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Online
Montag, 30. März 2009 (15:00 Uhr)


Interview zur Generation der „Digital Natives“

Urheberrecht den sozialen Normen anpassen?

Die Kinder einer neuen Generation, die sich ein Leben ohne Google nicht vorstellen kann, sind nun volljährig: die ersten „Digital Natives“, deren Mediengewohnheiten unsere Wirtschaft, unsere Kultur und unser Familienleben tiefgreifend verändern. Der Schweizer Universitätsprofessor Urs Gasser hat die „Digital Natives“ zusammen mit John Palfrey in einem Buch porträtiert. Und skizziert im Interview die neue digitale Generation und die Auswirkungen auf Identität und Urheberrecht.

Wie unterscheiden sich die "Digital Natives" von früheren Generationen?

Als Digital Natives bezeichnen wir jene jungen Menschen, die in eine digitale Welt hineingeboren worden sind und sich ein Leben ohne Google, Facebook und Wikipedia kaum mehr vorstellen können. Im Gegensatz zu den digitalen Einwanderern, die sich noch erinnern, wie eine Schulaufgabe mit einem Gang in die Bibliothek und nicht mit einem Klick auf Google angefangen hat, unterscheiden Digital Natives nicht mehr zwischen "realer" Welt und Online-Welt. Das Internet ist fester und vor allem integraler Bestandteil in ihrem Leben, wobei die Grenzen zwischen offline und online verwischen. Die Anzahl Freunde auf Facebook oder die Geschwindigkeit, in der die Kids von heute Simsen können, sind nur die oberflächlichen Ausdrucksformen dieser Verschiebungen. Entscheidender als diese gut sichtbaren Phänomene ist, dass Digital Natives eine stark veränderte Beziehung zu Information , dass sich die Art und Weise, wie sie miteinander kommunizieren, stark von den digitalen Einwanderern unterscheidet, und dass sich zumindest teilweise auch ihr Verhältnis zu althergebrachten gesellschaftlichen Institutionen (wie etwa dem Urheberrecht) ändert.

Was halten Sie Kulturpessimisten entgegen, die behaupten, das Internet verderbe die Jugend?

Ein Blick in die Mediengeschichte belegt, dass das Auftauchen einer neuen Informations- und Kommunikationstechnologie relativ oft mit solchen Pauschalaussagen verbunden ist, mit denen sich wohl Schlagzeilen machen lassen, die aber in den meisten Fällen jeglicher empirischer Grundlage entbehren. Viele der Probleme, die von Kulturpessimisten rasch dem Internet zugeschrieben werden - wie zum Beispiel Gewalt und Aggression, Bullying, Suchtgefahr, tiefe Informationsqualität, u.drg. - sind bei Lichte besehen breitere gesellschaftliche Themen und Phänomene, die allenfalls durch die neuen Technologien besser sichtbar und teilweise akzentuiert werden, aber weit darüber hinaus relevant sind. Es ist eine Kernaufgabe der Forschung, Internet-Mythen zu entlarven, um eine klare Sicht auf die eigentlichen Herausforderungen und Risiken, aber auch Chancen des Internets zu ermöglichen. Erst damit sind die Voraussetzungen für einen angemessenen, sachlichen Umgang mit den durchaus bestehenden Problemen im Bereich "Jugend und Internet" geschaffen.

Identität war immer laut Soziologen eine Art Bastelbiografie und dementsprechend fragil - aber was bedeutet Identität für junge Menschen, die in Second Life unterwegs sind, Online-Profile und Avatare haben?

Das Konzept der Identität verändert sich nach heutigem Wissensstand durch das Internet nicht grundlegend. Allerdings haben Online-Profile, Avatare, etc. natürlich einen Einfluss darauf, wie Identität im Einzelnen aufgebaut wird. Dies betrifft vor allem die soziale Identität, die grob gesprochen dadurch geschaffen wird, was andere über mich denken. Während es früher vielleicht Merkmale wie mein Fahrrad, meine Kleidung oder meine Freunde auf dem Schulhof waren, die die soziale Identität mitgeprägt haben, sind es heute Dinge wie die Selbstdarstellung im Internet, meine Gruppenzugehörigkeit online, mein Level in beliebten Spielen, u.drgl. Mit Bezug auf die Bastelbiografie lassen sich zwei unterschiedliche Trends beobachten. Zum einen kann argumentiert werden, dass es im Internet noch einfacher ist, um mit Identitäten zu experimentieren oder eben zu basteln. Ich kann beispielsweise als Mann in Second Life ein zweites Leben als Frau beginnen. Oder mich auf verschiedenen Sozialen Netzwerken unterschiedlich präsentieren. Das schafft ein neuer Erfahrungs- und Entwicklungsraum. Umgekehrt weist das Internet die Besonderheit auf, dass es schlecht vergisst. Insofern wird es schwieriger, einmal vorhandene soziale Identitäten wieder los zu werden.

Einer der Hauptschauplätze der Juristen im Internet ist die Verteidigung des Urheberrechts. Kann dieser Kampf erfolgreich sein? Wie wird sich das Verhältnis von Original und Kopie mittelfristig wandeln?

Prognosen in diesem Bereich sind riskant. Ich persönlich bin allerdings pessimistisch, dass der Kampf durch Klagewellen und eine Verschärfung der Urheberrechte gewonnen werden kann. Der Computer und das Internet tragen die Kopie sozusagen als ein Design-Feature in sich. Es lässt sich nicht einmal ein Word Dokument öffnen, ohne dass im Computer einige Kopien angefertigt werden (im Arbeitsspeicher usw.). Gleiches gilt für die Übermittlung via Internet, wo z.B. eine einzige Email das Anfertigen von zig Kopien nach sich zieht. Diese technischen Eigenschaften werden reflektiert durch ausgesprochen starke soziale Normen des Teilens, die v.a. unter Digital Natives im Online-Bereich vorherrschen. Das Internet ist in dem Sinne sozial gesehen ein Medium, das auf Austausch und Teilhabe ausgerichtet ist. Musiktauschbörsen sind dabei nur eine besonders gut sichtbare Spitze des Eisbergs. Schließlich kommen ökonomische Faktoren hinzu: Das Anfertigen einer Kopie, die sich im Übrigen vom Original im digitalen Bereich nicht mehr unterscheidet (anders noch die Tonbandkassetten, die wir als Kinder kopiert haben und auf denen bei der dritten Kopie fast nur noch Rauschen zu hören war...) -, geschieht praktisch zu Null-Kosten. Zusammengenommen ergibt das Phänomen, das sich kaum mit rechtlichen Mitteln zurückdrängen lässt. Das hat zum Teil auch die Unterhaltungsindustrie erkannt, die zunehmend auf innovative Geschäftsmodelle setzt, anstatt ihre Kunden zu verklagen. An einem gewissen Punkt wird man sich auch überlegen müssen, ob nicht das Recht den sozialen Normen angepasst werden muss. Das ist allerdings eine heikle Frage, die gründlich diskutiert werden muss.

John Palfrey, Urs Gasser: Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben - Was sie denken - Wie sie arbeiten. Hanser 2008, 19,90 Euro.

Die Fragen stellte Daniel Lenz.

Das Interview wurde zuerst auf www.ecolot.de veröffentlicht.



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