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Buchhandel
Donnerstag, 26. Februar 2009 (13:35 Uhr)


Der kriselnde MA-Markt im Röntgenblick

Mehr Anbieter als Reste

In den vergangenen Jahren sind neben Zanolli, Elbe Team und Cobu und zuletzt auch mit hitbuch.de und vielbuch.de große MA-Anbieter von der Bildfläche verschwunden (buchreport berichtete). Was sind die Ursachen der Pleiten? buchreport hat sich in der traditionell verschwiegenen Branche umgehört und in Gesprächen mit ehemaligen und Noch-MA-Händlern die größten Schwachstellen des Marktes identifiziert:

  • Managementfehler: Besonders mit Blick auf Zanolli, Elbe Team und Cobu lautet die Diagnose: Einem semiprofessionellen Management sei es nicht gelungen, das schnelle Wachstum durch ein entsprechendes kaufmännisches Fundament (z.B. Finanzierungen sowie Rücklagen in guten Zeiten) abzusichern. „Der Plan, größter und einziger Resteverkäufer in Deutschland zu werden, gleichzeitig den Aufbau des größten MA-Verlages und Rackjobbing im großen Maße bei Karstadt, Real und Globus zu betreiben, war einfach zu viel in zu kurzer Zeit“, erklärt MA-Experte Elmar Wolff (Lit-Media-Buchdiscount, früher bei Zanolli und Thalia aktiv).
  • Überangebot: Immer mehr Verlage bieten ihre Reste-Pakete zunächst den großen Ketten an, die sich die attraktiven Titel sichern, wohingegen den Großantiquariaten nur die B-Titel und dem Onlinehandel schließlich nur noch die „Reste der Reste von den Resten“ (Wolff) bleiben. Fazit: Es gibt nicht so viele attraktive Reste wie Anbieter. Vielfach werde von Handel und Verlagen versucht, die Zwischenhandelsstruktur zu umgehen, klagt Klaus Töberich, Geschäftsführer beim Großantiquariat BuchVertrieb Blank.
  • Monotonie: Die MA-Sortimente beispielsweise der Filialisten unterscheiden sich kaum voneinander. Verlage wie Tandem oder Parragon sind Standard. „Der ortsansässige Buchhändler traut sich meist entweder nicht an MA heran, oder sein Sortiment sieht ähnlich aus wie das der Big Player“, berichtet Peter Wolfinger, freier MA-Handelsvertreter und u.a. für GLB Parkland und die Avus Bücherdienste unterwegs. „Die Händler konzentrieren sich leider immer weniger auf ihre Stärken vor Ort, die sie mit Kleinstmengen bedienen könnten.“ Neuerdings setze jedoch ein Umdenken ein: Da viele Großantiquariate die B-Titel ablehnten, blieben die Verlage schließlich auf ihren Paketen sitzen.
  • Uni sono Elmar Wolff: „Wenn Dinge austauschbar sind, werden sie überflüssig und verschwinden vom Markt. Das ist ein natürlicher Prozess.“ Vor diesem Hintergrund habe das von Zanolli und Cobu eingeführte Franchise-System mit zentraler Steuerung und regalfertiger Lieferung die Monotonie noch verstärkt.
  • Konzentration: Nach Einschätzung von Michael Zachrau, früher im Vetrieb von Zanolli und Cobu sowie heute als Unternehmensberater in der Schweiz aktiv, ist der Markt durch die zahlreichen Pleiten schon bereinigt worden und habe entsprechend viel Volumen verloren. Der Markt sei zwar noch groß genug, um große Anbieter zu ernähren, wachse gleichwohl nicht mehr.
  • Preiskampf im Internet: Dem Preisdumping-Kurs der Anbieter u.a. auf dem Amazon Marketplace ist zuletzt vielbuch.de zum Opfer gefallen (siehe nachfolgende Chronik). „Der Preiskampf ist nicht einzudämmen“, meint BuchVertrieb Blank-Chef Töberich. „So lange es Kunden gibt, die Bücher für einen Cent kaufen, wird es wohl Anbieter geben, die Bücher zu diesen Preisen anbieten“, erklärt auch Elmar Wolff (Lit-Media-Buchdiscount). Die Händler hätten die Kunden zu dieser Mentalität erzogen, sich ihre eigenen Preise „versaut“ und müssten nun die Rechnung tragen.



Chronik: Reihenweise Pleiten – vom Elbe Team über Zanolli bis vielbuch.de

12/1997: Mit der Gründung des Fördervereins „Brücke zur Arbeit“, der sich der Reintegration Behinderter, Jugendlicher und Langzeitarbeitsloser ins Berufsleben widmet, startet Peter Wölki einen  Gebrauchtwarenhandel. Später Umfirmierung in Elbe Team Warenhandels- und Dienstleistungs GmbH.

4/2003: Start des Handels mit antiquarischen sowie neuen Büchern und des Verkaufs über den Online-Shop. Hauptkunde ist Amazon.

7/2003: Mit einer Filiale in Dresden steigt das Elbe Team in den stationären Buchhandel ein.

2004: Angeblich wegen des Umstiegs auf eine neue Datenbank gerät das Unternehmen (27 Filialen bis Jahresende) ins Schlingern.

1/2005: Zanolli beteiligt sich vertraglich mit 47% am Elbe Team. Wegen der drohenden Zahlungsunfähigkeit der Kölner platzt die Beteiligung.

5/2006: Das Elbe Team geht in die Insolvenz.

9/2006: Am 4.9. stirbt Wölki nach schwerer Krankheit. Die Gläubigerversammlung beschließt vier Tage später: Der frisch gegründete MA-Spezialist Cobu kauft 1 Mio Bücher und Medienartikel aus der Insolvenzmasse auf und will die Bestände in 6 Ausverkaufsfilialen in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet anbieten.

4/2007: Cobu-Gründer Michael Zachrau scheidet wegen interner Querelen aus, Nachfolger Alexander Klein verabschiedet sich nach vier Monaten. Zielvorgabe: Bis Ende des Jahres 50 Franchise-Partnerbuchhandlungen.

7/2008: Der erste Franchise-Partner, Buch Hintzen in Kleve, schließt die Cobu-Filiale. Strategiewechsel bei Cobu: Kein Franchise mehr, nur noch Zwischenhandel mit MA sowie Internetversand.

12/2008: Cobu meldet Insolvenz an.

12/2008: Der Internetanbieter hitbuch.de, der von Bruno Zanolli gesteuert wurde, ist ebenfalls zahlungsunfähig; Jörg Nerlich, der schon beim Insolvenzverfahren des Zanolli-Großantiquariats die Reste zusammengekehrt hat, muss nun retten, was zu retten ist.

1/2009: hitbuch.de-Rivale vielbuch.de aus Frechen bei Köln stellt einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Das Unternehmen war u.a. mit fast 90.000 Bewertungen zu Transaktionen einer der großen MA-Händler auf dem Amazon Marketplace; das Lager des Unternehmens, das den Betrieb eingestellt hat, umfasst rund 60.000 Bücher.



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