Michael Hofner: Gas geben statt abwarten


 |  03. Februar 2012  |  Keine Kommentare »

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Zugegeben, mit der Vorstellung von iBooks 2 und iBooks Author hat Apple wieder einmal für reichlich Furore gesorgt. Vor allem der Schulbuchmarkt ist in Aufruhr. Möglicherweise ist das nachvollziehbar – andererseits drängt sich mir in erster Linie die Frage auf: Worauf warten die Verlage denn nun noch?
Gut, die proprietäre Lösung, die Apple hier präsentiert, könnte als Affront gewertet werden, bringt viele Pläne für neue Plattformen etc. durcheinander und sorgt möglicherweise für Verwirrung. Zumal das International Digital Publishing Forum ja gerade erst im Herbst bekannt gegeben hat, dass die Entwicklung von ePub 3.0 nun abgeschlossen sei – damit scheint der Weg für attraktive eBooks mit multimedialen Inhalten nun auch frei zu sein.
So gesehen ist es möglicherweise verständlich, dass die Verlage zwischen Ratlosigkeit und Aufruhr schweben. Aber ich sage bewusst möglicherweise, denn vorrangig sehe ich hier großes Potenzial und die Frage drängt sich auf, warum sie es nicht nutzen wollen. Und ich meine in der Tat alle Verlage, nicht nur diejenigen, die den Bildungsmarkt bedienen. Lukrative Chancen könnten nämlich hier alle nutzen, die ihre innovativen Konzepte für digitale Inhalte jetzt umsetzen und damit weitaus mehr Nutzen und Funktionalität bieten wollen, als es bisherige Standards ermöglicht haben. Die Zeiten, in denen es genügte, Content vom gedruckten Buch in digitale, aber nicht multimedial nutzbare Medien umzuwandeln, sind vorbei. Jetzt ist mehr gefragt: Interaktivität, Videos, 3D-Visualisierungen und Ähnliches.
ePub 2.0 konnte das bisher nicht leisten, ePub 3.0 stellt es in Aussicht. Aber genau hier liegt das Problem, denn für den neuen Standard gibt es eben bislang keine Lesesoftware, keine Reader-Apps für Tablets oder Smartphone, keine Updates für die bisher im Markt vorhandenen eReader und auch keine Produktionstools, also keine eBook-Autorenumgebungen und Prüftools, die lediglich im Beta-Stadium vorliegen. Bisher scheinen die Ankündigungen der Hersteller bezüglich einer schnellen Integration doch nicht mehr als nur Lippenbekenntnisse zu sein. Das zeigt schon, dass die Umsetzung von interaktiven und multimedialen Konzepten für eBooks mit ePub 3.0  wohl noch auf sich warten lässt.
Und was bietet uns Amazon? Das Kindle Format KF8 ist ausschließlich für Geräte der neueren Generation G4 und für Kindle Fire anwendbar. Dieses Tablet ist in Deutschland derzeit noch gar nicht verfügbar – angesichts der kürzlich veröffentlichten Meldung, dass der Kindle Fire stark am Gewinn des weltgrößten Onlinehändlers zehrt, ist es fraglich, welche Strategie das Unternehmen hier künftig einschlagen wird. Und mit älteren Kindle Geräten ist KF8 nicht kompatibel. Zudem gibt es zur Konvertierung der Daten in das KF8 Format lediglich ein Kommandozeilen-Programm ohne grafische Oberfläche.
Bleibt derzeit also noch das neue iBooks Textbook-Format von Apple als diskussionswürdige Alternative. Diese Lösung für das iPad ist mit der kostenlosen (!) Lesesoftware iBooks 2 sofort verfügbar. Die „Layoutsoftware“ iBooks Author bietet – man merke: ebenfalls kostenlos – eine Umgebung zum Erstellen der Bücher. Interaktive Inhalte lassen sich ohne großen Aufwand integrieren. Hier schließt Apple in der Tat eine Lücke zwischen ePub 3.0 und einer kostenaufwändig produzierten App. Vor allem aber sind iPads als Lesegeräte weit verbreitet, mehr noch: Sie erfreuen sich offensichtlich größter Beliebtheit. Gerade erst erreicht uns die Meldung, dass Apple allein im 4. Quartal 2011 15,4 Millionen iPads verkauft hat, das entspricht einem Anstieg um 111% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Seit der Markteinführung 2010 wurden damit etwa 55 Millionen iPads verkauft, Apple beherrscht den Tablet Markt trotz Konkurrenz deutlich.
Angesichts dieser beeindruckenden Zahlen und Fakten, wage ich also tatsächlich, die Verlage zu fragen: Worauf warten Sie noch? Apple bietet ein funktionierendes wie gefragtes Lesegerät, die passende kostenlose Software und stellt mit dem iBookStore zudem auch noch eine eingeführte Vertriebsplattform zur Verfügung. Dass das Unternehmen dafür ein Stück vom Apfelkuchen beansprucht, steht ihm nicht zuletzt auch  angesichts der rasanten Entwicklungsleistung zu. Das größere Stück aber können sich  Verlage abschneiden, die schnell sind, denn im deutschen iBookStore sind die Bücherregale in der neuen Kategorie interaktive Bücher im iBooks2 Textbook-Format noch leer! Sie warten nur auf Verlage, die Gas geben statt abzuwarten und mit Apple auf der rechten Spur überholen, um den eBook-Markt zu erobern.
Michael Hofner ist Geschäftsleiter Technik & Innovation der kaltner verlagsmedien. Er sondiert neue Technologien, prüft sie für den Einsatz im Verlagsumfeld hinsichtlich Effizienz und Qualität bei der Herstellung von Verlagsprodukten. Darüber hinaus ist Michael Hofner Referent unter anderem bei der Akademie des Deutschen Buchhandels, hier hält er unter anderem Seminare unter dem Titel “Vom gedruckten Buch zum E-Book: Formate, Konvertierungsmethoden und Prozessoptimierung” oder über die Herstellung von E-Medien.

Zugegeben, mit der Vorstellung von iBooks 2 und iBooks Author hat Apple wieder einmal für reichlich Furore gesorgt. Vor allem der Schulbuchmarkt ist in Aufruhr. Möglicherweise ist das nachvollziehbar – andererseits drängt sich mir in erster Linie die Frage auf: Worauf warten die Verlage denn nun noch? mehr…


Manuel Bonik: Piraten sind längst nicht besiegt


 |  01. Februar 2012  |  1 Kommentar »

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Mit der Verhaftung von Kim Schmitz alias Kim Dotcom, dem Betreiber von Megaupload, ist dem FBI ein schwerer Schlag gegen das Piraterieunwesen gelungen. Viele Branchenvertreter werden jubeln. Möglicherweise vorschnell.
Diejenigen werden jubeln, die meinen, dass man bislang juristisch nur gegen Tauschbörsen (P2P) vorgehen konnte – nicht aber gegen die Buchpiraterie auf Filehostern, die technisch wie juristisch völlig andere Konstruktionen sind. Dabei habe ich insbesondere Christian Sprang, den Justitiar des Börsenvereins vor Augen, mit dem ich im September letzten Jahres ja bereits eine Diskussion zum Thema geführt habe (hier zu lesen).
http://www.buchreport.de/nachrichten/nachrichten_detail/datum////welche-vernuenftige-regelung-fehlt-denn.htm?no_cache=1
Allerdings sollte man es mit dem Jubeln nicht übertreiben. Man muss sich nur die eine Tatsache vor Augen führen: Megaupload hat noch ca. 250 Brüder und Schwestern, viele kleinere, aber auch größere, und auf ihnen werden weiterhin im Minutentakt E-Books gepostet.
Interessant ist auch der Vergleich mit dem so vielbejubelten Hochnehmen des Film-Streamhosters kino.to im letzten Jahr: Innerhalb weniger Tage waren zwei Nachfolge-Plattformen online, deren Traffic den von kino.to in kürzester Zeit überschritt – auch, weil die Aktion nochmals kräftig Werbung für das Prinzip des Streamhostings gemacht hat. Einen mindestens sechsstelligen Eurobetrag zahlte die Rechte-Industrie für diesen Megaflop. Will sagen: Selbst wenn Kim Dotcom verurteilt werden sollte (wenn, dann wohl wegen Steuerhinterziehung, kaum wegen Buch-Klaus), wird sich der Filehoster-Traffic einfach ein wenig umschichten: Aus Raider wird Twix, sonst ändert sich nix.
Ein Gutes hat die Aktion dennoch, nämlich dass die Thematik Filehoster-Piraterie unübersehbar in die Schlagzeilen gekommen ist und sie jetzt niemand mehr ignorieren können sollte. Denn genau das wird immer noch in vielen Verlagen getan – die wenigsten haben auch nur einen informatisch (technisch, nicht juristisch!) ausgebildeten Vollzeit-Pirateriebeauftragten. Dies ist umso befremdlicher angesichts auch 2011 wieder geschrumpfter Umsätze. Dass die Umsätze weiter schrumpfen werden, erscheint logisch: Warum sollte es der Verlagsbranche anders gehen als Musik- oder Filmindustrie? (Wer, wie ich, täglich auf Piratenjagd ist und sich mit der Realität des Internets auseinandersetzt, kann übrigens schon jetzt ziemlich genau ansagen, welche Verlage demnächst sehr kleine Brötchen backen werden.)
Wem das hier alles zu orakelhaft klingt, den verweise ich einmal mehr auf unsere Studie „Gutenberg 3.0 – Ebookpiraterie in Deutschland“, die er sich unter http://abuse-search.com/news.html kostenlos herunterladen kann.
Wer die Vorgänge um Megaupload so interpretiert, dass jetzt noch mehr Geld in politische Lobbyarbeit und Prozesse gegen Filehoster gesteckt werden muss, liegt falsch; sollten da eines Jahres mal irgendwelche Erfolge bei herauskommen, wird es sich um Pyrrhus-Siege handeln. Richtig liegt, wer mit eigenem technischen Personal oder durch externe Dienstleister wie unsere Firma – wie man hier Spreu und Weizen unterscheidet, steht auch in unserer Studie – die Links bei den Filehostern beseitigen lässt. Aber, liebe Verleger, bitte nicht erst melden, wenn Sie pleite sind!
Manuel Bonik ist Marketing Director bei der auf Piraterie und Suchmaschinen spezialisierten Unternehmensberatung Lisheennageeha.

Mit der Verhaftung von Kim Schmitz alias Kim Dotcom, dem Betreiber von Megaupload, ist dem FBI ein schwerer Schlag gegen das Piraterieunwesen gelungen. Viele Branchenvertreter werden jubeln. Möglicherweise vorschnell. mehr…


Leander Wattig: Wenn die Grundfesten wackeln


 |  23. Januar 2012  |  21 Kommentare »

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Angesichts der Selfpublishing-Möglichkeiten wächst für die Verlage der Rechtfertigungsdruck, warum ihr Dienstleistungsbündel das beste für den Autor sein soll. Wenn ich ein Bestseller-Buchautor wäre, würde ich die Querfinanzierung hinterfragen. mehr…


Ralf Biesemeier: Digital, aber nicht trivial


 |  19. Januar 2012  |  Keine Kommentare »

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E-Books scheinen sich auch im deutschen Markt zu etablieren. Nun beginnt die Phase, in der mit digitalen Büchern auf breiter Ebene auch Geld verdient werden kann. Eigentlich. Denn hartnäckig hält sich der weit verbreitete Irrglaube, die Herstellung, Distribution und Vermarktung von E-Books sei trivial und die billigste Lösung damit immer auch die beste.
Im Vergleich zu den USA mag der Anteil digitaler Publikationen am gesamten Buchmarkt zwar noch recht bescheiden sein, aber die Pionier-Phase ist auch hierzulande vorbei. Die Leser sind nicht mehr nur unter den Technologie-affinen Early Adopters zu finden, und die E-Book-Reader haben eine ordentliche Basisverbreitung erreicht. Mittlerweile sind eine Vielzahl der Verlage mehr oder weniger stark im E-Book-Markt vertreten, teilweise schon mit umfangreichen Programmen, teilweise noch mit zaghaften Versuchen, aber dass man an den digitalen Büchern nicht mehr vorbei kommt, hat sich herumgesprochen. Das E-Book hat also Fuß gefasst und die Phase beginnt, in der mit digitalen Büchern auf breiter Ebene auch Geld verdient werden kann.
Dabei scheint für manchen „digital“ ein Synonym, wenn schon nicht für „umsonst“, so doch zumindest für „sehr billig“ zu sein. Papier braucht man schließlich keines, das Kopieren geht automatisch und kostet im Grunde ja nur ein wenig Strom.
Natürlich braucht man für E-Books weder Drucker noch Buchbinder. Das heißt jedoch nicht, dass Herstellung, Distribution und Vermarktung trivial sind, nur weil sie digital sind. Man braucht schon ein bisschen mehr als nur Strom. Es gibt zahllose Formate, für die der digitale Inhalt aufbereitet und angepasst werden muss. Je nach Dateiformat und Reader kann beispielsweise ein und derselbe Text ganz anders aussehen. Um ein qualitativ hochwertiges E-Book herzustellen, braucht es Know-how – damit zum Beispiel Bilder zuverlässig skalieren und nicht in den Text hineinlaufen, damit Fußnoten und Stichwortverzeichnisse „funktionieren“, damit die Zitierfähigkeit garantiert werden kann und auch besondere Inhalte wie interaktive Elemente passend umgesetzt werden.
Wenn man hier auf Billig-Lösungen setzt, kann es am Ende teuer werden. Denn die Herstellung eines „guten“ E-Books kann aufwendig sein, auch wenn der Produktionsprozess auf automatischen Prozessen aufbaut. Das kennt man im Übrigen vom Printbereich her: Hier würde man auch nicht blind dem billigsten Satzstudio und dem billigsten Drucker vertrauen.
Ralf Biesemeier ist Geschäftsführer des Spezialisten für E-Book-Herstellung und -Distribution Readbox in Dortmund.

E-Books scheinen sich auch im deutschen Markt zu etablieren. Nun beginnt die Phase, in der mit digitalen Büchern auf breiter Ebene auch Geld verdient werden kann. Eigentlich. Denn hartnäckig hält sich der weit verbreitete Irrglaube, die Herstellung, Distribution und Vermarktung von E-Books sei trivial und die billigste Lösung damit immer auch die beste. mehr…


Hartwig Schulte-Loh: Thalia und der Tod


 |  17. Januar 2012  |  21 Kommentare »

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In schwierigen und unruhigen Zeiten hat das Makabere Hochkonjunktur. Schon im Nachgang zur französischen Revolution wurden kleine Guillotinen zum Bestseller für das Kinderzimmer. Bei der verzweifelten Suche nach neuen Nonbooks ist der gute Geschmack nun endgültig unter die Räder gekommen. In seinem neuen Prospekt widmet Thalia dem Tod eine ganze Seite. mehr…


Wolfgang Tischer: Das große Jammern


 |  12. Januar 2012  |  8 Kommentare »

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2011 ist vorbei. Es war noch nicht das Jahr des E-Books. Aber es war das Jahr des Jammerns über das E-Book. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie das noch werden wird. mehr…


Martina Bergmann: Außerhalb der Komfortzone


 |  10. Januar 2012  |  3 Kommentare »

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Liebe Kollegen Sortimenter, geht es Euch allen wirklich so gut, dass Ihr nur über die hohe Umtauschquote bei den Ebook-Readern schimpft? Dass Ihr gegen Amazon hetzen müsst, der nun wirklich kein Buchhändler, aber dafür ein perfekter Logistiker ist? Ist es nicht Zeit, dass wir ans Eingemachte gehen? Ans Geld, an die Sicherheit und Absicherung unserer eigenen Existenz? mehr…


Jochen Krisch: Was macht das “Buch” der Zukunft aus?


 |  09. Januar 2012  |  Keine Kommentare »

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Das vergangene Jahr hat, nicht zuletzt auch getrieben durch iPad, Kindle & Co., viele neue und spannende eBook-Experimente gesehen: neue Lesegeräte, neue Veröffentlichungsformate, neue Vertriebsmodelle. Doch es fehlt noch an einer vernünftigen Infrastruktur. mehr…


Ralph Möllers: E-Books verlegen ist kein Kinderkram


 |  05. Januar 2012  |  12 Kommentare »

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Ralph Möllers: E-Books verlegen ist kein Kinderkram
Kinderbuchverleger zeigen ein auffällige Desinteresse am Thema E-Books. Tatsächlich kauft niemand seinem Kind einen E-Book-Reader oder gar ein iPad, um darauf Kinderbücher zu lesen. Und trotzdem gibt es im Appstore über 11.000 Apps für Kinder. Warum eigentlich?
E-Books sind doch nichts für Kinder, oder?
„Für uns ist das Thema im Moment noch kein Thema.“
„Auf den im Markt verfügbaren Readern sind unsere Bücher nicht darstellbar. Wir warten auf eine geeignete Plattform.“
„Kinder haben ja kein iPad.“
Diese zufällige und keinesfalls repräsentative Auswahl von Aussagen von Programmverantwortlichen auf der diesjährigen (2011) Tagung der „Arbeitsgemeinschaft von Kinder- und Jugendbuchverlagen“ (AVJ) dokumentiert das auffällige Desinteresse der Kinderbuchverlage für das Thema E-Books. Das stimmt übrigens erstaunlicherweise auch für die USA, wo der Print-Markt jeden Tag eine neue Schlacht gegen die E-Books zu verlieren scheint.
Auf den ersten Blick ist das alles sehr einleuchtend. Tatsächlich kauft niemand seinem Kind einen E-Book-Reader oder gar ein iPad, um darauf Kinderbücher zu lesen. Warum auch? Es gibt ja kaum Kinderbücher auf diesen Geräten. Und warum gibt es kaum Inhalte für Kinder? Weil ja, wie alle Verleger wissen, niemand ein iPad oder E-Book-Reader für sein Kind kauft. Da ist es nur konsequent, dass von den derzeit etwa 35.000 deutschen Titeln im iBook Store nur 168, also knapp 0,5 Prozent unter dem Stichwort „Kinder“ oder “Kinderbuch” gefunden werden. Auch wenn sicher nicht jedes Kinderbuch mit dem Stichwort „Kinder“ versehen wird, ist das doch sehr wenig, wenn man bedenkt, dass der Anteil der Kinder- und Jugendbücher am gesamten Buchmarkt bei ca. 11 Prozent liegt.
Und trotzdem gibt es im Appstore, Stand 1. September 2011, 11.367 Apps für Kinder. Warum eigentlich? Einige der kostenpflichtigen Apps sind mehr als 100.000 mal verkauft worden … offensichtlich von infantilen Erwachsenen.
Mehr als 80 Prozent der iPad Besitzer kaufen Inhalte für Kinder
Nun existiert der eBook-Markt ja beleibe nicht nur auf den auf den Geräten von Apple, im Gegenteil. Ich konzentriere mich aus drei Gründen dennoch auf das iPad bzw. iPhone. Zum einen ist derzeit das iPad mit der iBook App der einzige farbige und multimediale Reader mit einer relevanten installierten Basis. Zum anderen ist heute, im Herbst 2011, das iPad mit der iBooks App der einzige Reader der so genannte „Fixed Layout ePubs“ darstellen kann. Warum letzteres wichtig ist, wird sich gleich zeigen. Und schließlich gibt es noch einen dritten, entscheidenden Grund: Eine im Auftrag von Sony Family Entertainment durchgeführte interne Studie kommt zu einem verblüffenden Ergebnis: Mehr als 80 Prozent der in einer repräsentativen Umfrage befragten iPad-Besitzer gaben im Oktober 2010 an, dass sie bereits Inhalte/Apps für Kinder unter 10 Jahren gekauft haben (Quelle: mündliche Auskunft). Das ist ein verblüffend hoher Wert, den keiner der Beteiligten auch nur ansatzweise erwartet hätte.
Auch wenn sich mit der stetig steigenden Hardware-Basis – Apple rechnet mit ca. 2 Millionen iPads im deutschen Sprachraum bis Ende 2012 – diese Relation ein wenig verschieben wird, zeigt diese Zahl doch eines sehr deutlich: Der iPad ist ein „Family Device“, ein Familien-Computer oder eine „Familien-Konsole“.
Noch ein paar Zahlen von der diesjährigen Apple Entwicklerkonferenz gefällig?
In 14 Monaten wurden weltweit nicht nur 25 Millionen iPads verkauft, sondern auch 130 Millionen iBooks
Es gibt derzeit mehr als 425.000 Apps – 90,000 davon für das iPad
14 Milliarden Apps sind in weniger als 3 Jahren heruntergeladen worden. Dafür hat Apple allein im abgelaufenen Geschäftsjahr (bis Juni 2011) 2,5 Milliarden US-Dollar an externe Entwickler überwiesen, 1,5 Milliarden mehr als im Jahr zuvor.
Es gibt mehr als 225 Millionen iTunes Accounts mitsamt Kreditkarteninformationen.
Ein hinreichend großer Marktplatz also. Aber auch für E-Books?
„It’s the app“ … or is it?
„Einhellige Meinung: Die Zukunft liegt nicht im eBook, sondern in den Apps.“ Diese schöne Einhelligkeit herrschte laut Börsenblatt im März 2011 bei der TOC Konferenz im Rahmen der Kinderbuchmesse in Bologna. Und wie fast immer, wenn sich unsere Branche einig ist, liegt sie daneben … wenn auch nur haarscharf.
Sicher, der sehr beachtliche Erfolg von einigen Apps bzw. vor allem von erfolgreichen Kinderbuch-Marken im App Store (vor allem Carlsen mit Conni oder Pixi punktet hier) scheint dieser Aussage Recht zu geben. Aber bei Terzio machen wir eine ganz andere Erfahrung. Es ist sehr teuer, eine konkurrenzfähige App zu erstellen. Unter 10.000 Euro Entwicklungskosten ist hier kaum ein vermarktbares Produkt zu haben. Die Mehrheit der erfolgreicheren Apps dürfte ein Mehrfaches gekostet haben. Darüber hinaus ist es unendlich schwer, zwischen den über 425.000 Apps gefunden zu werden. Wenn man dann gefunden wird, jammern 50 Prozent der Kunden herum, dass diese App für den „stolzen Preis“ von 1,59 Euro „noch nicht einmal Spracherkennung“ anbietet. Bei Apps für iPhone oder iPad hält der Kunde ganz offenbar bereits einen Preis für besonders hoch, für den man meist noch nicht einmal einen Cappuccino kaufen kann.
Natürlich bieten Apps eindeutig die besseren Möglichkeiten, interessante, interaktive Produkte vor allem mit Inhalten für Kinder zu entwickeln. Allein, die Ökonomie dieses Marktes macht es derzeit nahezu unmöglich, hier auch Geld zu verdienen. Das bedeutet sicherlich nicht, dass ein Kinderbuch- oder besser ein Kindermedienverlag diese Option ignorieren sollte. Ganz zweifellos ist hier ein relevantes Marktsegment entstanden, das enormes wirtschaftliches Potenzial hat.
Das ePub-Problem
Anders sieht das bei den E-Books aus, namentlich den so genannten „enhanced E-Books“, also Büchern mit Zusatzfunktionen oder –inhalten. Von einem eBook, das der Kunde für seinen Reader kauft, erwartet er ganz offenbar nicht wesentlich mehr als eben die Darstellung des Buches und findet zusätzliche Features wie Audio, Video, Suchfunktion usw. meistens erfreulich und viel mehr als er erwartet. Darüber hinaus wird offenbar auch noch generell ein höherer Preis akzeptiert … wenn auch nicht der vom Börsenverein und einigen Verlagen erträumte „Hardcover minus ein bisschen“.
Vor diesem Hintergrund machen E-Books im Kindersegment derzeit deutlich mehr Sinn. Vor allem wenn sie „enhanced“ sind! Die Kosten für derartige E-Books betragen in der Regel einen Bruchteil der Entwicklungskosten einer App. Die im Folgenden beschriebenen enhanced E-Books erfordern für ein typisches Bilderbuch oder Sachbuch Investitionen von 1.500 bis maximal 2.500 Euro bei einem deutlich höheren akzeptierten Preispunkt.
Es gibt allerdings ein grundlegendes Problem, das vorher gelöst werden muss. Für uns als Kinderbuchverlag ist der aktuelle ePub Standard mehr als unbefriedigend. Der Leser kann in einem ePub-eBook die Schriftgröße und damit das Layout praktisch beliebig ändern, eine „Buchseite“ existiert in E-Books normalerweise nicht. Amazon nimmt ePub-Dateien, die Seitenzahlen enthalten, erst gar nicht an (ein großes Problem für die Zitierbarkeit eines E-Books übrigens). Für Bilder- und überhaupt alle illustrierten Bücher ist das allerdings inakzeptabel, sie basieren auf sorgfältig designten Seiten, meistens sogar Doppelseiten. Dynamische Schriftgrößen zerstören dieses Design und reißen Text und Illustration auseinander.
Hinzu kommt, dass die am weitesten verbreiteten E-Book-Reader mit der nur schwarz-weißen eInk-Technologie arbeiten. Auch diese Einschränkung, die bei textbasierten Büchern irrelevant sein mag, ist für Kinderbücher inakzeptabel. Auch einer der genannten Gründe, warum wir uns hier auf das iPad konzentrieren wollen.
Kein Wunder, dass Kinderbuchverlage angesichts dieser Optionen nicht gerade enthusiastisch sind. Seit dem Herbst 2010 steht nun für iBooks auf iPad, iPhone und iPod Touch ein erweiterter ePub Standard zur Verfügung, das so genannte „Fixed Layout ePub“. Einige der sehnsüchtig von ePub 3.0 erwarteten Features sind hier bereits implementiert:
feste, nicht veränderbare Schriftgröße
Text bleibt dennoch als durchsuchbarer Text erhalten und wird nicht etwa in ein JPG umgewandelt. Die Textdarstellung ist auch in der Zoomansicht konstant.
Text und Audio können synchronisiert werden. Eine so genannte „Read Aloud“ Funktion erlaubt dabei die optische Markierung des gerade gelesenen Wortes oder eines beliebigen Textteiles (Satz, Absatz …)
Mit der „Read Aloud“ Option kommt auch die Möglichkeit, die Seiten automatisch umblättern zu lassen und so das ganze Buch vorlesen zu lassen.
Navigationselemente wie ein Start/Stop-Button für eine Audio-Datei können frei gestaltet und auf der Seite integriert werden.
Einfache Animationen können in einem eigenen Animationslayer realisiert werden.
Wir haben eine ganze Reihe von derartig erweiterten, interaktiven Bilderbüchern mit unserem Partner book2look Publishing realisiert. Die Besonderheiten: Auf jeder Seite kann mit einem passend zum Buch gestalteten Start/Stop-Button das Audio mit dem vorgelesenen Text oder einem Song (unser Bücher enthalten fast immer eine CD mit Musik) abgespielt werden.
Das doppelseitige Design bleibt erhalten, die Darstellung der in diesem Fall besonders feinen Aquarell-Illustrationen wirkt durch die Leuchtkraft des Displays sogar noch besser als in einem hochwertigen Druck. Die Darstellung der Schrift ist auch im Zoom noch hervorragend, wie man auf der folgenden Abbildung erkennen kann.
Wenn Sie die eBook Version dieses Buches lesen hoffe ich, dass Sie ein iPad oder ein anderes hochauflösenden Display verwenden.
Die Vorlesefunktion mit einem professionell produzierten Audio schlägt die in manchen Reader implementierte Text to Speech-Technologie um Längen. Letztere ist als Lösung für Sehbehinderte vielleicht sinnvoll, eine angemessene Repräsentation des Textes vor allem für Kinder ist sie aber keinesfalls.
Wir haben uns bei unseren Büchern gegen die Verwendung der „Read Aloud“ Funktion entschieden, weil die Darstellung – das gerade gelesene Wort wird kaum sichtbar in einem roten Font angezeigt – uns noch nicht überzeugt. Außerdem ist die Implementierung extrem aufwändig (ca. eine Mannstunde pro Minute Audio) und generell eher für echte Leselernbücher als für Bilder- oder gar erzählende Kinderbücher geeignet.
Kinder-E-Books sind Hightech!
Für Kinder sind die Geräte, auf denen wir E-Books lesen, ein ganz normaler Bestandteil ihrer Umwelt. Sie haben weder Berührungsängste mit den von den Erwachsenen als „High Tech“ apostrophierten „Devices“ noch trauern sie um die verlorene „Buch Aura“, egal wie oft wir Buchverleger ihnen unseren Lieblingsfilmclip „It’s a book“ (http://www.youtube.com/watch?v=x4BK_2VULCU ) vorspielen.
Im Gegenteil, Kinder begrüßen neuen Technologien begeistert und ganz besonders wenn darauf für sie angemessene und attraktive Inhalte verfügbar sind. Allerdings erwarten Kinder heute von jedem Inhalt auf einem elektronischen Gerät auch, dass er mehr ist als ein bloßer Text mit Bildern. Sie erwarten Interaktion und Multimedialität. Unsere Kinder sind mit dem Gameboy und allen möglichen anderen Konsolen aufgewachsen. In jedem Haushalt steht mindestens ein Computer, den sie mitbenutzen dürfen. Erfüllen elektronischen Kinderbücher diese Erwartung, werden Sie von Kindern auch gerne angenommen und „gelesen“. Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte Nachricht ist, dass die Eltern, die als Buchkäufer in Frage kommen, also „Besserverdienende/Bessergebildete“, oft eher zu Petra Gersters „Bildschirm-ist-böse-Fraktion“ gehören. Da sie aber die eigentlichen Käufer der Produkte für Kinder sind, ist es die zentrale Aufgabe des Marketings, die Eltern zu gewinnen. Dabei gibt es zwei Hürden, eine überwindliche und eine (fast) unüberwindliche.
Die erste Hürde, die Reserve der Eltern gegen „Bildschirmbücher“ ist durch gute Produkte und intelligentes Marketing überwindbar.
Geschenkt!
Die zweite, fast unüberwindliche Hürde ist ein grundsätzliches Problem downloadbarer Produkte: Kinderbücher wechseln quasi per definitionem als Geschenk den Besitzer. Entweder als beiläufiges Geschenk nebenbei, meistens weil man seinem eigenen Kind gerne das sprichwörtliche „gute Buch“ an die Hand geben möchte, oder als ein „feierliches“ Geschenk zum Geburtstag, zu Weihnachten etc. Mindestens für das feierliche Geschenk braucht man das physische Produkt, braucht man Atome, nicht nur Bits und Bytes. Schließlich möchte man etwas einpacken und überreichen. Die so genannten eBookCards ( www.eBookcards.de) meines Co-Autors Cao Hung Nguyen sind hierfür vielleicht eine Lösung, aber im Kinderbuchbereich vielleicht noch nicht haptisch genug.
Es sind daher wohl eher die anderen typischen Nutzungssituationen, in denen E-Books für Kinder auch für die Eltern eine angemessene Lösung darstellen: die gefürchteten Autofahrten mit Kindern, der Restaurantbesuch usw. In all diesen Fällen ist ein eBook nicht nur schnell und jederzeit verfügbar, sondern auch herzlicher willkommen als ein Ballerspiel für das iPhone oder das iPad.
Das iBooks Marketing Dilemma
Wie erfahren Eltern davon, dass es die passenden E-Books gibt? Wer einen Reader besitzt, egal ob iPad oder irgendein anderes Modell, sucht von sich aus in den einschlägigen Online-Shops nach Büchern, auch nach Kinderbüchern. Man kann davon ausgehen, dass Sie die Bücher bzw. Serien suchen, die Sie bereits in gedruckter Form kennen und vielleicht auch besitzen. Leider gibt es im Fall des iBookstores, anders als bei allen anderen eBook-Plattformen, derzeit praktisch keine Möglichkeit, als Verlag aktiv Marketing zu betreiben. Nur im amerikanischen und japanischen Store haben Verlage die Möglichkeit, Bücher aktiv zu bewerben. Der Rest der Welt ist, wie immer im Apple-Reich, vollständig von Apples Gnade abhängig. Welche Bücher im iBookstore besonders promoted werden, entscheidet allein Apple.
Für Kinderbuchverlage ergibt sich daraus ein Dilemma: Die einzige Plattform, auf der E-Books für Kinder angemessen dargestellt werden, ist gleichzeitig die einzige Plattform auf der man keine Werbung für seine Bücher machen kann. Dort wo man seine Bücher bewerben könnte, kann man aber (illustrierte) Kinderbücher praktisch gar nicht umsetzen.
Allerdings gilt natürlich auch für Kinderbücher, dass vor allem Empfehlungen von Freunden und Besprechungen in den Medien eine sehr einflussreiche Informationsquelle darstellen. Rezensionen sind für uns Verlage wunderbar und das oberste Ziel unserer Pressearbeit, allerdings werden E-Books von den Rezensenten kaum wahrgenommen.
Fazit: E-Books sind Kinderkram
Kinder lieben E-Books! Aber sie müssen ihre Erwartungshaltung erfüllen. Eltern können E-Books für Kinder auch lieben, aber sie müssen davon erfahren, vorzugsweise über Freunde. Verlage können mittelfristig gute Umsätze mit höheren Einzelpreisen erzielen, aber sie müssen die neuen Spielregeln lernen und beherzigen.
Ralph Möllers gründete 1997 gemeinsam mit Iris Bellinghausen den Terzio Verlag mit Schwerpunkt auf Kindermedien und die Kindermusicals um Ritter Rost. Terzio wird seit dem Jahreswechsel als Imprint von Carlsen geführt.
http://www.buchreport.de/nachrichten/verlage/verlage_nachricht/datum/2011/11/25/neuer-burgherr-fuer-ritter-rost.htm
Gemeinsam mit dem technischen Partner WITS Interactive entwickelte Möllers das Online-Marketingtool book2look und gründete die Unternehmen book2look Deutschland bzw. book2look International.
Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „eBooks verkaufen – aber richtig!“, herausgegeben von Holger Ehling mit Beiträgen von Richard K. Breuer, Jens Klingelhöfer, René Kohl und Cao Hung Nguyen. Erschienen ist das Buch bei PhilSpacePress (Oktober 2011).

Kinderbuchverleger zeigen ein auffällige Desinteresse am Thema E-Books. Tatsächlich kauft niemand seinem Kind einen E-Book-Reader oder gar ein iPad, um darauf Kinderbücher zu lesen. Und trotzdem gibt es im Appstore über 11.000 Apps für Kinder. Warum eigentlich? mehr…


br: „Feuer“ im falschen Format


 |  21. Dezember 2011  |  Keine Kommentare »

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Bereits vor dem Zieleinlauf in das Weihnachtsgeschäft 2011 zeichnete sich ein Gewinner aus dem Technologie- und Medien-Bereich ab: der „Kindle Fire“. Die Redaktion von buchreport.de hat das Amazon-Tablet getestet. mehr…