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Erste Adresse in der zweiten Reihe

Online
Dienstag, 30. Juni 2009 (14:06 Uhr)


Zwiespältige Zwischenbilanz von Libreka

Erste Adresse in der zweiten Reihe

 

100 Tage nach dem Startschuss der MVB Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels für den E-Book-Verkauf über Libreka haben die Frankfurter eine positive Zwischenbilanz gezogen. Durch den Verkaufsstart sei man dem Ziel, das Portal zur „ersten Adresse für E-Books“ auszubauen, einen „immensen Schritt näher gekommen“, lässt sich MVB-Chef Ronald Schild (Foto: Rolf Oeser, Fotomontage: buchreport) in einer Pressemitteilung zitieren. Doch die Frankfurter Jubelei ist nur die halbe Wahrheit.
 

  • von den insgesamt 105.000 im Volltext durchsuchbaren Titeln könnten 12.000 Bücher als E-Books gekauft werden.
  • Mehr als 1200 Verlage seien zurzeit Partner von Libreka, darunter Publikumsverlage wie Diogenes, S. Fischer, Hanser, Eichborn und Random House sowie Wissenschaftsverlage wie Springer Science+Business Media, Vandenhoeck & Ruprecht, UTB, Wiley VCH und die Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
  • Über 600 Buchhändler nähmen an Libreka teil – indem sie sich als E-Book-Verkäufer haben eintragen oder die Volltextsuche in ihre Online-Shops oder Homepages einbinden lassen.

Was die Frankfurter in ihrer Zwischenbilanz tunlichst verschweigen, ist die wachsende Kritik von Verlagen am Blinden-Fleck-Dilemma des Branchenportals: Da Libreka Suchmaschinen wie Google nur die Metadaten der Bücher zur Verfügung stellt, die (in Bildformate umgewandelten) Inhalte der Bücher jedoch von den Suchmaschinen nicht als Text erkannt werden können, droht Libreka im Netz zu verwaisen bzw. in der zweiten Reihe zu verharren – was wiederum Verlagspartner von Libreka ärgert. In der allgemeinen Google-Suche tauchen die spärlichen Libreka-Ergebnisse nur weit hinten auf.

Dies ist kein neues Phänomen, denn seit mehreren Jahren verhandeln die Frankfurter mit Google, auch die Klardaten der gesamten Texte zur Indizierung zur Verfügung zu stellen, ohne diese zu veröffentlichen – was laut Schild daran gescheitert sei, dass sich Google vertraglich nicht festlegen wolle. Rückblick: Im Mai 2008 war Schild noch zuversichtlich, sich in wenigen Wochen auch auf eine Indexierung der Volltexte mit Google einigen zu können (mehr hier).

Aktuelle Auswege laut Schild:
- Die Zusammenarbeit mit Google-Alternative Bing von Microsoft suchen (Marktanteil derzeit rund 6%).
- Die Kartellwächter Google auf den Hals hetzen: Da Google zunehmend die Inhalte der eigenen Buchsuche in die allgemeine Suche integriere und die eigenen Buch-Daten daher bevorzugt zum Nachteil konkurrierender Buchplattformen durchsucht werden, drohe eine „marktbeherrschende Stellung“ Googles. Also prüfe man, wie Schild dem aktuellen „Börsenblatt“ in den Block diktiert hat, kartellrechtliche Schritte gegen Google.

Zweiter strittiger Punkt: Digital Rights Management. Zwar bietet Libreka seit Mitte Juni auf Wunsch von Verlagen auch einen „harten Kopierschutz“ an – wodurch sich Libreka als „als offene und universellste Plattform“ etabliere. Dies hindert Schild jedoch nicht daran, in seinem Blog weiterhin vor DRM zu warnen: Der Kopierschutz fördere Piraterie eher, als sie zu verhindern. Fazit: Schild ist mit seiner monatelangen Werbetour für psychologische statt technische Barrieren, für Wasserzeichen- statt DRM-Lösungen, gescheitert. „Cool, Libreka gibt Verlagen die Freiheit, sich mit DRM in den Fuß zu schießen. Und später noch ,I told you so' zu sagen“, lautet ein Kommentar in Schilds Blog.

Schließlich beklagen E-Book-Nutzer fast durch die Bank, dass wichtige Bestseller immer noch nicht als E-Book auf Libreka angeboten werden. „Es ist schon traurig: Nach langer und intensiver Vorbereitungs- und Anlaufphase fehlen der Plattform noch immer die Substanzen von vielen wichtigen (Publikums-)Verlagen. (...) Lasst Libreka nicht verhungern, sondern kommt rüber mit Euren Daten“, mahnt der Sortimenter Dieter Dausien im Libreka-Blog.

Mehr zum Dilemma von Libreka und der BAG im neuen buchreport.express 27/2009, der am Donnerstag erscheint.

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Hans-Jürgen Reff aus Bad Salzdetfurth

Dienstag, 30-06-09 18:35

Als Dienstleister für Libreka hat german-dataservice schon vor einem Jahr einen Vorschlag gemacht, wie das Dilemma "Insellösung Libreka" umgangen werden könnte. Herr Schild und das Libreka-Team lehnten diesen Plan ab.
Von jedem Buchtitel (damals hatte GDS bereits 62000 Bücher gescannt und bearbeitet) könnte eine Demoversion angefertigt werden, die eine Leseprobe und den gescrambelten Volltext enthält. Dann wäre eine Volltextrecherche in jeder Suchmaschine möglich, ohne dass Content preisgegeben werden muss.
Mittlerweile hat german-dataservice eine Software für die vollautomatische Produktion solcher Demo-Versionen entwickelt und bietet diesen Service fast zum Nulltarif an. Näheres findet man unter: www.demobuch.de

 

Stefan Krause aus Berlin

Dienstag, 30-06-09 16:01

Es kommt hinzu, dass Libreka keine rein digitalen E-Books aufnimmt, eine parallele Druckausgabe ist Voraussetzung (laut telefonischer Auskunft vom 19.6.09). So wird es weiter einen wesentlichen Teil der E-Books nur bei anderen Anbietern geben.

 

Mathias Schindler aus Göttingen

Dienstag, 30-06-09 14:49

Ich habe Dieter Dausien als Reaktion auf seinen Eintrag im Libreka!-Blog (mit seinem Tenor "Verlage, gebt uns Eure Daten") gefragt, was ihn als Buchhändler daran hindere, seine Daten herauszugeben, um neue Anwendungen für den Vertrieb von Büchern zu entwickeln. Das Ergebnis war meiner Ansicht nach eher ernüchternd.

Libreka! und eine ganze Reihe anderer Projekte (Wikipedia inklusive) würden massiv davon profitieren, wenn es viel mehr Metadaten zur freien Benutzung durch Dritte gäbe, um den Zugriff auf Literaturanbieter zu vereinfachen. Die MVB, immerhin Libreka!-Betreiberin könnte hier diesen Prozess gehörig anstoßen, man sitzt ja auf den mitunter doch ganz brauchbaren VLB-Daten.

Und schwupps könnte auch Libreka! von der zweiten Reihe aufrücken :)

 
 

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