„Dem Kindle fehlt der Chic des iPod“
buchreport hat acht Online-Experten zu den Perspektiven elektronischer Bücher auf dem deutschen Buchmarkt interviewt. Stephan Füssel, Gutenberg Universität Mainz:
Amazon hat mit dem Kindle einen neuen Versuch gestartet, dem E-Book zum Durchbruch zu verhelfen. Wie schätzen Sie die Chancen ein?
Die bisherigen E-Books waren zu schwer, zu unhandlich und in der Regel in kein überzeugendes Vertriebskonzept eingebunden; insofern ist mit dem Kindle eine neue Phase im Experimentierstadium erreicht. Vor allen Dingen das E-Paper bietet innovative Vorteile; die bessere Lesefähigkeit als LCD, erheblich geringeres Gewicht, deutlich niedrigerer Stromverbrauch und das Entwicklungspotenzial, künftig eine kontrastreichere und farbige Darstellung zu ermöglichen. Wir haben in Mainz dem Erfinder des E-Papers, Prof. Dr. Joseph Jacobson vom MIT in Cambridge/Massachusetts daher im Jahr 2000 den Gutenberg-Preis überreicht, da die Veränderung eines Beschreibstoffes (vom Pergament zu Papier vor Gutenberg - vom Papier zum Display in der Gegenwart) eine wichtige Voraussetzung für eine Medienrevolution darstellt. Das jetzige E-Book hat Potenziale nur in den Bereichen, wo es auf eine reine Textdarstellung, ohne Illustration und besondere Auszeichnungen, aber auch ohne typografische Gestaltung ankommt.
Wie stellen Sie sich auf den Trend zum elektronischen Buch ein?
Als Buchwissenschaftler verfolgen wir alle Entwicklungen, den 16-Farb-Offsetdruck ebenso wie Open Access-Verfahren, Google Book Search oder Libreka. Nach unseren inzwischen 15-jährigen detaillierten Beobachtungen geht der Trend aber ausdrücklich nicht zu einem solitär in der elektronischen Landschaft stehenden E-Book, sondern zu einer Konvergenz unterschiedlicher Funktionen, etwa einem Organizer mit vergrößertem Display, der neben Internetzugang und E-Mail-push-up problemlos jede Form von pdf‘s laden kann. Wenn dieser „Blackberry“ (um nur ein Beispiel zu geben), dann noch mit verbessertem E-Paper in Farbbrillanz ausgestattet wird, könnte sich der Trend zum elektronischen Buch verstärken; vergleichen Sie die Vorliebe in Japan für „Romane“ in Kürzestform auf dem Handy.
Wo sehen Sie die größten Hürden dieses Marktes?
Zunächst im Preis von 359 Dollar und im viel zu hohen Preis für die Buch-Software, der in der Regel mindestens 50 % des gedruckten Buches ausmacht, trotzdem sind die erworbenen Texte wegen des eigenen DRM nur in diesem Kindle lesbar und nicht auf den PC etc. übertragbar. Zudem fehlt den drei Prototypen SonyE-Reader, Iliad und Amazon Kindle jener Chic, der mit dem iPod verbunden ist. Der Kontrast beim Lesen ist noch viel zu gering und ermüdet schon nach kurzer Zeit; gerade auf die Bildinformation, auf die die Mediengesellschaft zunehmend in allen Bereichen setzt, muss hier noch fast vollständig verzichtet werden.
Wie hoch wird Ihrer Meinung nach der Anteil digitaler Bücher am Umsatz des gesamten Buchmarkts in fünf Jahren sein?
Die Frage muss differenziert beantwortet werden; wir erleben seit 15 Jahren einen deutlichen Trend, wissenschaftliche Fachinformation nur noch in E-Journals zu publizieren; dieser Trend ist in der Medizin und den Naturwissenschaften ungebrochen, auch bei geistes- und sozialwissenschaftlichen Publikationen gehen die Auflagenziffern in Printform drastisch zurück. Wirkungen des e-books für den Massenmarkt würden sich allerdings erst in der Belletristik und bei der Ratgeberliteratur, im Schulbuch und im Fachbuch zeigen. Gerade hier ist der Print-Trend aber nicht nur stabil, sondern eher im Wachsen begriffen. Digitale Information insgesamt wird 2013 etwa bei 10 % liegen; den Umsatz über E-Books wie das Kindle, schätzen wir in fünf Jahren aber auf weniger als 4 % ein.
Es gibt in den USA wie hierzulande Diskussionen zum Pricing von E-Books. Auf welcher Basis sollen die Preise gesetzt werden?
Hier ist eine völlige Neukalkulation erforderlich, die nicht wie bisher auf der Relation zum Preis für ein gedrucktes Buch basiert. Kosten für die physische Erstellung eines Buches und den teuren Transport entfallen; die Kosten für eine Netzverbreitung sinken bei zunehmender Auslastung deutlich. Hinzu kommt bei einer von uns präferierten Kombi-Lösung mit Organizer die Flatrate-Verrechnung. Mit anderen Worten, die Preise sollten auf einer neuen Vertriebsstruktur, Abrufhäufigkeit, Verweildauer auf dem E-Book etc. völlig neu gestaltet und kalkuliert werden. Das Skimming wie von Amazon im us-amerikanischen Markt ist nicht geeignet, einen signifikanten Durchbruch zu erreichen.
Hat der stationäre Buchhandel eine Chance, an dem Geschäft zu partizipieren?
Das Sortiment sollte sich wie immer möglichen Trends öffnen, ebenso wie die inzwischen selbstverständliche Übernahme der CD-Rom oder der DVD in das Programm auch E-Books und entsprechendes Zubehör anzubieten. E-Book-„Tankstellen“ wären nur bedingt denkbar, da die Zunahme von Wireless-LAN-Verbindungen diese Form des vor Ort-Verkaufs unnötig macht.
Läuten Kindle & Co. den Tod des gedruckten Buches ein?
Nein! Wie schon ausgeführt, bedarf es einer differenzierten Betrachtung des gegenwärtigen Buchmarktes. Die hohe Druckqualität der Gegenwart, das kontrastreiche, augenfreundliche Lesen; die hohe Qualität der Farbabbildungen, die grandiosen Reproduktionsmöglichkeiten von Kunstschätzen der Welt, das haptische Vergnügen beim Umblättern, die Orientierung beim Lesen durch das Erkennen des Umfanges, das Vorblättern von Kapiteln, das einfache und schnelle Zurücklesen, kurzum das gesamte haptische und ästhetische Vergnügen und die hohe Praktikabilität des Buches, die zum „Starten“ keinerlei technische Hilfsmittel benötigt, sichern der Belletristik und dem Fachbuch, dem Kunstbuch und dem Reiseführer, dem Schulbuch und dem Fachbuch noch für Jahrzehnte eine stabile Zukunft. Die aktuelle wissenschaftliche Fachinformation wird sich zwar verstärkt in digitaler Form präsentieren, ebenso die Zeitungslektüre. Doch wird diese Art von elektronisch vorgehaltener Information weniger über ein zusätzliches technisches Gerät mit eigenem Rechtemanagement wie dem E-Book, sondern über die zunehmend komfortabler werdenden Organizer und Laptop-Leichtgewichte verkauft werden. Die Digitalisierung schreitet auch beim Buch voran, allerdings nicht signifikant bei den E-Books a la Kindle.



