
Da kreißte der Große Hirschgraben und gebar 55 Thesen. Mit reformatorischem Ernst werden Thesen zur Entwicklung des Buchmarktes formuliert und auf das Jahr 2025 projiziert. Inhaltlich wird nichts Neues geboten. Böse Zungen könnten behaupten, dass der Börsenverein der Zeit (mal wieder) gewaltig hinterherhinkt.
Meine erste und einzige These: Die allgemeinen Aussagen über den Buchmarkt 2025 sind banal, die konkreten Aussagen Hellseherei. Dass es dem kleineren stationären Buchhandel an den Kragen geht, ist fraglos inzwischen bis zum letzten Buch-Einsiedler vorgedrungen. Dass wichtige Zielgruppen sich in ihrem Lese- und Informationsverhalten verändern, steht seit Jahren auf der Agenda jedes Branchentreffens. Leider steht ein Konjunkturprogramm mit Abwrackprämien für Kleinbuchhandlungen bislang noch nicht zur Debatte – dabei böten diese die perfekte Marktbereinigungsstrategie.
Die Thesen (Beispiele, hier die vollständige Fassung) :
1. Alle gedruckte Medien verlieren an Bedeutung. Der Rückgang bei Buch, Zeitschrift und Zeitung liegt bezogen auf Vertriebserlöse jeweils bei über 25%.
2. Der stärkste Rückgang bei den Vertriebswegen für Bücher betrifft den stationären Buchhandel (-31%).
…
Das ist, und daran ändert sich in der Folge nichts, an Banalität kaum zu überbieten, wären da nicht diese Zahlen. Eine derart genaue Zahlenprojektion über einen Zeitraum von 14 Jahren ist schlichtweg absurd.
4. Die Umsatzrückgänge im Bereich gedrucktes Buch werden durch Umsatzwachstum im Bereich Paid-Content ausgeglichen.
Wer kann das – die Innovationen der letzten 14 Jahre vor Augen – ernsthaft hochrechnen? Bestenfalls der Krake Paul II.
Genauso gut könnte man folgende Thesen aufstellen: Die digitale Revolution löst einen Leseboom aus, das Marktvolumen wächst deutlich und der stationäre Buchhandel erhebt sich wie Phönix aus der Asche. Oder: Eine Papierpilz-Epidemie rottet den Buchhandel vollkommen aus.
Aber: Rettung ist nah. Denn es gibt ja noch die Thesen 12-18, die dem Buchhandel erklären, was getan werden muss. Was sehen die Autoren eigentlich im Sortimentsbuchhandel? Offensichtlich eine Horde unbedarfter Tagträumer. Neue Flächenkonzepte, neue Produkte, der Wegfall des Rechnungsgeschäftes und das mühselige Schulbuchgeschäft gehören doch längst zum Alltag fast jeder Buchhandlung.
Fraglos liegt bei der Kundenorientierung (davon kein Wort) in großen Teilen der Branche einiges im Argen und es ist Kreativität , Fantasie und Mut gefragt, aber – von allem ist genug vorhanden.
Ins Verlagsstammbuch wird geschrieben, dass Branchenfremde ihnen Marktanteile wegnehmen und sie sich doch bitte verstärkt um alternative Vertriebswege mühen mögen. Alle Vertriebsleiter, die das bislang noch nicht getan haben, gehören natürlich fristlos gekündigt. Branchenfremde drängen auf den Markt. Was für eine Überraschung! Wenigstens eine These hätte lauten können: Google ist 2025 größtes deutsches Verlagsunternehmen. Erst die Provokation macht Thesen diskussionswürdig.
Und Börsenverein, Börsenblatt, Buchmesse und Libreka ?
Meine Gegenthese: Im Jahre 2025 wird es den Börsenverein und das Börsenblatt nicht mehr geben. Die Buchmessen finden im Internet statt, Leipzig wird Austragungsort der Autorenversion von „Deutschland sucht den Superstar“ und Libreka ist ein unabhängiges, internationales Unternehmen mit Hauptsitz in Peking.
Dieses inhaltliche „zu-spät-sein“ , dass die Lust auf Neues gänzlich erstickt und das Abenteuer Zukunft buchhalterisch denunziert, wird gerahmt von einem unangenehmen autoritären Sprachgestus. Es wimmelt nur so von „müssen“. Diese Sprache offenbart ein klammheimliches Desinteresse, barrierefrei zu debattieren.
Wer die letzten 14 Jahre Revue passieren lässt und sich ehrlich fragt, wie viel von den gewaltigen Veränderungen er 1997 schon gesehen oder vielleicht auch nur geahnt hat, der möge vortreten und den ersten Stein werfen.
Hartwig Schulte-Loh war Geschäftsführer beim Berliner Kulturkaufhaus Dussmann und zuletzt Berater der Edel AG im Musikgeschäft. Aktuell lässt er sich zum Coach ausbilden und berät Firmen mit seinem Unternehmen Buchnet.









