Buchhandel
Dienstag, 04. November 2014 (14:49 Uhr)


Berliner Buchhandlung Ocelot ist insolvent

„Manche Kosten nicht hoch genug kalkuliert“

Ocelot, ausgerechnet Ocelot, wird es vielen Vertretern der Branche bei der Lektüre dieser Meldung durch den Kopf gehen: Jene Buchhandlung, die im Sommer 2012 mit allerlei optischer und konzeptioneller Extravaganz gestartet war und sich durch zahlreiche Medienreflexe zu Deutschlands Vorzeigebuchhandlung entwickelte, hat kein Geld mehr.

Bereits in der vergangenen Woche musste Ocelot-Gründer Frithjof Klepp den Gang zum Amtsgericht in Berlin-Charlottenburg antreten, das inzwischen Dr. Jürgen Wallner (Kanzlei WallnerWeiss, Budapester Straße 31, 10787 Berlin) als vorläufigen Sachwalter eingesetzt hat. Ziel: eine Unternehmenssanierung durch Insolvenz in Eigenverwaltung. Nach erster Erfassung der Unternehmenssituation, so Klepp, komme der vorläufige Sachwalter zu dem Ergebnis, dass der Geschäftsbetrieb fortzuführen sei, da bereits jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Fortführungsfähigkeit des operativen Kernes bzw. der Gesellschaft insgesamt ausgegangen werden könne.

„In Schieflage ist Ocelot geraten, weil im Businessplan manche Kosten nicht hoch genug kalkuliert waren“, rekapituliert Klepp im nachfolgenden Interview die Ursachen der Insolvenz. Weitere Ursache: Dem Einzelkämpfer fehlten am Ende die Kapazitäten, um jenseits des Tagesgeschäfts das Konzept weiterzuentwickeln. Inzwischen sucht Klepp nach Investoren, mit deren Hilfe die finanzielle Notlage entschärft werden soll. 

Ocelot war Anfang Juni 2012 in Berlin-Mitte mit dem Anspruch gegründet worden, „das Leseerlebnis zu revolutionieren“ – der Claim „not just another bookstore“ sollte u.a. mit einem liebevoll ausgewählten Sortiment, erstklassigen Café, der zentralen Lage in Berlin sowie einer Verzahnung von Online- und stationärem Geschäft eingelöst werden. Klepp ist nicht nur mit dem Konzept seiner modernen Cross-Channel-Edel-Buchhandlung früh dran gewesen, Mitte der 2000er-Jahre leitete der gelernte Kiepert-Buchhändler den Volltextsuche-Dienstleister Ocelot, dessen Name später – zwischenzeitlich war Klepp als Einkaufsleiter bei dem Onlinebuchhändler Kohlibri und als Filialleiter bei Zweitausendeins in Berlin tätig – Pate stand für die Buchhandlung. 

Die wird nicht nur in den Feuilletons landauf, landab gefeiert, zum Einjährigen schrieb Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste in Berlin: „Frithjof Klepp hat mit dem Ocelot-Projekt einen Netzraum geschaffen, durch den wir uns bewegen und in dem wir Bücher wählen können, sie kombinieren können, sie dort hinten auf den Kissen liegend lesen können, sie hier vorne mit Kaffee zu uns nehmen können – und sie natürlich kaufen und mitnehmen können.“ Und: „Dabei bekommt man mehr als ein Buch. Erworben wird der Anschluss an ein Netzwerk, dass die Atmosphäre in unseren Taschen bis an die Orte trägt, wo wir die Bücher aufschlagen und weiterlesen. Wo immer wir dann auch sind: Wir lesen Ocelot. Wir sind dann alle ein bisschen Ocelot.“

Was sind die Ursachen der Insolvenz?

Frithjof Klepp: Ich war juristisch verpflichtet, offiziell Insolvenz anzumelden, weil in absehbarer Zukunft Zahlungsunfähigkeit droht. Natürlich habe ich in den letzten Tagen mit einem unabhängigen Gutachter alles nochmal auf den Prüfstand gestellt. Das Ergebnis zeigt: Insgesamt war der Business-Plan gut durchdacht. Die getätigten Investitionen waren im heutigen Marktumfeld notwendig und angemessen. Die Umsätze haben sich insgesamt gut und dynamisch entwickelt; die fehlenden Online-Umsätze konnten wir noch nicht aufholen. In Schieflage ist Ocelot geraten, weil im Businessplan manche Kosten nicht hoch genug kalkuliert waren. So hatte ich beispielsweise die Herausforderungen eines unabhängigen, anspruchsvollen Onlineshops nicht hoch genug eingeschätzt. Nicht zuletzt hatte ich versäumt, krankheitsbedingte Personalkosten einzukalkulieren.

Was muss passieren, damit Ocelot überlebt?

Kurzfristig braucht der Laden eine mittlere fünfstellige Summe. Dann könnten wir das erwartbar gute Weihnachtsgeschäft bestreiten. Mittelfristig bedarf es etwas mehr, um Ocelot nachhaltig auf stabile Füße zu stellen. Aber wenn wir die Konzepte ohne finanzielle Einschränkung konsequent umsetzen könnten, wird sich auch die bereits jetzt erreichte Markenbildung und Reichweite auszahlen. Wenn man sieht, wie gut Ocelot an diesem prominenten Standort in Berlin-Mitte von der Kundschaft angenommen wird, wird klar, dass neue Buchhandelskonzepte eine Zukunft haben.

Welche Fehler haben Sie gemacht?

Die Planung des Projektes war lange nicht als One-Man-Show gedacht. Erst als die Verhandlungen bei der Immobiliensuche schon sehr weit fortgeschritten waren, zeichnete sich ab, dass ich Ocelot als einzelner Geschäftsführer und Inhaber führen müssen würde. Für einen Einzelkämpfer ist solch ein innovatives Projekt eine sehr große Aufgabe. Das Tagesgeschäft war so arbeitsintensiv, dass manche Energien, die für die Weiterentwicklung des Geschäftskonzepts notwendig gewesen wären, gefehlt haben. Zwar haben wir durch den Veranstaltungsort und die Location eine immense Attraktivität geschaffen. Aber ich habe unterschätzt, wie mühsam sich solch ein Erfolg in Erträge und die wirtschaftlich notwendigen Bezugskonditionen umsetzen lässt.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Frage kann ich zur Zeit nicht mehr alleine beantworten – die nächsten Schritte und Wochen werde ich gemeinsam mit dem Insolvenz-Verwalter gehen. Zunächst einmal will ich den Schaden für alle Gläubiger möglichst gering halten. Dies wird nach meiner Auffassung besser gelingen, wenn wir den Standort, die Buchhandlung, im Weihnachtsgeschäft so attraktiv wie möglich halten. Dazu müssen wir weiterhin im Geschäft mit den Lieferanten und den Dienstleistern bleiben und natürlich auch den Vermieter bedienen. Parallel dazu verhandeln wir mit potenziellen Investoren - wir mussten in den letzten Wochen sehr vorsichtig agieren und die Gespräche unter hohem Druck führen. Nun, da wir, wenn auch nicht ganz freiwillig, mit den aktuellen Nachrichten eine breitere Öffentlichkeit bekommen, möchten wir gerne explizit um Investoren werben. Wir bleiben optimistisch, dass die Potenziale des bereits Geschaffenen erkennbar sind, und hoffen auf gute und zügige Gespräche. 

Wie sieht Ihre Vision für Ocelot aus?

Die Idee, eine Buchhandlung als intelligente und selbstbewusste Marke aufzubauen, die auf Zielgruppen zugeht, ohne sich anzubiedern, ist meiner Ansicht nach weiterhin der richtige Weg. Das Konzept muss nach den Erfahrungen der ersten zwei Jahre aber natürlich justiert und verfeinert werden. In solch einer Situation kann man viele Dinge diskutieren und überdenken.

Nur eins ist klar: Die „Entweder-Oder-Fragen“ der Branche – E-Book oder Print? Online oder Lokal? – wird am Ende nur der Kunde beantworten. Deswegen muss man die digitale Beschleunigung in Herstellung und Vertrieb eben auch im Handel bis zum Ende denken. Aus Kundensicht stehen Buch und „Digital Content“ völlig selbstverständlich nebeneinander. Die Verknüpfung von Bookstore und Onlineshop ist eine Lösung, die dem heutigen Kunden authentisch und qualifiziert erscheint. Derlei erfordert nicht einmal besonders große Investitionen. Die erzielten Umsätze in Berlin-Mitte, einem Umfeld mit sehr hoher Buchhandelsdichte und sehr anspruchsvoller Kundschaft, belegen das große Potenzial dieses neuartigen Konzeptes. Ocelot hat sich zudem innerhalb kürzester Zeit als Ort des geistigen Austausches, der Location für anspruchsvolle und gleichzeitig unterhaltsame Events etabliert. Mehr als 70 gut bis sehr gut besuchte Veranstaltungen seit unserer Eröffnung im Sommer 2012 sprechen hier eine deutliche Sprache. All diese Erfolge lassen mich an dem Kern der Ocelot-Vision festhalten.



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