraterie könnte man als Verlag so noch einen Nutzen daraus ziehen, denn als "Interessensbarometer" liefert die Piraterie viele Erkenntnisse.
DRM stellt aus meiner Sicht keine Lösung dar. Es "bestraft" die Ehrlichen und arbeitet so für die Piraten. Sieht man sich unzählige Kommentare zu diesem Thema an, so findet man z. T. eine echte Verbitterung bei den Käufern von eBooks, die diese nicht auf verschiedenen Geräten laufen lassen können. Dieses Problem hatte die Musikindustrie auch. Heute läuft jeder mp3-File auf jedem verkauften Player. Bei eBook-Readern ist das bei weitem nicht so. Das nervt einfach! Auch auf die Gefahr hin "gebetsmühlenartig" zu wirken - Verfügbarkeit, DRM und Preis sind aktuell Faktoren, die Nutzer vom legalen Erwerb von eBooks abhalten.
Es gibt weiterhin eine prinzipielle Frage zu bedenken, die das Internet mit sich bringt: Es ist ein weltweites Forum für ALLE Nutzer, inkl. jener in repressiven Staaten. Die Bewohner dieser Länder (die Aufzählung wäre bei weitem zu lang) nutzen das Internet, um politische Veränderungen herbeizuführen. Dabei sind sie auf Anonymität dringend angewiesen. Beispiele aus China oder aktuell aus dem Iran (auch die Wikileaks-Diskussion) zeigen das eindeutig. Hier bleibt die Frage, wie man partikuläre Interessen (u. a. der Medienindustrie) gegen Bürgerrechte abwägt. Meine Meinung ist, dass die Bürgerrechte hier klar wichtiger sind. Insofern muss man sehr genau entscheiden, welche "Überwachungen" man durchführen will. Das Internet stellt eine großartige Kommunikations- und Informationsplattform für die Welt dar. Die Copyrightverstöße sind ein "Nebeneffekt", der das Funktionsprinzip des freien Internets nicht in Frage stellen kann und darf.
Zu einigen technischen Fragen: Diese betreffen unser Kerngebiet (nicht die juristischen Probleme). Hier muss man sagen, dass die Verwirrung der Politik (und die der verschiedenen Lobbies) mehr als groß ist. Die Diskussion um "Leitplanken" und "Warnschilder" nimmt teilweise kafkaeske Züge an. Das Verständnis verschiedener Mechanismen (P2P-Tauschbörsen vs. Downloads von Filehostern) ist unzureichend. Oft sind noch nicht einmal die Begrifflichkeiten hinreichend geklärt, wie man hier:
http://tinyurl.com/3wog7j6
sieht, wo library.nu als Sharehoster bezeichnet wird. library.nu arbeitet offensichtlich eng (und damit m. E. gegen das DMCA verstoßend) mit dem Filehoster ifile.it zusammen, hostet aber selbst keine Files.
Wie schon in dieser Diskussion angesprochen, sind die Bürger ja nicht doof. Sobald (im Sinne von real time) eine restriktive Maßnahme eingeführt wird (Sperrungen in bestimmten Ländern, DRM, Handy-SIM-Locks, Abschalten bestimmter Seiten etc.) findet sich immer jemand, der dann eine Umgehung baut. Natürlich arbeiten die Piraten heute bei P2P-Börsen (http://en.wikipedia.org/wiki/BitTorrent_protocol_encryption) oder auch im Bereich der Filehoster mit Verschlüsselungen. Weder den Filehostern noch den Internet Service Providern (ISPs wie z. B. die Deutsche Telekom) ist es somit möglich festzustellen, welche Inhalte da getauscht bzw. zum Download angeboten werden. Es ist somit nahezu unmöglich, hier prinzipiell eine Überwachung einzuführen. Die IT-Industrie (ob Google, ob BITKOM) sperrt sich zurecht gegen derartige politischen Forderungen. Maßnahmen gegen Payment-Anbieter oder Werbeunternehmen, die illegale Angebote direkt oder indirekt finanziell unterstützen, sind hingegen sicher sinnvoll.
Skeptisch hingegen bin ich im Hinblick auf die von Ihnen angesprochenen Suchmaschinenanbieter: Suchmaschinen erfassen das Internet, wie es ist, d. h. sie erfassen jene Seite, die frei und öffentlich zugänglich sind. Eine Zensur auf diesem Gebiet würde m. E. dem ersten Zusatzartikel der US-Verfassung widersprechen. Wir wollen Sie denn da aus juristischer Sicht agieren? Und: Wie soll denn Google zwischen Piratenblogs, die auf Filehoster verweisen, und Diskussionbeiträgen wie unserem hier, wo die entsprechenden unerwünschten Stichwörter auch vorkommen, algorithmisch unterscheiden? Müssen wir aufpassen, dass demnächst der buchreport nicht auf der Blacklist steht?
Wir leben heute in einem tiefen Konflikt. Er besteht einerseits im Widerspruch berechtigter Interessen der "Wertschöpfer" (Autoren, Verlage) und dem Wunsch, Wissen und Kultur (frei) verfügbar zu haben. Es ist unethisch, die Arbeit der Schriftsteller zu entwerten - genauso wie wirklich bettelarmen Studenten der Dritten Welt Wissen in Form von Lehrbüchern vorzuenthalten. Manche Verlage diffenzieren hier sehr genau, in welchen Ländern sie welche Inhalte kostenlos oder billig anbieten und in welchen Ländern sie sich gegen unkontrollierten Buchdiebstahl wehren. Auch die Diskussion im Rahmen der sog. Open-Access-Initiative für wissenschaftliche Publikationen ist ein sehr zweischneidiges Schwert. Einerseits besteht die Forderung, wissenschaftliche Publikationen (aus öffentlicher Forschung) frei anzubieten, andererseits würden dann viele wissenschaftliche Verlage ihre Existenz verlieren. Letzteres führt u.a. dazu, dass das von den Fachzeitschriften organisierte "Peer Review"-Verfahren in Frage gestellt würde, was sich auf die Qualität der Publikationen definitiv negativ auswirken würde. Schon heute hat man mitunter Riesenprobleme zwischen Wissen und Esoterik zu unterscheiden.
Damit sind wir an einem Punkt, wo es mir schwerfällt, eine "ideale" Lösung des Problems anzubieten. Ich denke, dass zukünftige Lösungen des Problems nur auf einem Mix von Maßnahmen beruhen können:
- Verbesserung des Buch-Angebotes mit hoher Usability (kein DRM) zu einem vernünftigen Preis;
- Bekämpfung illegaler Downloads (wie bisher);
- neue Maßnahmen gegen finanzielle Unterstützer der Piraterie (Paymentanbieter, Werbeunternehmen);
- attraktive "Billigangebote" wie z. B. Flatrates für die Werke digitaler Backkataloge und gemeinfreier Bücher.
Dies schließt auch ein, die Bürger davon zu überzeugen, dass das Schaffen von intellektuellen Werten nicht kostenlos ist - soll es zukünftig Bücher geben, dann müssen Autoren auch davon leben können. Die von Ihnen zitierten Meinungen "anarchisch angehauchten Neu-68er" sind dabei natürlich auch wenig hilfreich. Leider hat es die Content-Industrie (lange vor der Bücher-Diskussion) geschafft, hier den "Boden zu verbrennen". Ich erinnere an die GEMA, die es geschafft hat, es sich sowohl mit den Nutzern wie mit den Labels zu verderben. Exzessive (missbräuchliche) Abmahnpraktiken einiger Anwalte (wie von Ihnen angesprochen) haben dazu ebenfalls einen Beitrag geleistet.
Im Interesse einer weiteren Diskussion wäre es vielleicht gut, wenn man offen über konkrete Maßnahmen sprechen würde. Gibt es denn schon konkrete Forderungen an den Gesetzgeber? Es wäre sehr sinnvoll diese zu diskutieren, denn (so zeigt die Erfahrung) etliche Vorschläge (und das betrifft politische Forderungen zum Internet allgemein) waren am Ende "Rohrkrepierer" - erinnert sein hier an die Gesetzesversuche, Websperren einzuführen.
Zuletzt die Frage eines Nichtjuristen: Von Ihnen und von anderen wird der Begriff "Mitstörerhaftung" erwähnt. Was bedeutet das konkret? In meiner Auffassung machen die Piraten-Blogs (wie b***.bz) nichts vordergründig Illegales, weil sie selbst keine Files hosten. Gleiches gilt für die Filehoster, die keine konkrete Kenntnis von Details von Urheberrechtsverletzungen haben. Könnten Sie mir vielleicht eine Quelle nennen, der diese Problematik aus juristischer Sicht auch für Laien verständlich erklärt?
Ich freue mich auf die Fortsetzung der Diskussion.
Christian Sprang aus Frankfurt
Donnerstag, 08-09-11 00:56Lieber Herr Bonik,
die Diskussion mit Ihnen führe ich gerne und mit Freude weiter, schon weil es leider immer seltener wird, dass man sich in Internetforen ruhig und sachlich zum Thema Internetpiraterie auseinandersetzen kann. Letzten Endes liegen unsere Positionen auch weniger weit auseinander als es auf den ersten Blick scheint.
Ich glaube, dass sich die Internetpiraterie zwar nicht mit einem Big Bang – und ohnehin nie vollständig – ausrotten lässt, dass aber ein Bündel verschiedener mit Beharrlichkeit verfolgter Maßnahmen dazu führen kann, einen genügend großen legalen Markt im Internet zu sichern und damit den Kreativen und ihren Verwertungspartnern die notwendigen Anreize für die Schaffung, Veredelung und Sichtbarmachung geistiger Leistungen zu erhalten. Operativ mögen dabei notice-and-downtake bei Sharehostern und im peer-to-peer-Bereich die anwaltliche Durchsetzung von Auskunftsansprüchen mit nachfolgenden Abmahnungen momentan sinnvoll sein. Strukturell sind beide Wege aber nicht der Weisheit letzter Schluss. Die Notifizierungsverfahren nicht, weil sie Symptome bekämpfen, ohne die Ursachen anzugreifen und weil – wie der Fall kino.to gelehrt hat – die organisierte Internetkriminalität Wege sucht, illegale Reuploads zu systematisieren und so Hase-Igel-Effekte hervorzurufen. Die Massenabmahnungen nicht, weil den glänzenden Seiten der effektiven Durchsetzung schützenswerter Rechtspositionen und der Erzielung spezial- und generalpräventiver Effekte aufgrund des Wirkens einzelner falsch orientierter Anwälte und Rechteinhaber ein Abmahnmissbrauch mit unerträglichen gesellschaftlichen und politischen Kollateralschäden gegenübersteht, der dem Ansehen des Urheberrechts schwer und zu Unrecht geschadet hat.
Wie Sie gehe ich davon aus, dass das E-Book-Geschäft weniger aus dem P2P-Bereich als durch die organisierte Internetkriminalität bedroht ist. Was die Sharehoster betrifft, ist im Hinblick auf spezial- und generalpräventive Effekte zunächst einmal ein konsequentes Ausnutzen der Möglichkeiten gefragt, die Zivilrecht (Störerhaftung auch von Linkressources) und Strafrecht bieten. Insofern sendet der kino.to-Fall sehr wohl die klare Botschaft aus, dass die Strafverfolger sie irgendwann alle kriegen und es kein sinnvolles und langfristiges Lebensmodell ist, das schnelle Geld in der organisierten online-Kriminalität zu suchen. Der Masse der Internetnutzer, die die allgemeine Geiz ist geil-Mentalität zu Nutzern solcher illegalen Angebote macht (wobei das in den einschlägigen Foren zu beobachtende Rechtfertigungsverhalten immer wieder die erstaunlichsten Verdrängungsargumente hervorbringt), bekommen durch derartig spektakuläre Verfahren ebenfalls ein Lehrstück vorgeführt. Schließlich sehen sie, dass ihre egoistischen Nutzungsstrategien eigentlich maximal uncool sind, weil sie statt Kreativen und ausübenden Künstlern Kriminelle bedienen. Gegenüber diesem Erkenntnispotential halte ich es für weniger gravierend, dass inzwischen schon die nächsten illegalen Plattformen im selben trüben Teiche fischen. Und außerdem werden die Betreiber dieser Nachfolgeplattformen jetzt wahrscheinlich unwillkürlich häufiger darüber nachdenken, welcher ihrer Mittäter der Whistleblower werden könnte, der ihnen den Weg aus dem süßen Leben in die U-Haftzelle bereiten könnte.
Von der Politik muss die Kreativwirtschaft erwarten, dass international viel mehr getan wird, um die Geldquellen für diese Zweige organisierter Kriminalität auszutrocknen. Wenn die Finanzwirtschaft, d.h. insbesondere die Kreditkartenfirmen und Micropaymentprovider, nicht von selbst zu einem gesamtgesellschaftlich verantwortlichen Handeln finden, muss es ihnen und einschlägigen Teilen der Werbewirtschaft der Staat eben unter Zwang und Androhung spürbarer Sanktionen beibringen - Ähnliches gilt auch für Suchmaschinenanbieter und Hostprovider. Ebenso bei weitem nicht ausgeschöpft ist der Weg von Strafzöllen und Handelssanktionen gegen diejenigen Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft, die Piratenservern einen sicheren Hafen bieten und anonyme Domainregistrierungen ermöglichen.
Unabhängig vom Urheberrecht muss es in der Gesellschaft gelingen, die Debatte über einen Ausgleich der jeweils berechtigen Interessen an Datenschutz, Geheimhaltung bei schutzwürdigen Interessen und informationeller Selbstbestimmung sowie an der jederzeitigen Deanonymisierbarkeit von Internetanbietern und -nutzern, die Recht und Gesetz missachten, ruhig und interesselos zu führen. Es ist außerordentlich bedauerlich, dass das ausgewogene und in weiten Teilen überzeugende Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung nicht längst die Grundlinien unserer Telekommunikations- und Datenschutzgesetze prägt. Stattdessen biedern sich die Wahlkampfstrategen vieler Parteien an die Gedankenwelt von Bloggern an, deren aus einem anarchisch angehauchten Neu-68er-Feeling hervorbrechenden Ideen – wie man an Kulturwertmark oder Kulturflatrate deutlich sieht – für die Gesellschaft nur wenige wirklich wertvolle Impulse bieten.
Bei Ihnen bin ich übrigens auch in der Erkenntnis, dass ein angemessen bepreistes, leicht erreichbares und zu durchgängig positiven Nutzererfahrungen führendes legales Produkt der Anfang jeder effektiven Pirateriebekämpfung ist. Da ich weiß und täglich sehe, was kleinen und unabhängigen Verlagen und Buchhandlungen, aber in allererster Linie natürlich den Urhebern aus der Verwertung mühsam errungener Werke übrig bleibt, zögere ich aber, in Ihr Lied vom radikalen E-Book-Niedrigpreis und Billigflatrateangebot einzustimmen. Eine schlichte Kapitulation vor der und eine ideenlose bloße Anpassung an die Umsonstmentalität des www wird den Verzehr des für unsere Gesellschaft überlebenswichtigen kulturellen Saatgetreides gegenüber einer kampflosen Hinnahme massenhafter Urheberrechtsverletzungen im Internet vermutlich nur verlangsamen, aber künstlerisch, geistig-literarisch oder medial Schaffende und die Verwerter ihrer Werke am Ende genauso aushungern lassen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass der Verzicht auf einen angemessen hohen Preis für einen werthaltigen und anspruchsvollen Inhalt automatisch über ein Erreichen ungeahnter Nutzermassen kompensiert wird – das lernt man, wenn man sich wie ich jahrelang mit der Vermarktung von Erzeugnissen einer künsterischen Avantgarde (in meiner beruflichen Verlagsvergangenheit zeitgenössische E-Musik) befasst hat. Die Verlage, die E-Books vermarkten, sollten also sowohl den Mut haben, Nackenbeißer und ähnliche mass-market-Erzeugnisse ohne DRM in das Niedrigpreissegment zu platzieren, als auch das Selbstbewusstsein und die Standhaftigkeit, hochwertige Inhalte im Interesse aller Beteiligten mit verbraucherakzeptierten Schutzmechaniken im preislichen highend-Bereich anzubieten – und in erster Linie natürlich die Weisheit, im Einzelfall die richtige der beiden Strategien zu wählen.
Abschließend noch ein Wort zu Ihrer Forderung nach Offenlegung der DCN-Studie. Die breit gestreute Pressefassung der Studie, die Ihnen sicherlich auch vorliegt, dokumentiert die durch die Untersuchungen gewonnenen Aussagen repräsentativ und ohne Verheimlichungen. Da die von der GfK durchgeführte Untersuchung teuer war, wird die Vollfassung hingegen von den auftraggebenden Verbänden exklusiv ihren Mitgliedern vorbehalten (sonst könnten die sich bald keine Justiziare mehr leisten, die hier lange Postings machen). Es hätte aber sicherlich niemand etwas dagegen, wenn die Studie in Zukunft öffentlich finanziert und dann auch im vollen Umfang der Allgemeinheit zugänglich wäre.
Freundliche Grüße
Christian Sprang
Manuel Bonik aus London
Mittwoch, 07-09-11 14:27Sehr geehrter Herr Sprang.
Zuerst einmal vielen Dank, dass Sie sich in dieser öffentlichen Diskussion äußern. Richtig ist, dass unser Unternehmen (auch) auf dem Gebiet der Bekämpfung von illegalen Downloads arbeitet. Was einen möglichen Interessenskonflikt betrifft, so ist dieser nur schwer erkennbar: Würden Sie etwa auch Ärzten den Vorwurf machen, dass sie von den Krankheiten ihrer Patienten profitieren? Auf dem Gebiet der Bekämpfung der Internetpiraterie im Bereich Tauschbörsen (P2P, Torrents) gibt es zahlreiche Anwaltskanzleien in Deutschland, die damit auch sehr gut ihr Geld verdienen. Sind diese an der Fortexistenz von Tauschbörsen interessiert?
Die DCN-Studie erhebt ihre Daten mit einer bestimmten Methodik (Befragung
von 10.000 Bürgern, die dann für eine Bevölkerungsgruppe von 64 Millionen
repräsentativ sollen). Unsere Erhebungen beruhen auf der Untersuchung der
tatsächlichen, im Internet sichtbaren Piraterie. Insofern können sich unsere
Zahlen hier unterscheiden. Fakt ist (nimmt man die Zahlen der GfK-Studie):
Bezogen auf die Buchpiraterie ist nur ein Anteil von 1,25% der Bevölkerung
aktiv. Das kann man beim besten Willen nicht als „viel“ bezeichnen –
nochmals: auf Basis Ihrer Zahlen. Damit werden Sie die Politik kaum in
„Alarmstimmung“ versetzen können.
Gut, dass Sie das Beispiel kino.to bringen. Ich halte es allerdings
keinesfalls für einen Erfolg. Da wurden Jahre Fahndungszeit aufgewendet und
ja wohl auch nicht ganz unerhebliche Geldmittel. Und was ist das Resultat
wenige Tage später? Mindestens drei konkurrierende Anbieter haben sich an
die Stelle von kino.to gesetzt, mit entsprechendem Alexa-Rank - der
klassische Hydra-Effekt. Oder anders gesagt: Außer Spesen nichts gewesen.
Natürlich wurde dem Gesetz genüge getan, denn anscheinend haben die Macher
von kino.to auch gegen andere Gesetze (Steuerhinterziehung?) verstoßen.
Durch die Diskussion in den Medien sind aber erst viele Bürger darauf
aufmerksam geworden, dass es derartige „freie“ Filmportale gibt, und diese
haben also jetzt noch mehr User. Unterm Strich hat sich durch diesen
„Erfolg“ die Situation für die Filmindustrie also verschlechtert.
Aber lassen Sie uns von Büchern reden, wo die Situation zur Stunde noch
besser aussieht als bei Musik und Film. Dürfte ich hier Namen von Verlagen
und Filehostern nennen (was ich aus guten Gründen nicht tue), könnte ich
Ihnen Beispiele (und freilich reichlich Gegenbeispiele) von Verlagen nennen,
die unter Nutzung des Notice-and-downtake-Verfahrens die Verbreitung ihrer
Produkte ziemlich gut unter Kontrolle haben. Weiterhin haben diese Verlage
auch Geschäftsmodelle, mit denen sie im Internet Geld verdienen. Auch der
Buchhandel kann im Internet sehr erfolgreich sein – Amazon beweist es.
Zum Thema Lobbyarbeit: Es wäre sehr interessant von Ihnen zu hören, welche
konkreten Vorschläge an die Politik Sie hätten. Sinnvoll wäre es sicherlich,
Kreditkartenunternehmen und Werbewirtschaft zu zwingen, die finanzielle
Unterstützung von Piraterie einzustellen. Es wirkt ja doch sehr befremdlich,
wenn legale deutsche Buchunternehmen auf Piratenseiten Werbung schalten.
Darüber hinaus sind viele denkbare Maßnahmen aus technischen Gründen nicht
realisierbar. In der allgemeinen Diskussion wird beispielsweise nach der
Deep Package Inspection gerufen. Aber viele Downloads sind verschlüsselt und
eine Deep Package Inspection schlichtweg nicht möglich. Oder wollen Sie, ein
anderes Beispiel, Cloud Computing (wozu auch die Filehoster gehören)
verbieten lassen? Auch das scheint - speziell international - aussichtslos.
So oder so werden Gesetzesänderungen Jahre auf sich warten lassen, während
die Verlage ihre Probleme jetzt in Angriff nehmen müssen, und dazu bietet
das DMCA eben eine Handhabe. Sie mag nicht optimal sein, aber praktikabel.
Vielleicht sollte man dieses bestehende Gesetz erst einmal konsequenter
nutzen? Beispielsweise bietet der englische Verlegerverband Autoren und
Verlagen die Möglichkeit, illegale Links in einem Portal zu melden und so
entfernen zu lassen. Ein derartiges Portal wäre auch in Deutschland
sinnvoll.
Auch zur Bekämpfung der Ursachen von Piraterie hätten wir konkrete und
konstruktive Vorschläge:
- Die Beobachtung von Piratenseiten lässt sich nutzen, um
festzustellen, welche Bücher gefragt sind. Die meisten davon sind in den
aktuellen Katalogen nicht enthalten. Das würde Verlagen die Möglichkeit
geben, ihre Backkataloge gezielt in den digitalen Markt zu schicken.
- Flatrate-Modell: Bündelt man die Angebote vieler (auch kleinerer)
Verlage, so ist ein Flatrate-Angebot für Nutzer attraktiv. Zusätzlich zum
Buch-Einzelhandel würden damit Umsätze generiert werden. Solcherlei Angebote
gewinnen in der Musik- und Filmindustrie zunehmend an Bedeutung. Z. B.
startet jetzt zur IFA das neue Angebot Juke, wo Handel und Musikindustrie
zusammenarbeiten und User auf 13 Mio. Musiktitel zugreifen können.
Vergleichbares wäre auch für die Buchindustrie denkbar.
- DRM ist abzuschaffen und die Preise für Ebooks müssen gesenkt
werden. Dass das zum Erfolg führen kann, zeigt das Beispiel USA.
Zum Schluss eine Bitte: Es ist mir bislang nicht gelungen, die GfK-Studie
als solche zu finden. Im Interesse einer öffentlichen und transparenten
Diskussion wäre es wünschenswert, wenn sie der allgemeinen Öffentlichkeit
zugänglich wäre. Wir werden in jedem Fall die Fortsetzung unserer Studie in
wenigen Wochen veröffentlichen.
Olaf Stein aus Köln
Samstag, 03-09-11 13:46Mich verunsichert etwas die Vergleichsbasis Herrn Boniks. Ist es tatsächlich sinnvoll, die Relevanz der eBook-Piraterie zu ermitteln, indem man sie prozentual zur Gesamtbevölkerung angibt? Würde man sie in Relation setzen zur eBook-affinen Bevölkerung oder gar zur Zahl der faktischen eBook-Käufer, käme man zu wesentlich besorgniserregenderen Resultaten. Oder?
Christian Sprang aus Frankfurt
Freitag, 02-09-11 16:18Dem Kommentar von Herrn Bonik kann ich nur teilweise zustimmen. Außerordentlich lesenswert ist auf jeden Fall die von ihm mitverfasste Studie zur Pirateriesituation im E-Book-Markt, zumal diese belegt, warum Daniel Lenz in seinem Bericht (sowie auch Spiegel online und viele Kommentatoren in der Blogosphäre) mit ihrer Kritik an der Glaubwürdigkeit der DCN-Studie daneben liegen: Man muss bloß einmal die Alexa-Rankings von Seiten mit gemeinfreien und open access-ebooks mit denen der großen Piraterieseiten vergleichen, um zu sehen, warum in der DCN-Studie die legalen Downloads von ebooks zulässigerweise vernachlässigt wurden. Die Wirklichkeit, das zeigt die Studie von Herrn Bonik nachdrücklich, wird nicht von Gutmenschen geprägt, die gemeinfreie Buchinhalte herunterladen, sondern von organisierten Kriminellen, die mit ihren Sharehostingportalen auf dem Rücken von Autoren und Verlagen und finanziert durch Aboerlöse und Werbewirtschaft Geschäfte mit Nutzern treiben, die hochwertige ebooks kostenlos haben wollen.
Bezweifeln muss man aber, dass die von Herrn Bonik im Interesse des Geschäftsmodells seiner Firma propagierten notice-and-downtake-Verfahren wirklich eine zureichende "vernünftige Regelung" sind. Letztlich geht es bei solchen Notifizierungen um eine - momentan für die meisten Verlage allerdings durchaus hilfreiche - Symptombehandlung, die weder die Branche noch die Gesellschaft näher an eine notwendige echte Lösung des Piraterieproblems bringt. Wer sich auf die Durchführung von notice-and-downtakeVerfahren beschränkt, arrangiert sich mit dem System Piraterie (und profitiert als Dienstleister unwillkürlich sogar davon).
Weil dies nicht genügen kann, hat die Filmbranche jahrelang gearbeitet, bis das Problem kino.to an der Wurzel gelöst war. Weil dies nicht genügen kann, hat der Börsenverein gegen Rapidshare und große Piraterieplattformen im ebook-Bereich grundlegende Musterverfahren im zivil- und strafrechtlichen Bereich eröffnet. Weil dies nicht genügen kann, arbeitet der Börsenverein in Berlin und Brüssel gemeinsam mit allen Teilen der Kreativwirtschaft beharrlich darauf hin, dass der Gesetzgeber den Rechtsrahmen für Urheber und ihre Verwertungspartner so gestaltet, dass organisierte Kriminelle ihre Einnahmequellen verlieren und sich Internetserviceprovider, Werbetreibende und die Kreditwirtschaft zu ihrer Verantwortung für das Entstehen eines fairen, legalen Marktes im Internet bekennen.
Die Kernaufgabe der Verlage ist es, komfortable legale ebook-Angebote aktueller Titel zu schaffen und zu angemessenen Preisen in den Markt zu stellen. Was die Frage der Preisstellung und des Einsatzes von DRM-Systemen betrifft, so darf man wohl darauf vertrauen, dass die "unsichtbare Hand" des Marktes dafür sorgt, dass sich die für alle Beteiligten - Leser, Autoren und Verlage - besten Lösungen durchsetzen werden.








