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Kommentar
Donnerstag, 15. September 2011 (12:00 Uhr)


Schwacher Euro verändert das Branchen-Gefüge

Das Schweizer Dilemma

Für die Schweizer Buchbranche verschieben sich die Rahmenbedingungen. Die Euro-Frage enthält mehr Sprengstoff als die Preisbindungs-Hängepartie. Urs Heinz Aerni kommentiert.

Als in den letzten Wochen die Finanzkrise um Dollar und Euro wieder kräftig aufloderte, waren Gold und kleine, stabile Währungen wie der Schweizer Franken gefragt. Für die Schweizer Wirtschaft generell und für die Schweizer Buchbranche speziell wächst dies zu einem großen Problem und erschüttert ihre ge­wachsenen Strukturen.

Die Euro-Länder wissen jetzt, auf welch wackligem Fundament ihre Gemeinschaftswährung steht. Der Schweiz wird nun klar, dass sie nicht schon immer zu teuer war, sondern auch, dass der aufsteigende Franken zwar für die Stabilität des Landes spricht, aber gleichzeitig ganze Wirtschaftskreise ins Elend bringen kann. Den Exporteuren aus Industrie und Güter versiegen die Aufträge und der Tourismus beklagt das Abebben der Besucherströme aus dem Euro-Raum. Gan­ze Märkte fordern nun von der Schweizer Regierung Maßnahmen, Unterstützung und sogar, dass direktes Steuergeld etwa in In­vestitionen von Bergbahnen fließen soll.

Schwacher Euro verändert das Gefüge

Die Rede ist hier auch von der Situation des Schweizer Buchhandels, der unter verschiedenen Entwicklungen ächzt:

  • Die Verlage, die überwiegend in sehr starkem Maße auf Exporte nach Deutschland und Österreich angewiesen sind, bekommen jetzt Euros, die so viel weniger Wert sind, dass die Kalkulation nicht mehr aufgeht.
  • In den grenznahen Regionen suchten die Verbraucher schon immer den bestmög­lichen Vorteil: Der eine geht auf die andere Seite zum Reifenwechsel, der andere kauft sich „drüben“ das Fleisch oder die Teigwaren. Ein Blick in die Buchhandlungen in Grenzorten wie Konstanz, Radolfzell, Lörrach oder Friedrichshafen bestätigt es: Die Schweizer Kundschaft kauft auch dort Bü­cher ein, wo es am günstigsten ist. Im Buchhandel geht es aber nicht nur um diese Abwanderungen, sondern um Überlebensstrategien, die immer weniger Rücksicht auf langjährige Gepflogenheiten nehmen.

Genossenschaftsidee ist auf dem Rückzug

Waren die Herausforderungen früher die aufkommende Unlust am Lesen, die Konzentration durch Großhandelsketten und Fusionen, so sind es heute die Überteuerung der Lebens- und Lohnkosten, die Konkurrenz im Ausland gekoppelt mit zum Teil selbst verursachten Schwierigkeiten.
Zu florierenden Zeiten forcierten etwa Barsortimente und Auslieferungen den Ausbau der Logistik- und Lagertechnik, damit mehr Ware in kürzerer Zeit vor Ort war, bis man die zweitschnellsten Zustellfristen erreichte – nach den Apotheken. Genossenschaften, die als Selbsthilfeeinrichtungen gegründet wurden, damit die einzelnen Genossen wirtschaften konnten, haben sich in Aktien­gesellschaften verwandelt oder Teilbereiche wurden als Aktiengesellschaft ge­gründet und ausgelagert. Diese Entwicklungen führten dazu, dass sich der Leistungs- und Umsatzdruck massiv steigerte und nun in der aktuellen Krise zur großen Belastung wird.

Buchzentrum steht unter Druck

Das markanteste Beispiel ist das Buchzentrum, das als Auslieferer und Groß­händler genossenschaftlich vor zehn Jahren gegründet das operative Dienstleistungsgeschäft in eine AG ausgelagert hat. Die beliefert auch direkte Konkurrenz des Buchfachhandels wie Discounter und Nichtbuchhändler. Das ist aus der Sicht eines Renditeunternehmens nachvollziehbar, denn auch der Franken rollt nur, wenn eine Mindestmasse an Ware ro­tiert, die den Umsatz mindestens hält und die Infrastruktur amortisiert.

Aus der Warte eines Genossenschaftlers war es allerdings schwierig, zuzusehen, wie seine ur­sprüng­liche Genossenschaft Ladenketten be­liefert, die weder geschultes Fachpersonal einstellen noch ein klassisch geführtes Sortiment un­terhalten und sich dazu, seit dem Fall der Preisbindung, eine Dumpingpreispolitik auf die Fahnen schreiben.

Auf diesen Spagat des Buchzentrums zwischen herkömmlicher Genossenschaft und streng be­triebswirtschaftlich agierendem Unternehmen drückt jetzt – begünstigt durch den schwachen Euro – massiver als zuvor die Konkurrenz aus Stuttgart. KNV bedient zwi­schen­zeitlich ebenso alle Buchhandlungen in der Schweiz, und zwar mit einem beeindruckend großen Sortiment und immer lukrativeren Euro-Preisen.
Mit diesen ver­lockenden Aussichten fragt sich jede Buchhandlung, wo sie nun bestellen soll. Beim Inlandsgrossisten, der nicht mehr nach genossenschaftlichen Prinzipien handelt – abgesehen von Vorteilen, die ein Genossenschafter auch heute noch hat –, oder beim Auslandsgrossisten mit dergestalt gutem Angebot, das dem kaufmännischen Kalkül stärker entgegenkommt? Der einzelne Buchhändler muss sich zwischen Solidarität und Wirtschaftlichkeit entscheiden. Eine Situation, die Debatten entfacht und manchen Händlern auch ein schlechtes Gewissen macht.

Die Post wird zum Mitspieler

In einem Editorial des Magazins „Schweizer Buchhandel“ zeigt sich der Redakteur erleichtert, dass er in einem Geschäft noch immer die Etiketten des Buchzentrums auf den neuen Büchern kleben sieht und nicht die farbigen des deutschen Lieferanten ... Als Binnenmarktschützer zu Recht, aber als ei­genständiger Geschäftsmann?

Von den unabhängigen Buchhandlungen zu erwarten, dass sie vom Direkteinkauf in Deutschland absehen, ist schwer nachvollziehbar, es sei denn, es böten sich Vorteile. Doch wenn diese ausbleiben, muss der kaufmännische Verstand eines jeden Händlers entscheiden. Warum soll der Buchhändler nicht im Ausland einkaufen, wenn sich die auch privatisierende Schweizer Post AG damit brüstet, billige Buchpreise bieten zu können, weil der Online-Partner aus­schließlich im Ausland einkauft, wie es vor Kurzem in der Werbung hieß.

Das Selbstverständnis eines jeden Buchhändlers wurde beim Wegfall der Buchpreisbindung 2007 einer zusätzlichen Herausforderung un­terworfen. Jetzt haben die Gegner genug Unterschriften gesammelt, damit eine Volksabstimmung die Wiedereinführung der Buchpreisbindung gutheißt oder nicht. Bis dahin müssen die Buchhändler Strategien entwickeln, denn fingernagelkauend abwarten ist keine Option. Die einen geben auf, die anderen erweitern das Sortiment mit Antiquariat, Geschenkartikeln, Papeterie oder Weinen und wieder andere mausern sich zu Kulturveranstaltern.

Zwischenzeitlich ringt sich die Schweizer Regierung in Koordination mit den Parteien, der Nationalbank und weiteren Institutionen zu Maßnahmen durch, die unter dem starken Franken leidende Wirtschaft zu unterstützen. Eigentlich wäre es auch für den Schweizer Buchhandel und seine Haupt- und Regionalverbände sowie Interessensgemeinschaften Zeit für koordinierte Schritte in Richtung Kundenbindung, kauf­anreizende Kampagnen und branchenvertretende Aktionen mit Außenwirkung.

Die Zukunft des Schweizer Buchhandels, das wird in diesen Tagen überdeutlich, ist generell verknüpft mit dem Verhältnis des Landes zu Europa. Die einen meinen, dass sich die Schweiz mit ihren Binnenmärkten auflöst und in Europa aufgeht. Die anderen: Es wird zu einem etwas größeren Monaco, mit demselben Verhältnis des Angebots von Buchhandlungen und Mode-Boutiquen.

Urs Heinz Aerni ist Journalist , Kulturagent und buchreport-Korres­pondent in Zürich

aus: buchreport.magazin 9/2011



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