Wie geht’s weiter, Herr Schmidt-Henkel?
Interview zum Übersetzerstreit
Der Bundesgerichtshof wird im Übersetzerstreit entscheiden. Trotzdem will VdÜ-Chef Hinrich Schmidt-Henkel (3.v.r., mit den Vorstandsmitgliedern des VdÜ: von li.: Brigitte Große, Martina Kempter, Luis Ruby, Irmgard Hölscher, Hinrich Schmidt-Henkel, Karen Nölle, Josef Winiger) wieder mit den Verlagen reden. Im Interview mit buchreport erklärt der Chef des Übersetzerverbandes, worum es in den Gesprächen gehen könnte.
Was erwarten Sie von der angekündigten Entscheidung des Bundesgerichtshofs?
Eine Klärung von Leitlinien. Was die Richter im Einzelnen entscheiden werden, kann man nur mutmaßen. Aber egal wie es ausgeht: Auch ein Urteil des Bundesgerichtshofs wird uns nicht der Verpflichtung entheben, weiter mit den Verlagen zu verhandeln.
Warum?
Ein Urteil ist noch keine Vergütungsregel, wie das Gesetz sie von uns fordert. Wir sollten in der Frage der Übersetzerhonorare als Branche denken und wirtschaftlich realisierbare Phantasien entwickeln.
Worum könnte es in neuen Gesprächen gehen?
Die seit Jahren stagnierenden Seitenhonorare müssten angehoben werden. Allerdings wird per Seitenhonorar nie der Aufwand des Übersetzens angemessen bezahlbar sein, da die Verlage hier ja in finanzielle Vorlage gehen müssen. Deshalb müssen wir eine Lösung finden, bei der die Pauschalhonorare mit Erfolgs- und Nebenrechtsbeteiligung kombiniert werden.
Spricht nicht gegen eine stärkere Erfolgsbeteiligung, dass die Übersetzer im Gegensatz zu den Autoren nicht das Risiko eines Misserfolges mittragen, weil sie ja schließlich die pauschalen Seitenhonorare bekommen?
Es ist ein Irrtum, dass die Übersetzer dank der garantierten Seitenhonorare „risikolos“ dastünden: Die Honorarsätze sind so niedrig, dass wir die Übersetzungsprojekte – also die Verlage – durch anderes Haushaltseinkommen, durch 12-Stunden-Tage und/oder 7-Tage-Wochen subventionieren müssen. Anders als Autoren arbeiten wir immer im Auftrag; kein Verlag könnte mit einem nicht übersetzten Buch auf dem deutschen Markt etwas anfangen. Unsere Zunft arbeitet professionell für das Funktionieren der Verlagswirtschaft – die Vergütung ist dieser Rolle nicht gemäß.
Der Versuch, einen Kompromiss zu finden, ist schon einmal am Widerstand aus Ihrem Verband gescheitert...
Trotzdem glaube ich, es herrscht Einigkeit in der Branche, dass die Verständigung eine gemeinsame Aufgabe ist; ich glaube, es gibt eine Vertrauensbasis für weitere Verhandlungen, und ich bin sicher, dass wir am Ende etwas Vernünftiges vereinbaren werden.
Zur Person: Hinrich Schmidt-Henkel
1959 in Berlin geboren, ist Literaturübersetzer aus dem Norwegischen, Italienischen und Französischen. Seit September 2008 ist er Vorsitzender des Verbands der Übersetzer in der Gewerkschaft ver.di (VdÜ). Seine Vorgängerin Gerlinde Schermer-Rauwolf war nicht wieder zur Wahl angetreten, nachdem die Verbandsmitglieder einen von ihr mit Vertretern der Verlage ausgehandelten Kompromiss zur Übersetzervergütung abgelehnt hatten.
aus: buchreport.magazin 7/2009








