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Großbritannien: Umsätze im Sinkflug

Buchmarkt 2011

Der britische Buchhandel hat in diesem Jahr bislang nichts zu lachen. Die Halbzeitbilanz von BookScan weist nach sechs Monaten ein Minus in der Kasse mit gedruckten Büchern von 3% auf 677,4 Mio Pfund (ca. 780 Mio Euro) aus, das ist das schlechteste Zwischenergebnis seit 2005. Auch  im Juli und August hat sich der Negativtrend fortgesetzt: Der Juli-Umsatz lag im Vergleich zum Vorjahr um 4%, der August um 8% zurück.

Doch es ist nicht nur die Konkurrenz von Online-Handel, Supermärkten und digitalem Geschäft, die den Buchhandelsumsatz drücken. Die britische Konjunktur geht an Krücken. Explodierende Energiekosten und Steuererhöhungen sorgen dafür, dass den Konsumenten immer weniger Geld zur Verfügung steht.

Waterstone’s nach dem Verkauf

Alle Augen sind in Großbritannien auf Waterstone’s gerichtet. Dort wurde zum 1. Juli der Abschied von der HMV Group vollzogen und der Verkauf des Buchhandelsmarktführers an den russischen Investor Alexander Mamut rechtskräftig. Seither trägt Geschäftsführer James Daunt die Verantwortung für die 296 Filialen, die zuletzt 499,2 Mio Pfund (582 Mio Euro) umgesetzt haben.Die Erwartungen an den neuen Mann an der Spitze sind genauso hoch wie die Vorschusslorbeeren, mit denen er seine Aufgabe angetreten hat: Der ehemalige Banker kann nicht nur mit Zahlen umgehen, sondern gilt als einer der profiliertesten Buchhändler im Land. Dass Mamut ihn ins Boot geholt hat, gilt als Bekenntnis des neuen Eigentümers zum klassischen Sortimentsbuchhandel.

Wenn Daunt eine Achillesferse hat, dann ist es seine mangelnde Erfahrung in der Führung einer in der Fläche operierenden Buchkette. Doch bislang hat der 48-Jährige nichts falsch gemacht. Nach drei Monaten im Amt nimmt die strategische Planung für den Neuauftritt des letzten britischen Buchfilialisten mit Vollsortiment Konturen an:

  • Neue Preisgestaltung: Sonderangebote für sorgfältig ausgewählte Titel statt teure „3 for 2“-Kampagnen querbeet durchs Sortiment.
  • Bessere Verlagskonditionen: Angeblich laufen derzeit Gespräche mit den Verlagen über einen Einheitsrabatt in Höhe von 59 bis 60%; im Gegenzug verzichtet Waterstone’s darauf, sich Promotions bezahlen zu lassen.
  • Infrastruktur: Rückkehr zum zentralen Einkauf und Aufbau von regionalen Vertriebsabteilungen als Schnittstelle zu den Filialen und den Einkäufern.
  • Digitales Geschäft: Nach dem Vorbild von Barnes & Nobles’ Nook will Waterstone’s Amazon mit einem eigenen E-Reader die Stirn bieten. Das Lesegerät soll in Großbritannien voraussichtlich im Frühjahr 2012 auf den Markt kommen.

Buchbranche setzt mit „World Book Night“ positive Akzente

Für innovative und aufmerksamkeitsheischende Buchwerbung hatten die Briten schon immer ein Händchen. Doch eine so aufwendige Kampagne wie „World Book Night“ hat auch auf der Insel Seltenheitswert.20 000 Bürger konnten am 5. März in ihrem Umfeld jeweils 48 Exemplare ihres Lieblingsbuches verschenken, das sie aus einer Auswahlliste von 25 Titeln gewählt hatten. Die Verlage hatten diese Bücher kostenlos zur Verfügung gestellt. Die sog. „Book Giver“ waren zuvor unter mehr als 40000 Interessenten ausgelost wurden. Euphorisch begleitet wurde das Event von den Printmedien, Radio und Fernsehen. Am Tag selbst begleitete BBC2 mehrere „Book Giver“ und berichtete live zur besten Sendezeit über die Aktion und die Bücher, was wiederum im Buchhandel zu einer kräftig gestiegenen Nachfrage nach den Auswahltiteln geführt hat. Die Idee für die Großveranstaltung hatte Canongate-Verleger Jamie Byng, der dafür nicht nur die Branchenverbände, sondern auch Buchhändler, Schriftsteller und Agenten ins Boot holte. Die nächste „World Book Night“ findet am 23. April 2012 statt, und zwar erstmals auch in den USA.

Bibliotheken in der Krise

Die rigorose Rotstiftpolitik, mit der die britische Regierung den Staatshaushalt sanieren will, hat gravierende Auswirkungen auf die Bibliotheken. Der Grund: Die Kommunen werden zur Kasse gebeten und geben die ihnen verordneten Sparetats nach unten weiter, mit fatalen Folgen vor allem für die öffentlichen Büchereien im Land, die serienweise von der Schließung bedroht sind.Doch die Bibliotheken haben starke Verbündete in einer zunehmend empörten Öffentlichkeit. In den betroffenen Städten und Regionen wird wütend protestiert, einstweilige Verfügungen gegen geplante Schließungen mehren sich. Nicht ganz überraschend sind bereits die ersten Kommunen angesichts der massiven Bürgerproteste eingeknickt.

London Book Fair feiert volles Haus

Die London Book Fair rief, die internationale Buchbranche kam – und ging zur Tagesordnung über, als hätte es 2010 die Aschewolke aus Island nie gegeben, die die britische Buchmesse zur Rumpfveranstaltung de-gradiert hatte. 1696 Aussteller aus 58 Ländern sorgten im 40. Jubiläumsjahr für einen neuen Rekord. Auch das Agenten-Center war mit 575 verfügbaren Tischen restlos ausgebucht.Womit die Londoner Buchmesse bei Verlegern, Agenten und Besuchern besonders punktet, ist ihre Überschaubarkeit. Alle Aussteller haben im Messekomplex Earl’s Court auf einer Ebene Platz. Die deutsche Branche wurde einmal mehr von der Frankfurter Buchmesse vertreten, Verlage mit eigenem Stand sind die absolute Ausnahme.

Buchmarkt in Zahlen: Großbritannien

  • Umsatz 2010: 3,88 Mrd €/+2%
  • Neuerscheinungen/Jahr: 151 969
  • Preisbindung: nein
  • Mehrwertsteuer auf Bücher: 0%
  • Allg. Mehrwertsteuersatz: 20%
  • Lizenzvergabe nach Großbritannien: 149 Titel
  • Anteil am dt. Lizenzgeschäft: 1,8%
  • Deutscher Buchexport nach Großbritannien: 71,55 Mio € 
  • Zahl der Buchhandlungen: ca. 2200
  • Wichtige Vertriebswege
    – Buchhandel/Buchketten: 35%
    – Supermärkte: 14%
    – Direktverkauf/Buchklubs: 6%
    – Internet: 26%
  • Buchmesse: London Book Fair
    Termin: 16.–18.4.2012, Fachmesse

Quellen: buchreport/Statistics Yearbook 2010, Publishers Association/Books & Consumers © BML Bowker/Kantar Worldpanel 2011/„Buch und Buchhandel in Zahlen“



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