Buchhandel
Freitag, 01. März 2013 (11:00 Uhr)


Thalia, Weltbild, Hugendubel, Bertelsmann, Thalia greifen Amazon an

Die Kindle-Jäger formieren sich

Anita Offel-Grohmann (Geschäftsleitung Programm, Club Bertelsmann), Michael Busch (Thalia), Nina Hugendubel, Thomas Kiessling (Innovationsschef Telekom), Carel Halff (Weltbild)

Nicht einmal zwei Jahre ist Amazon hierzulande mit einem eigenen E-Book-Programm unterwegs (hier die Meldung zum Start). 680 Tage, in denen der es der Münchner Dependance des E-Commerce-Giganten gelungen ist, den zeitlichen Vorsprung deutscher Buchhändler – Thalia, Libri und Libreka starteten im Frühjahr 2009 – einzuholen und den gesamten Markt aufzurollen. Und so weit davonzueilen, dass den Verfolgern klargeworden ist, dass sie nur noch im Schulterschluss an der E-Book-Marktmacht von Amazon kratzen können. „Tolino“ heißt das gemeinsame Angebot von Weltbild, Hugendubel, Thalia, Bertelsmann Club und Telekom. Und ist der größte Angriff auf die digtale Vorherrschaft von Amazon. 

Die Grundzüge der Partnerschaft im Überblick:

Was ist „Tolino“?

Unter der Marke „Tolino“ firmiert die strategische Partnerschaft der beiden größten stationären Buchhändler, des größten deutschen Medienkonzerns und der Telekom. Im Zentrum des Bündnis steht die Vermarktung des Readers „Tolino shine“, der in den Filialen von Thalia, Weltbild, Hugendubel, Club Bertelsmann, den Telekom-Shops sowie über die Online-Shops der Partner vertrieben wird. Die Zahl der stationären Verkaufsstellen liegt laut Tolino-Partner bei 1500. Hinzu kommen 11.000 HotSpots der Telekom, die von den Tolino-Kunden zum Download von E-Books genutzt werden können. 

Wer macht in der Partnerschaft was?

Die Buchhändler übernehmen hauptsächlich den stationären Vertrieb (mit Beratung), bieten über ihre individuellen Shops aber auch Inhalte an (die Zahl der verfügbaren E-Books wird auf 300.000 Titel taxiert). Die Telekom stellt die Lesegeräte (der zum Start angebotene „Tolino shine“ ist erst der Anfang einer geplanten Produktpalette) und die Cloud-Technologie – die Bonner sehen sich als „führender Cloud-Anbieter“ in Deutschland. Diese soll ermöglichen, dass die Nutzer ihre dezentral (in einem der Shops) gekauften E-Books zentral im Internet speichern können, um diese auf verschiedenen Geräten nutzen zu können. Das Speichern soll für den Kunden kostenlos und dauerhaft erfolgen – offenbar eine Anspielung darauf, dass die Anbindung an die Cloud bei Amazon nur solange möglich ist, wie der Leser Kunde bei Amazon bleibt.

Was kann der „Tolino shine“?

Das Gerät verfügt über ein E-Ink Display, 6 Zoll großes Touch-Display, Auflösung: 1024 mal 758 Pixel. Ähnlich wie der Kindle Paperwhite, der Kobo Glo und Bookeen HD Frontlight hat der Tolino shine eine (wie der Name andeutet) integrierte Beleuchtung. Der Akku hält, wie die T-Partner erklären, bis zu sieben Wochen. Der Gerätespeicher biete Platz für bis zu 2000 E-Books und sei mit einer SD-Karte erweiterbar. Der Reader wird ab 7. März zu einem Einführungspreis von 99,99 Euro angeboten.

Ist der „Tolino shine“ besser als der Kindle?

Das kann erst nach einem ausführlichen Test verifiziert werden. Zumindest ist dies der Anspruch der Allianz. Anita Offel-Grohmann, Geschäftsleitung Programm beim Club Bertelsmann, versichert, das Gerät spiele „technisch und in der Handhabung in der Champions League“. Und ergänzt: „Selbst für Leute, die heute schon digital lesen, erreicht der Tolino eine neue Qualitätsstufe.“

Welche Vorteile soll „Tolino“ sonst haben?

Die Allianz verweist besonders auf die Offenheit des Systems. Anders als bei Amazon, wo die Kindle-E-Books nur auf den Amazon-Geräten bzw. in den Kindle-Apps gelesen werden können, sollen die bei den Tolino-Partnern gekauften Inhalte in der Telekom-Cloud kostenlos und dauerhaft gespeichert werden können. Der Zugriff soll von beliebigen Endgeräten aus möglich sein.  

Wie weit reicht die Partnerschaft?

Die beteiligten Firmen betonen, dass sie Wettbewerber bleiben, und zwar im digitalen wie auch stationären Geschäft. Konkret heißt das: Die jeweiligen Shops von Thalia und Co. bleiben bestehen, es werden keine Daten ausgetauscht. Die Tolino-Truppe schließt nicht im Kollektiv Verträge mit Verlagen ab – aus kartellrechtlichen Gründen, heißt es. Hugendubel bezieht also die Inhalte weiterhin u.a. über den Digitalkiosk Pubbles, während Weltbild verstärkt dazu übergeht, selbst Verträge mit Verlagen abzuschließen. Dennoch betont Thalia-Chef Michael Busch, dass es eine solche Kooperation aus führenden Buchhändlern eines Sprachraums mit einem Technologieunternehmen noch nie gegeben habe. „Wir brechen damit zu völlig neuen Ufern auf.“ Er sehe in der gemeinsamen Entwicklung „tragfähiger nationaler Lösungen“ gerade im digitalen Bereich „riesen Chancen für jeden von uns“.

Ist die Partnerschaft offen?

Das Tolino-Programm stehe weiteren interessierten Buchhändlern offen, heißt es, allerdings sind die Partner aktuell technisch noch nicht so weit, um unmittelbar Partner anzudocken. Dies ist aber geplant. Auch kleinere Buchhändler sollen zum Netzwerk zustoßen können.

Welches Ziel verfolgen die T-Partner?

Wie eingangs erwähnt, zielt die Allianz eindeutig darauf ab, der Marktmacht von Amazon etwas entgegenzusetzen. Entsprechend erklärt Weltbild-Chef Carel Halff: „Die Zukunft der deutschen Buchbranche soll auch weiterhin bei uns liegen und nicht in den Händen börsennotierter amerikanischer Konzerne.“ Im Interview mit buchreport.de erklärt Halff: „Halff: Keine Frage, Amazon ist der größte Player. Aber wenn wir die von der GfK ausgewiesenen Anteile von Hugendubel, Weltbild, Thalia addieren würden, dann liegen wir auf Augenhöhe, wir  bleiben im Markt aber weiter Wettbewerber. Das Spiel ist also offen.“ Thalia-Chef Michael Busch sagt bei der Präsentation des Tolino, der gemeinsame Marktanteil liege aktuell bei 40%.

 



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