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Freitag, 01. März 2013 (10:40 Uhr)


Nina Hugendubel und Carel Halff über die E-Book-Allianz „Tolino“

„Das offene System wird gewinnen“

Was Libreka einmal werden sollte, wollen die stationären Marktführer jetzt nachholen: eine deutsche Alternative zu Amazon & Co. aufbauen. Im Interview erklären Weltbild-Chef Carel Halff und Nina Hugendubel Sinn und Zweck ihrer gemeinsamen Mission.  

Ein solcher Schulterschluss  von Wettbewerbern ist einmalig im deutschen Buchhandel. Was schweißt Sie zusammen?

Carel Halff: Ziel der Partnerschaft ist die Schaffung einer konkurrenzfähigen, einheitlichen Internetplattform für digitale Produkte, insbesondere für digitales Lesen. Diese Plattform setzt einen sehr starken Vertrieb voraus. Zusammen haben wir 1500 Filialen und 11.000 Hotspots sowie den nach Amazon größten Medienshop Deutschlands, weltbild.de, auf unserer Seite. Nur in unserem Verbund haben wir genügend PS, um die Plattform wirtschaftlich erfolgreich zu betreiben und weiterentwickeln zu können. 

Nina Hugendubel: Der Buchmarkt hat sich stark verändert, durch neue Wettbewerber wie Amazon, Apple oder Google. Es ist sehr schwer, als einzelner Buchhändler, selbst als Filialist, dagegen zu halten, besonders angesichts der Investitionen, die notwendig sind. 

Waren Sie beim E-Book bisher nicht erfolgreich?

Hugendubel: Doch, wir haben bei Hugendubel in den letzten zwei Jahren sensationelle Erfolge mit dem TrekStor-Reader gefeiert. Aber wir brauchen noch mehr Vehemenz im Markt, um eine echte Alternative gegenüber dem nordamerikanischen Wettbewerb darzustellen zu kommen. Deshalb bilden wir eine Initiative, die auch weltweit einmalig ist: Große Buchhändler tun sich mit einem Technikpartner zusammen, um eine nationale Alternative zu den großen US-Konzernen aufzubauen. 

Amazon liegt bei den Marktanteilen weit vorne. Kommt Ihr Schulterschluss nicht zu spät?

Halff: In den letzten zwei Jahren haben fast alle Wettbewerber weltweit miteinander gesprochen, und die Wahl der Partner musste sehr genau abgewogen werden. Die technologische Entwicklung kostet sehr viel Geld. Außerdem steht das Thema digitales Lesen erst am Anfang. Für Weltbild zeichnet sich aber jetzt schon ab, dass die Digitalisierung eine der größten Chancen unserer Firmengeschichte ist.

Der Marktanteil Ihrer Allianz dürfte, je nach Schätzungen, bei einem Viertel bis der Hälfte des Amazon-Anteils liegen…

Halff: Keine Frage, Amazon ist der größte Player. Aber wenn wir die von der GfK ausgewiesenen Anteile von Hugendubel, Weltbild, Thalia addieren würden, dann liegen wir auf Augenhöhe, wir  bleiben im Markt aber weiter Wettbewerber. Das Spiel ist also offen.

Wo haben Sie Vorteile gegenüber Amazon?

Hugendubel: Wir haben ein offenes System und ketten die Kunden nicht an uns. Sie können die Bücher jederzeit aus der Cloud auf andere Geräte überspielen. Die Kunden können sich vor Ort in den Filialen Bücher herunterladen, was bei uns bislang nicht möglich war, weil unsere Reader keine W-LAN-Schnittstelle hatten. 

Halff: Wir haben mit der Telekom einen exzellenten Partner gewonnen, das ist deutsche Ingenieurs-Kunst pur, das Beste vom Besten. Geschlossene Systeme schaffen Abhängigkeiten, wir wollen dem Kunden die Freiheit lassen.

Was nachrangig ist, wenn die geschlossenen Systeme gut funktionieren und der Kunde beim Anbieter bleibt.

Halff: Kunden nehmen dies in einer ersten Stufe des digitalen Konsums zwar hin, aber wenn man sich aktuell Blogs anschaut, dann wächst der Unmut der Leser über die Geschlossenheit der Systeme. Die Kunden wollen frei sein und z.B. ein Gerät von Weltbild beziehen und bei Thalia mit Inhalten füllen. Das offene System wird gewinnen.

Ihre Kunden werden weiterhin am harten Kopierschutz nicht vorbeikommen. Appellieren Sie an die Verlage, darauf zu verzichten?

Halff: Nein, das steht im Moment nicht an. Wir haben kaum Hinweise von Kunden, denen der harte Kopierschutz Probleme bereitet.

Wie realistisch ist es, im digitalen Bereich zu kooperieren und im stationären zu konkurrieren?

Hugendubel: Wir bleiben auch im digitalen Bereich Wettbewerber, bieten nur das gleiche Gerät mit der gleichen technischen Infrastruktur der Telekom an. Auf jedem Gerät ist jedoch der Shop des jeweiligen Buchhändlers installiert.

Halff: Nur Konkurrenz schafft Fortschritt. Wir zeigen seit Jahren mit unserer Allianz mit Hugendubel, dass es gelingen kann, zusammenzuarbeiten und Wettbewerber zu bleiben. Ich sehe auch mit Blick auf Thalia keine Probleme, wir bleiben auf allen Gebieten Konkurrenten, und jeder wird versuchen, die besten Inhalte anzubieten. Es macht aber Sinn für die gesamte Branche, dass wir uns auf einen gemeinsamen, offenen Standard einigen. Auch wenn wir aktuell noch keine technische Lösung dafür anbieten können, möchten wir, dass auch kleine Buchhandlungen unsere Plattform nutzen können. Um dies umzusetzen, brauchen wir sicher den Börsenverein.

Die Fragen stellte Daniel Lenz



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