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Dienstag, 15. September 2009 (10:58 Uhr)


Interview mit txtr-Gründer Ronnie Vuine

Verlage, öffnet die Tresore!

txtr will zur Frankfurter Buchmesse ein selbst entwickeltes E-Book-Lesegerät (Foto, Collage: buchreport.de) plus Inhalte-Plattform präsentieren. Im Interview erklärt der Gründer des Berliner Unternehmens, Ronnie Vuine, wie sich das Start-Up gegen Amazon & Co. behaupten will und warum das E-Book das neue Taschenbuch ist.


Unternehmen wie Sony oder txtr erreichen in diesem Jahr den technologischen Stand, den Amazon schon vor Jahren erreicht hat. Wie kann es gelingen, den Marktführer einzuholen?
Technologisch ist das Kindle nicht unbedingt überlegen – es hat lediglich mehr Features als beispielsweise die bisherigen Sony-Geräte. Das liegt aber nicht daran, dass Sony nicht kann, was Amazon kann, sondern eher daran, dass Features wie eine Mobilfunkverbindung das Produkt auf der geschäftlichen Ebene viel komplexer machen. Nicht zuletzt, weil sich die nationalen Mobilfunkmärkte stark unterscheiden. Ob man das anbieten will, hängt am Ende vor allem von einer Markteinschätzung ab. Wir bei txtr wollten das von Anfang an machen, bei Sony hat man die Funktion bisher offenbar für weniger wichtig gehalten. Wirklich beeindruckend bei Amazon ist das Angebot an digitalen Büchern, zumindest in den USA. Aber auch hier gilt, daß die nationalen Märkte jeweils ganz anders funktionieren, und wer in den USA die Nase vorn hat, muss nicht zwangsläufig überall der Beste sein. Niemand hat Interesse an einem Monopol, und alle Akteure tun gut daran, rechtzeitig dafür zu sorgen, dass Wettbewerb auf diesem Markt möglich ist.

„Unser Reader ist sehr nah dran an den Texten“

Was kann Ihr Reader besser als Sony und Kindle?
Von den eher technischen Daten abgesehen – der txtr Reader blättert sehr schnell, ist einfach zu bedienen, reagiert sofort und hält sehr lange durch – ist es vor allem die txtr.com-Anbindung. Unser Reader ist sehr nah dran an den Texten: Wenn Sie in der Bahn ein jähes Verlangen nach T.S. Eliots "Waste Land" verspüren, ist der Text einfach da. Sie müssen nicht erst nach Hause, Ihr Gerät an ein Kabel hängen, und ihre literarischen Bedürfnisse planen. Fast noch spannender wird diese Funktionalität bei nichtliterarischen Texten: Auf txtr.com kann man gemeinsam genutzte Order erstellen und gemeinsam Texte sammeln, die dann auf dem Reader sofort zugreifbar sind – auch Word-Dokumente zum Beispiel. Auch das Importieren von Texten aus dem Internet nach txtr.com ist sehr einfach. Alles, was für einen Nutzer auf txtr.com verfügbar ist, ist auch vom Reader aus zugänglich. Man kann also unterwegs, wenn man Zeit und Ruhe hat, lesen, was die anderen machen oder sammeln.

In Deutschland hat Sony den Vorteil, mit Thalia und Libri potente Partnerschaften geknüpft zu haben. Wie behaupten Sie sich als Berliner Startup?
Wir müssen uns da gar nicht so sehr behaupten. Mit Libri beispielsweise arbeiten wir schon zusammen, und auch beim Rest der Branche haben wir den Eindruck, dass man sich eher freut, daß ein kleines, unabhängiges und vor allem fokussiertes Unternehmen mit am Start ist. Wir haben vermutlich mit den meisten Unternehmen aus der Buchbranche mehr gemeinsame Ziele als die Konzerne.

Was sind heute die größten Hürden auf dem E-Book-Markt?
Klare Antwort: Verfügbarkeit von guter Literatur. Macht EPUBs, Ihr Verlage! Öffnet die Tresore! Wir wollen lesen!

„Ein Umsatzanteil von 20 Prozent ist eher niedrig geschätzt“

Wie hoch wird Ihrer Meinung nach der Anteil digitaler Bücher am Umsatz der deutschen Buchbranche in fünf Jahren sein?
Es wäre ziemlich unseriös, darauf mit einer Zahl zu antworten, die Branche ist einfach zu heterogen. Falls es in fünf Jahren beispielsweise digitale Schulbücher gibt – das kann oder kann nicht passieren bis dahin – beeinflusst das den Anteil am Umsatz natürlich enorm. Wenn es um den Anteil an den Verkaufszahlen bei Literatur und Theorie, Reiseführern, Ratgebern und anderen textlastigen oder schnelllebigen Inhalten geht: 20 Prozent ist eher niedrig geschätzt. Fünf Jahre sind eine lange Zeit für die Verbesserung der Technik, die unter 30-Jährigen sind mit digitalen Medien groß geworden, und die über 60-Jährigen schätzen, dass man auf Lesegeräten einfach die Schrift größer machen kann.

Hat der stationäre Buchhandel eine Chance' an dem Geschäft zu partizipieren?
Wir haben da Ideen, aber eins ist klar: Diejenigen Buchhändler, die sich als Lager für Papier verstehen, werden auf lange Sicht Schwierigkeiten haben. Es wird für den stationären Handel noch viel mehr als bisher um Beratung gehen und darum, einfach der angenehmste Ort zu sein, an dem man zu Büchern kommt. Da ist dann fast egal, ob man sie auf Papier oder digital mitnimmt.

„Das E-Book ist das neue Taschenbuch“

E-Books sind heute bestenfalls Eins-zu-Eins-Umsetzungen gedruckter Bücher. Wie könnten die E-Books der Zukunft aussehen?
Gerade die Vielleser hier in der Firma sind ziemlich konservativ, was das angeht. Natürlich lieber wir unsere Lesegeräte, sie sind leichter als Papier und man kann jeder Leselaune nachgehen, aber wenn es um die Sache selbst geht: Zukunft, schön und gut, aber bitte nicht blinken und schreien dabei. Bücher sind eigentlich ganz gut so, wie sie sind. Sie passieren im Kopf, und da gehören sie hin. Ein paar neue Funktionen bieten sich natürlich an: Schnelles Nachschlagen von Wörtern, Daten, Fakten und Übersetzungen. Fußnoten können direkt zum zitierten Titel führen, und ähnliches mehr.

Die Frage hat aber noch eine andere Dimension: In gewisser Weise ist das E-Book das neue Taschenbuch. Also eine günstigere Variante, Literatur unter die Leute zu bringen, mit einem eigenen Tempo, eigener Gestaltung und einer speziellen Leserschaft. Eine solche Situation wird fast zwangsläufig eigene Programme und Verlage hervorbringen, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass in E-Books plötzlich Sachen kommerziell funktionieren, die auf Papier für bestenfalls Liebhaberei galten. Das ist die eigentliche Chance, und eine sehr spannenden Baustelle. Diese Berliner Firma mit dem Namen ohne Vokale liefert am Ende bloß Technik, über die man als Leser, wenn wir unsere Arbeit gut machen, eigentlich nie nachdenkt.

Welche Funktionen hat der Reader von morgen?
Er wird vor allem noch einfacher zu bedienen sein und den Zugriff auf Texte einfacher machen. Zu fragen, welche Funktionen der Reader von morgen hat, ist aber ein wenig, als würde man fragen, welche Funktionen das Taschenbuch von morgen hat: Es geht nicht um die Anhäufung von Features. Das Tolle an Büchern ist, daß man sie beim Lesen vergisst. Der beste Reader ist der, der von jedem bedient werden kann, auf dem jeder Text nur ein paar Handbewegungen weg ist, und der vollständig in den Hintergrund tritt, sobald es um die eigentliche Sache geht.

Die Fragen stellte Daniel Lenz



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