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Kommentar
Donnerstag, 08. Oktober 2009 (12:10 Uhr)


Johannes Haupt über den Kindle in Deutschland

Deutscher Kindle: Ein schlafender Riese

Amazon exportiert seinen Kindle 2 nun also auch nach Deutschland (mehr hier). Was im Prinzip seit dem US-Verkaufsstart vor zwei Jahren von vielen Lesefreunden herbeigesehnt wurde, entpuppt sich zum jetzigen Zeitpunkt aber schon auf den zweiten Blick als Mogelpackung.

Denn in den USA ist der Verkaufserfolg vom Kindle nur zu einem Teil auf die Hardware zurückzuführen. Der Sechs-Zoller ist technisch auf der Höhe der Zeit, mehr aber auch nicht. Ärgernisse wie ein fehlender Speicherkartenslot, mäßige Kontrastwerte des eInk-Displays und eine behäbige Software würden das Gerät im Mittelmaß verschwinden lassen, wäre da nicht die 3G-Anbindung an den reich befüllten Kindle Store.

US-Nutzer können hier aus über 350.000 Titeln wählen, die per Knopfdruck innerhalb von wenigen Sekunden aufs Lesegerät geladen werden können. Und obwohl Amazon die Plattform insbesondere über das umfangreiche Angebot an Verkaufserfolgen vermarktet (aktuell gibt es 104 der 112 New York Times Bestsellerliste als Kindle Books): Aus Nutzersicht mindestens genauso wichtig sind die vielen Tausend kostenlosen Public Domain eBooks. Von „Stolz und Vorurteil“ bis zur Autobiografie von Benjamin Franklin finden sich etliche Gratis-Titel auf den vorderen Plätzen der Kindle-Downloadcharts.

Deutsche Kindle-Besitzer können gegenwärtig auf 282.000 eBooks zugreifen, was immer noch eine Menge ist. Allerdings fehlen im Vergleich zum US-Store ausgerechnet die Zugpferde: Titel wie „The Lost Symbol“, „An Echo in the Bone“ und „The Shack“ sind vorerst US-only. Dabei ließe sich gerade hier richtig viel Geld im Vergleich zum physischen Buch sparen.

Auf der anderen Seite gibt es „dank“ Roaming-Aufschlag keinen einzigen kostenlosen Download im europäischen Kindle Store. In den USA gratis angebotene Titel liegen hierzulande bei mindestens 2,30 Dollar. Das ist akzeptabel, allerdings gibt es die Literatur an anderer Stelle (Project Gutenberg, Internet Archive, ...) eben auch umsonst – zumindest für Besitzer von Lesegeräten mit epub- und pdf-Support.


Fehlende Unterstützung von epub-Dateien und der ungenügende pdf-Support (in der Regel ist eine Konvertierung erforderlich, was natürlich nur bei DRM-freien eBooks möglich ist) schränken das Angebot an digitaler Literatur für deutsche Kindle-Nutzer empfindlich ein. eBooks im Amazon-eigenen Mobilpocket-Format sind in Europa – noch – eine absolute Ausnahmeerscheinung. Wer die gelegentliche Lektüre eines (außerhalb des Kindle Stores erworbenen) deutschsprachigen Titels plant, muss sich also auf einige Arbeit einstellen.

In sofern sind Kindle-Besitzer auf das Verhandlungsgeschick von Amazon bei Gesprächen mit Verlagen angewiesen. Hier dürfte aber die Bereitschaft gering sein, eigene Inhalte zu ungünstigen Konditionen beizusteuern und die in den USA eher ungeliebte Kindle-Plattform nun auch global stark zu machen.

Dass die Verlage hierzulande zumindest keine US-Preise haben wollen, deutet sich bereits an: FAZ und Handelsblatt etwa sind im deutschen Kindle Store fast doppelt so teuer wie in Übersee. In Deutschland ohne Bilder angeboten und nur auf einem 6“ Display lesbar (der Amazon Kindle DX bleibt vorerst auf die USA beschränkt), wären Zeitungen und Zeitschriften aber ohnehin keine interessanten Inhalte für den Kindle 2.

Wie umfangreich (und wie bepreist) künftig das Angebot an deutsch- wie fremdsprachiger Literatur im Kindle Store aussehen wird, ist noch nicht absehbar. Gegenwärtig sollten Interessierte auf jeden Fall noch mit dem Kindle-Kauf warten – zumindest bis nach der Buchmesse. Denn die Hardware allein rechtfertigt den US-Import nebst damit verbundener Nachteile (verkürzte Garantie) momentan kaum, zumal mit dem txtr Reader eine vergleichbare Plattform mit deutlich mehr Content-Providern im Boot bereits in den Startlöchern steht.

Johannes Haupt (lesen.net - Tagesaktuelles zu eBooks & Lesegeräten)

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