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Verlage
Mittwoch, 19. Januar 2011 (08:38 Uhr)


Stimmen zum Erstverkaufstags-Problem

„Verträge sind nicht praktikabel“

Nach Oetinger haben sich weitere Verlage zum Problem der nicht-eingehaltenen Erstverkaufstage gegenüber buchreport.de geäußert. Tenor: Solche Fristen sind wichtig, werden in der Regel auch eingehalten, doch die flächendeckende Einhaltung ist vertraglich oder logistisch kaum zu forcieren.

Update: „Die Tribute von Panem. Flammender Zorn“ steht bereits vor dem offiziellen Erstverkaufstag auf der SPIEGEL-Bestselleliste, Platz 40 (Stand: 19.1.2011). Offenbar hat nicht nur die Mayersche den Titel vorab verkauft.

Vorab eine Skizze aus Recht und Praxis:

  • Zwar werden in der Verkehrsordnung (PDF) Erstverkaufstage klar definiert: „Als „Erstverkaufstag“ gilt der vom Verlag festgesetzte Tag, an dem ein Werk erstmals ausgestellt“  – nicht jedoch Sanktionen erwähnt.
  • Die Rechtsabteilung des Börsenvereins bestätigt, dass diese nur dann verhängt werden können, wenn der Verlag mit jeder Buchhandlung individuelle Verträge schließt – was in der Praxis wohl nur in Einzelfällen zu realisieren ist.
  • Gleichzeitige oder auch nur zeitnahe Lieferungen an alle Handelspartner sind nicht zu stemmen. „Die unterschiedlichen Lieferdistanzen, Logistikpartner, Frachtführer, Transporteure und Anliefervoraussetzungen führen zu unterschiedlich langen Laufzeiten bei der Auslieferung der Novitäten“, erklärt Diogenes-Vertriebsleiter Ulrich Richter (s.u.).
  • Ein Vorstoß aus dem Jahr 2006, mit einer sanktionsfähigen Selbstverpflichtung das Problem zu lösen, scheiterte im Sortimenter- und Verlegerausschuss – zu hoch sei der Verwaltungsaufwand bei einer Rechtsdurchsetzung.

 

Elisabeth Hardeland, Verkaufsleiterin Rowohlt-Verlage

„Wir vereinbaren momentan erstmals schriftlich mit allen Handelspartnern die Einhaltung des Erstverkaufstages unseres Bestsellers „Simon Beckett, Verwesung“, der in einer Sonderauslieferung am 24. Februar erscheint.

Gemessen am Rücklauf des Schreibens erfährt diese Aktion volle Zustimmung im Handel. Ein Aufwand der sicher dem großen Auslieferungsvolumen des neuen Hunter-Romans geschuldet ist.

Durch die getroffene Vereinbarung mit allen Händler wollen wir einen einheitlichen Verkaufsstart sicherstellen.

Bereits Ende Januar kündigen wir mit einer großen Publikumskampagne in allen großen Tageszeitungen den Erstverkaufstag an.“

 

Ulrich Richter, Vertriebsleitung Diogenes Verlag

Wie wichtig ist Ihnen die Einhaltung des Erstverkaufstages?
Die Einhaltung ist uns für die potentiellen Bestseller sehr wichtig. Die wesentlichen Vorteile sind:

  • Gleichheit für alle Handelspartner und Endkunden und damit möglichst keine Reklamationen.
  • Voraussetzungen schaffen für einen möglichst konzentrierten Verkauf in allen Buchhandlungen, um eine hohe Abverkaufszahl und damit gute Bestsellerplatzierung zu erreichen.
  • Einhaltung der Pressesperrfrist und des Erstverkaufstages schafft Glaubwürdigkeit und Kundenzufriedenheit.

Wie setzen Sie die Erstverkaufstage um?
Vom Diogenes Verlag gibt es verschiedene Instrumente, die an die wesentlichen Handelspartner gelangen:

  • Jahresplanung der Auslieferungstermine mit Angabe des Erscheinungstages/Erstverkaufstages. Diese schematische Darstellung (noch ohne konkrete Titelangaben) wird jährlich verschickt.
  • Ca. sechs Wochen vor Erscheinen der Novitäten werden die konkreten Erscheinungsdaten der jeweiligen Monatsnovitäten nochmals schriftlich per Mail mitgeteilt. Wir werden allerdings den Kreis der Empfänger überprüfen und ausweiten.
  • die Verlagsvertreter kommunizieren die Erstverkaufsdaten.
  • die wichtigsten Titel werden mit Erscheinungstag vorher im Börsenblatt angezeigt.

Kann das Problem logistisch gelöst werden?
Die unterschiedlichen Lieferdistanzen, Logistikpartner/Frachtführer/Transporteure und Anliefervoraussetzungen (z.B. Anlieferung an ein Zentrallager oder direkt in die Filialen) führen zu unterschiedlich langen Laufzeiten bei der Auslieferung der Novitäten. Geht man vom Erstverkaufstag aus rückwärts vor und setzt man Offenheit, Ehrlichkeit, Fairness und Kommunikationsbereitschaft auf der Handelsseite voraus, dann kann ein Verlag bzw. die Auslieferung auch auf die spezifischen Gegebenheiten der Buchhandlung, des Warenhauslagers, des Zentrallagers etc. eingehen und gestaffelt liefern. Wenn die Auslieferung gut funktioniert, dann kann nur faires Verhalten des Händlers, also Einhaltung des Erstverkaufstages, zur Kundenzufriedenheit führen.
Es ist uns bewusst, dass wir die Kommunikation zwischen Verlag, Auslieferung und Handel stets überprüfen und verbessern müssen.

Michael Böhme, Vertriebsleiter Arena Verlag

(Die Mayersche Buchhandlung hatte auch bei dem Arena-Bestseller „Smaragdgrün“ von Kerstin Gier den Erstverkaufstag nicht eingehalten)

Was sind die wesentlichen Vorteile von Erstverkaufstagen aus Verlagssicht?
Ein Erstverkaufstag sollte nur bei Spitzentiteln, die von den Lesern dringend erwartet werden und die umsatzrelevant sind festgelegt werden. Für unsere Leser ist dieser Tag wichtig, weil sie schon auf die Bücher warten und wir in unseren Informationen an die Leser darauf verweisen können. Das erwarten die Kunden auch von uns.

Darüber hinaus ist ein Erstverkaufstag vor allem für den Buchhandel wichtig, um bei wichtigen umsatzstarken Titeln Chancengleichheit zu gewährleisten.

Hartmut Falter fordert die Verlage auf, den Erstverkaufstag stets schriftlich mit den „wesentlichen Handelspartnern“ zu fixieren. Wie schätzen Sie dies ein? Ist das notwendig/praktikabel?
In der Verkehrsordnung für den deutschen Buchhandel steht lediglich, dass der Erstverkaufstag durch den Verlag festgelegt werden kann. Er ist auch schon ohne schriftliche Vereinbarung bindend. Eine solche schriftliche Vereinbarung scheint nötig, aber müsste mit allen Handelspartnern geschlossen werden. Ausnahmen wären nicht möglich.

Praktikabel sind schriftliche Vereinbarungen nicht, weil der Aufwand sie einzuholen ungeheuer groß ist. Wir haben sehr gute Verbindungen zu unseren Partnern im Buchhandel und gehen davon aus, dass Absprachen im gegenseitigen Interesse  eingehalten werden.

Wie kann das Problem sonst gelöst werden?
Bei „Smaragdgrün“ haben wir im Wesentlichen sehr gute Erfahrungen mit der Einhaltung eines Erstverkaufstages gemacht. Die ganz wenigen Händler, die schon eher verkauft hatten, haben sofort zurückgezogen, wenn wir sie angesprochen haben, und in den allermeisten Fällen war das zu zeitige Verkaufen ein Irrtum.



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