
Die Amazon-Affäre ist kein Skandal einer bestimmten Branche, sondern zeigt eine gesellschaftlich blamable Situation. Sie betrifft die Bad Hersfelder Päckchenpacker ebenso wie Angestellte im Einzelhandel und die Fahrer der Logistikfirmen.
Ich hatte eine Kommilitonin, die war Genussexperte. Sie verfügte über Kenntnisse in Käse, Wein und Schokolade, die mir bis heute fehlen. Neben den Nudelsaucen dieser passionierten Köchin ist mir ihr Leitsatz in Erinnerung: Tausend braucht man. Eintausend Euro seien erforderlich, um an den Genüssen teilzuhaben, die für ihre Schicht prägend waren. Ich brauchte zu der Zeit in Berlin nicht tausend Euro zum Glücklichsein. Aber ich hatte auch von Käse keine Ahnung.
Nun fiel sie mir wieder ein – als frühe Kundin von Amazon. Während das Gemüse langsam köchelte, kaufte sie am Macbook Bücher. Sie musste dazu nicht außer Haus, und sie musste nicht mit Menschen sprechen. Das fand sie komfortabel. Ich fand es dämlich, denn sie hatte gleich um die Ecke einen richtig guten Buchhändler, der ihr manchen Fehlkauf erspart hätte. Aber der war angeblich beschränkt. Langsam. Sagte die Frau, die fünf Stunden Nudelsauce kochen konnte. Nein, das sei was anderes, das hätte mit Lebensqualität zu tun. Nun gut.
Schon da zeichnete sich ein Konsumverständnis ab, das in der Zwischenzeit Kontur gewonnen hat. Der heutige Kunde kauft ein, wo es am bequemsten ist – im Internet am Küchentisch. Ein wesentlicher Faktor seines Komforts ist die Abwesenheit von vermeintlich weniger kultivierten Menschen. Er surft an Menschen vorbei, die seine Optik stören. Als Einzelhändler begegnet man ihm erst am Ende seines Wissens. Dann hat er schlechte Laune, und sein Auftritt spiegelt das.
Warum mir das jetzt einfällt? Gerade jetzt, wo ich mich freuen müsste, dass Millionen Fernsehzuschauer die schmutzige Arbeitsrealität hinter Amazons digitaler Fassade gesehen haben? Ich kann davon ausgehen, dass neue Kunden in meine Buchhandlung kommen, aber auch solche, die ich kannte und die ich an ein Onlinekaufhaus verloren habe.
Es fällt mir jetzt ein, weil Amazon kein Einzelfall ist, sondern exemplarisch. Wir leben in einem Niedriglohnland, wo viele Menschen aus ihrem Einkommen die alltäglichen Kosten nicht bestreiten können, während andere sicher davon ausgehen, dass das, was man so braucht, auch kommt. Tausend braucht man. Und wer die nicht hat, der war nicht cool genug? Der hat von Käse keine Ahnung? Ich finde, das ist der eigentliche Skandal. Es ist kein Skandal einer bestimmten Branche, sondern eine gesellschaftlich blamable Situation.
Sie betrifft die Bad Hersfelder Päckchenpacker ebenso wie Angestellte im Einzelhandel und die Fahrer der Logistikfirmen. Sie betrifft viele Kollegen, deren Selbständigkeit kaum mehr ist als Subsistenz. Sie betrifft jeden, der mit Arbeit Geld verdient. Denn mit den Zusatzkosten der Arbeit werden die Ansprüche derer erwirtschaftet, denen etwas zusteht. Ob nun das Sozialgesetzbuch oder das Beamtenrecht: Die dort verbrieften Ansprüche kosten unser Geld, bevor wir es überhaupt verdient haben.
Das schwächste Glied in dieser Wertschöpfungskette ist der Mensch. Je weniger man ihn sieht, je sorgfältiger er hinter digitalen Fassaden verborgen bleibt, desto leichter fällt es, nicht an ihn zu denken. Wer aus Bequemlichkeit, aus Menschenscheu, aus Design- und Statusgründen online einkauft, billigt Zustände, die ihn empören würden, wenn er sie alltäglich vor Augen hätte.
Und was, wenn diese Leute selbst bei Amazon arbeiten sollten? Die Kommilitonin von damals wusste neben Kochrezepten auch präzise auszudrücken, wenn etwas für sie unzumutbar war. Da handelte es sich um weitaus kleinere Übel als Schikane von rechtsbrauner Security. Aber sie hatte ihre Käselobby. Es wird allerhöchste Zeit, dass wir anderen uns auch verbünden. Eine Zweiklassengesellschaft ist nicht das, was ich mir und den Menschen um mich wünsche.
Martina Bergmann ist Buchhändlerin in Borgholzhausen
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