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Buchhandel
Dienstag, 02. August 2011 (10:10 Uhr)


Peter-Stephan Cremer über die neue Ausbildungsordnung

Keine Zukunft ohne starken Nachwuchs

Zum Monatsbeginn ist die neue Ausbildungsordnung für Buchhändler in Kraft getreten. Mitgewirkt am neuen Berufsbild hat Peter-Stephan Cremer (Foto), Bildungsgangleiter Buchhandel am Joseph-DuMont-Berufskolleg in Köln und Sachverständiger in der Rahmenlehrplankommission der Kultusminister und -senatoren der Länder (KMK). Im buchreport-Interview fordert er mehr Einsatz für den Nachwuchs.

Die starken Branchenumbrüche verlangen nach neuen Typen von Buchhändlerinnen und Buchhändlern. Macht die neue Ausbildungsordnung den Nachwuchs im Handel tatsächlich fit für die Zukunft?

Ein uneingeschränktes Ja. Wobei zu berücksichtigen ist, dass der ordnungspolitische Rahmen für Ausbildungsarbeit immer aus zwei Komponenten besteht: Einerseits ist da die betriebliche Ausbildung, die auf der Grundlage des Ausbildungsrahmenplans zu konzipieren ist, andererseits gibt es die schulische Ausbildung, die durch den Rahmenlehrplan geregelt wird. Erst durch die enge Verzahnung der beiden Lernorte Betrieb und Schule im dualen System beruflicher Bildung, das übrigens in dieser Form einzigartig ist und um das uns Bildungspolitiker weltweit beneiden, entfaltet sich die für beide Lernorte intendierte Zielkonzeption, berufliche Handlungskompetenz zu erwerben. Ausbildungsrahmenplan und Rahmenlehrplan sind so formuliert, dass die derzeit beobachtbaren Branchenumbrüche Ausbildungsgegenstand geworden sind und die bewusst mitformulierte Offenheit in zahlreichen Bereichen schon die Möglichkeit der Integration heute noch gar nicht absehbarer weiterer Veränderungen planerisch antizipiert.

Trotzdem hört man auch kritische Stimmen, Wo liegen aus Ihrer Sicht Schwachpunkte?

Ich möchte lieber von Problembereichen sprechen. Das neue Berufsbild fordert von den Betrieben ein deutliches Mehr an Ausbildungsarbeit als bisher. Ob da immer die notwendigen Ressourcen im Verbund mit der notwendigen Bereitschaft zur Verfügung stehen, wird sich zeigen müssen. Die Schulen werden stärker als bisher das didaktische Prinzip der Handlungsorientierung umsetzen müssen. Die Zeiten des allwissenden und über die Köpfe der Auszubildenden hinweg dozierenden Lehrers alter Schule sind ein für alle Mal vorbei. Praxisnahe und didaktisch gut aufbereitete Unterrichtsarbeit ist heute Standard. Fit für die Zukunft macht nicht Fachlichkeit allein.

Können Sie das näher erläutern?

Lernen vollzieht sich in Situationen, die auch im schulischen Bereich an beruflichen Handlungen auszurichten sind, die die Kompetenzentwicklung der Azubis fördern. Fachkompetenz ist dabei nur ein Baustein neben vielen anderen wie zum Beispiel Methoden-, Kommunikations-, Lern-, Sozial- und Humankompetenz. Das ist in der nun vorliegenden Neuordnung erstmalig so deutlich formuliert. Und eben das ist neu: Für die Betriebe, für die Schulen und übrigens auch für die meisten Auszubildenden, deren Lernsozialisation meist gänzlich anders geprägt ist. Ich denke, hier wird deutlich, dass das mitunter beobachtbare Nebeneinander von Betrieb und Schule unbedingt zum Miteinander werden muss. Funktionieren kann die Neuordnung allerdings nur, wenn genügend junge Menschen den Beruf des Buchhändlers erlernen wollen, denn nur dann kann die spezifisch buchhändlerische Ausbildung auch in der Fläche zu vertretbaren Kosten gewährleistet werden.

Woran liegt es, dass der Buchhandel im Kampf um die besten Köpfe offenbar immer tiefer ins Abseits gerät?

Fakt ist in der Tat: Zahl und Qualität der Bewerber sinken. Woran liegt das, was ist zu tun? In diesem Zusammenhang schließe ich mich aus tiefer Überzeugung den Thesen des Buchgestalters und Verlegers Rainer Groothuis an, der seit Jahren nicht müde wird zu fordern, ein gemeinsames Marketing für das Buch zu entwickeln. Zukunft hat der Buchhandel nur, wenn die Buchhändler nicht zu fremdgesteuerten Verkaufshilfen mutieren, sondern Inhalts- und Ideenhändler sind. Passion für das Buch fordert Groothuis ebenso wie ein neues Bewusstsein für Qualität. Für unsere Belange übersetzt heißt das: Es muss dringend ein branchenweites Ausbildungsmarketing entwickelt werden.

Ist das nicht eine Kernaufgabe für den Börsenverein?

In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein ganz besonderes Problem hinweisen: Der Börsenverein ist Ideengeber und Ideenumsetzer für das beschriebene Ausbildungsmarketing, gleichzeitig unterhält er eine privatwirtschaftlich ausgerichtete Ausbildungseinrichtung. Marketing für den Beruf und Marketing für den Frankfurter Mediacampus, dies sollte vielleicht stärker voneinander getrennt werden. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann dies: Rainer Groothuis als Spiritus Rector einer Marketingkampagne für Ausbildung im Buchhandel. Und besonders den Filialisten möchte ich die Frage stellen, ob sie tatsächlich Kreativität und Individualität ihrer Auszubildenden im Kontext jeweiliger betrieblicher Vorgaben für die Stärkung des Branchenprofils generell ausbilden möchten?

Zurück zur Ausbildungsordnung. Was wurde besonders gut gelöst?

Gut ist, dass Zukunftsfähigkeit durch den in der Neuordnung implementierten Nachhaltigkeitsfaktor grundgelegt ist. Soll heißen, diese Neuordnung muss so bald nicht wieder überarbeitet werden. Die Branche hat offensichtlich erkannt, dass allein erfolgreiche Nachwuchsarbeit die Garantie für das Überleben in der Zukunft ist. Die Grundlagen dazu sind nun da, sie müssen nur noch umgesetzt werden. Handeln tut not. Wir machen den Beruf attraktiv, indem wir auf der Grundlage unverwechselbarer Inhalte offensiv Nachwuchswerbung betreiben und Ausbildung als ein zentrales Unternehmensziel definieren.

Warum hat es so lange gedauert, den neuen Ausbildungsrahmen in trockene Tücher zu bringen?

Da möchte ich widersprechen. Es hat gedauert, aber nicht zu lange, denn wie immer, wenn viele Köche kochen, muss häufiger abgeschmeckt werden, bis serviert werden kann. Es galt, eine Vielzahl unterschiedlichster Gruppen und Interessen unter einen Hut zu bringen: Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Verbände aus Politik und Wirtschaft, Bildungspolitik. Insofern musste viel besprochen, abgewogen, verworfen, verändert, neu formuliert werden. Die vorliegende Neuordnung ist ein Kompromiss, aber, wie zuvor schon gesagt, kein fauler, sondern ein guter.

Können kleinere und mittlere Buchhandlungen bei den gestiegenen Anforderungen als Partner bei der Ausbildung überhaupt im Boot bleiben?

Die dreimonatige Wahlqualifikation beschreibt eine der wesentlichen Neuerungen des Berufsbildes in der nun vorliegenden Fassung. Besondere Qualifikationen in den Bereichen Projektmanagement, Warengruppen-Know-how und E-Business beschreiben meiner Einschätzung nach tatsächlich Kompetenzen, deren besondere Relevanz im Markt evident ist. Buchhandlungen, die auch morgen noch Marktteilnehmer sein wollen, sollten hier Konzepte entwickelt haben oder darangehen, sie zu entwickeln. Das kann ja sogar ganz konkret im Kontext von Ausbildungsarbeit geschehen. Insofern kann jede Buchhandlung ausbilden. Ausbildungsarbeit kann ausgesprochen spannend werden, wenn etwa die Warengruppen, die der Ausbildungsbetrieb anbietet, einer kritischen Relevanzprüfung unterzogen werden oder bisherige Veranstaltungs- bzw. E-Businesskonzepte auf den Prüfstand kommen. Die Ausbildungsbetriebe sollten hier die oft unglaubliche Kreativität ihrer Auszubildenden für das Unternehmen nutzbringend nachfragen. Ob jede Buchhandlung dabei in allen Bereichen aktuell schon gleich gut aufgestellt ist, scheint mir eher unerheblich. Die Ausbildungsarbeit wird helfen, die entsprechende Qualifikation quasi systemimmanent zu generieren. Damit wird Ausbildung auch zur Chance, die Position eines jeden Unternehmens im Markt zu stabilisieren.

Gewinnt das Modell der Verbundausbildung vor diesem Hintergrund vielleicht wieder stärker Gewicht?

Die nahezu immer befürwortete, jedoch ausgesprochen selten realisierte Verbundausbildung kann und sollte im Kontext der Wahlqualifikationen tatsächlich zu echtem Leben erweckt werden. Die Devise heißt: Kompetenz-Sharing zum Nutzen des Ausbildungsbetriebes. Das muss natürlich organisiert werden. Und es muss vielleicht auch der eine oder andere Betrieb über seinen individualistisch geprägten Betriebshorizont hinausschauen. Der zu erwartende Ertrag jedoch wird die Betriebe in jedweder Beziehung bereichern. Frischer Wind von draußen kann zur Optimierungsbrise im Ausbildungsbetrieb werden. Verbundausbildung sollte als Chance für die Verbesserung eingefahrener betrieblicher Prozesse gesehen werden. Auch an dieser Stelle macht also das neue Berufsbild deutliche Angebote, fit für die Zukunft zu werden.

Der ehemalige Vorsteher Dieter Schormann hat einen branchenweiten Ausbildungskongress angeregt. Braucht die Branche einen Bildungsgipfel?

Überlassen wir doch die Kongresse und Gipfeltreffen den Politikern. Bei den Arbeitsagenturen, in den Abschlussklassen der allgemeinbildenden Schulen, in den Köpfen der Netzwerker von Ausbildungsbörsen und
-messen, da sind wir noch nicht angekommen. Aber genau da müssen wir hin. Ich möchte einen zweiten Wunsch formulieren: Kein Gipfeltreffen, stattdessen ein Treffen kreativer Köpfe, ein großer runder Tisch unter dem Vorsitz einer neutralen Bildungsdirektion des Börsenvereins, bei dem jenseits aller Einzelinteressen mit offenen Karten gespielt wird. Teilnehmer sollten sein: Die verantwortlichen Mitarbeiter des Börsenvereins aus Hauptverband und Landesverbänden, Arbeitgeber und Arbeitnehmer aus Betrieben aller Größenklassen, Lehrer privater wie staatlicher Schulen und ganz besonders Vertreter aus Politik und branchenrelevanten Verbänden. Die Eckpapiere für die Ausbildungsarbeit liegen nun vor. Damit sie umgesetzt werden können, braucht es die Bereitschaft, tatsächlich auch auszubilden. Deshalb zum Schluss mein dringender Appell an alle Betriebe der Buchbranche: Sichern Sie Ihre Zukunft. Bilden Sie aus.

Die Fragen stellte Rainer Uebelhöde

Aus: buchreport.magazin 8/2011 (hier zu bestellen)



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