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Buchhandel
Montag, 23. März 2009 (11:30 Uhr)


Thalia verabschiedet sich von den Hausbörsen

„Alle wichtigen Titel verfügbar“

Die stagnierenden Umsatzzahlen im Buchhandelsmarkt zwingen auch den zuletzt stark expandierenden Filialbuchhandel, mit spitzem Stift zu rechnen. Bei Thalia rückt erneut der Wareneinkauf in den Fokus: Optimierung und Rationalisierung sind die Schlagworte, mit denen Einkaufsgeschäftsführer Tom Kirsch auf der Leipziger Buchmesse umfassende Veränderungen angekündigt hat, ohne jedoch konkrete Details zu nennen. Fest steht allerdings, dass Thalia künftig auf die regionalen Hausbörsen verzichtet, die 2002 mit anfangs halbjährlich sieben Veranstaltungen eingeführt wurden.

Mit dem Wachstum der Douglas-Buchtochter ist auch die Zahl der Thaliabörsen auf insgesamt 32 Termine gestiegen, zu denen jeweils rund 60 Verlage eingeladen wurden. Dass die Durchführung der Hausbörsen ein nicht unbeachtlicher Kostenfaktor ist, lässt sich schon daran absehen, dass Thalia bei ihrer Einführung eine Beteiligung der Verlage an den Kosten gefordert hatte, diese nach Protesten aber umgehend wieder zurückzog. Eingeweihte sprechen von einem mindestens hohen sechsstelligen Betrag.

Sortimenterkreise werden erweitert und treten an Stelle der Börsen

Die Einrichtung, die die Hausbörsen ersetzt, sind so genannte „Sortimenterkreise“. Damit wird ein vorhandenes Instrument multipliziert, mit dem der Zentraleinkauf und auch die bisherigen Hausbörsen zentral gelenkt werden: Ein Kreis aus Mitarbeitern aller Regionen und Filialtypen, der „inhaltlich aufgewertet und erweitert“ werden soll, womöglich spezialisiert nach Warengruppen. Vieles scheint noch vage: Offenbar erfolgt nach der Kostenbremse für die Hausbörsen und ihrer Absage zur Leipziger Buchmesse erst in den nächsten Tagen der konzeptionelle Feinschliff mit drei allgemein formulierten Zielen:   

  • Die Sortimentsvielfalt in allen 231 deutschen Thalia-Filialen soll verbessert werden („Alle wichtigen Titel werden überall bei Thalia verfügbar sein“).
  • Die Verlage würden von einer „durchgängige Kampagnenumsetzung“ (gemeint sind z.B. Marketing-Aktionen) profitieren.
  • Die Dispositionshoheit verbleibe nach wie vor in jeder Filiale, diese erhalten jedoch von der Zentrale „optimal aufbereitete Bestellunterlagen“.

Hintergrund dürfte eine im Laufe dieses Jahres vereinheitlichte Warenwirtschaft (auf SAP-Basis) sein, nachdem u.a. bedingt durch die zahlreichen Übernahmen lange Zeit verschiedene Systeme im Hintergrund liefen.

Verlage hoffen auf anhaltenden Dialog mit den Sortimentern

In den Verlagen wird die angekündigte Einkaufskonzentration überwiegend mit Gelassenheit kommentiert, angefangen von Bestsellerverlagen wie Rowohlt bis zum Arbeitskreis kleinerer unabhängiger Verlage (AkV), die erst im Februar von Kirsch zu mehr Professionalität aufgefordert worden waren:

  • „Der Verzicht auf die Hausbörsen ist angesichts der Größe des Unternehmens ein nachvollziehbarer Schritt“, meint Rowohlt-Marketinggeschäftsführer Lutz Kettmann. „Für die Verlage wird sich wahrscheinlich wenig ändern: Die Auswahl wird statt in den Hausbörsen eben in den Sortimenterkreisen getroffen.“ Ein zentrales Management könnte durch eine größere Verbindlichkeit der Einkaufsentscheidungen sogar von Vorteil für die Verlage sein.
  • Auch Bernd Weidmann, Verleger des Verlags Die Werkstatt und Mitglied des AkV-Sprecherkreises, beschwichtigt: „Die Abschaffung der Hausbörsen wird sich für kleinere Verlage nicht negativ auswirken. Wichtig ist, dass die Kommunikation zwischen Buchhandlungen und Verlagen funktioniert, und das kann auch über einen zentralen Einkauf geschehen.“
  • Die Hoffnung auf eine weiterhin intensive Kommunikation wird auch von mittelgroßen Verlagen formuliert. Elisabeth Ruge, mit dem Berlin Verlag auf Wachstumskurs, verweist auf das Beispiel des Thalia-Gegenspielers DBH, der vergangenes Jahr in seinem Börsenmodell wieder „mehr Raum für Dialoge“ geschaffen habe.
  • Tom Erben, Geschäftsführer des Aufbau Verlags, geht davon aus, dass Verlage auch künftig die Möglichkeit haben, über ihr Programm zu informieren und Thalia-Buchhändlern auch in den einzelnen Filialen „erklärungsbedürfige Titel“ vermitteln zu können.
  • Kritischer sieht Anya Schutzbach (Weissbooks) den Vorstoß. Sie ist enttäuscht, weil auf der AkV-Tagung in Hagen der Eindruck erweckt worden sei, dass Thalia sich für unabhängige Verlage öffne; stattdessen werde nun dicht gemacht und die Kommunikation zwischen Buchhändlern und den kleineren unabhängigen Verlagen gekappt. „Ich sehe nicht, wie jetzt noch eine Diversität im Sortiment möglich ist, es läuft auf eine Konzentration auf Bestseller hinaus.“ Kleinere Verlagen hätten als Einzelkämpfer kaum eine Chance, ihre Titel beim Zentraleinkauf vorzustellen.

Kleinerer Kreis, weniger Vorschauen

Bei Thalia ist man sich darüber im Klaren, dass es einigen Gesprächsbedarf mit den Verlagen gibt. Die Hagener versichern auf buchreport-Anfrage, dass jede Filiale im Bereich der Abrundungs- und Ergänzungstitel ihre individuelle Ausrichtung und Profilierung durch eigene „Dispositionsoptionen“ einlösen könne. Irritationen wird wohl die Einlassung auslösen, dass die Verlage auch insofern profitieren, „da sie ihre Vorschauen jetzt ausschließlich zentral bereitstellen müssen und diese so einem sehr überschaubaren Entscheiderkreis vorstellen.“

aus: buchreport.express 12/2009



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